Wenn sich der Bizeps wölbt

Der Spiezer Fabian Recher geht mit dem Swiss Para-Racing-Team an der WM im Italienischen Maniago an den Start. Der 19-Jährige will in erster Linie Erfahrungen sammeln.

Ein kleines Muskelpaket: Fabian Recher auf seinem Handbike.

Ein kleines Muskelpaket: Fabian Recher auf seinem Handbike.

(Bild: PD)

Adrian Lüpold

Fabian Rechers Arme sind ein richtiger Hingucker. Wie bei einem austrainierten Kunstturner oder Boxer wölbt sich der rechte Bizeps des Spiezers während der Begrüssung beim Handschlag zu einem knackigen Hügel. Entsprechend bestimmt kommt auch der Händedruck des Berner Oberländers daher.

Der junge Mann wirkt selbstbewusst – so, wie es sich für ein 19-jähriges Sporttalent geziemt, das vor seinem ersten Einsatz bei einer Weltmeisterschaft steht. Als Recher im Gespräch mit sanfter Stimme über seinen sportlichen Werdegang als Handbiker zu erzählen beginnt, schimmert indes auch eine sensible Seite durch beim Muskelpaket. Sie hat auch mit seiner Lebensgeschichte zu tun.

Operation vor der Geburt

Denn Recher stand bereits in ärztlicher Behandlung, bevor er überhaupt das Licht der Welt erblickt hatte. Als erstes europä­isches Baby operierten ihn Spezialisten aus den USA erfolgreich noch im Mutterleib.

Dies, nachdem Rechers Eltern während der Schwangerschaft von den Ärzten die Diagnose Spina bifida – im Volksmund auch bekannt als offener Rücken – erhalten und sich für eine Operation entschieden hatten, welche in der Schweiz damals gar nicht möglich gewesen wäre.

Der erfolgreiche Eingriff erwies sich als pures Glück für die Familie. Anstatt mit einer womöglich erheblichen Behinderung – die Fehlbildung kann im Extremfall zu Querschnittslähmung, geistiger Behinderung oder zu einem Wasserkopf führen – leben zu müssen, genoss Recher eine wunderbare Kindheit mehrheitlich als Fussgänger. Aber auch der Rollstuhl ist bis heute sein stetiger Begleiter, weil er beim Gehen mit der Zeit etwas müde wird.

«Der Rollstuhl ist wie ein kleiner Teil von mir, aber als Jugendlicher spielte ich zum Beispiel auch Fussball oder Basketball, fuhr Ski und tollte mit meinen Kollegen herum», erzählt Recher, welcher bei der Swisscom in Worblaufen eine Sport-KV-Ausbildung im vierten und letzten Lehrjahr absolviert.

Mit purer Muskelkraft

Im Alter von etwa zehn Jahren entdeckte der Spiezer das Handbike: «Sport und Bewegung gehörten schon immer zu meinen ganz grossen Leidenschaften. Das Handbike faszinierte mich, weil es sowohl Ausdauer als auch Kraft benötigt», sagt Recher. Das Handbike ist eine Art Fahrrad, das jedoch mit purer Muskelkraft aus den Armen heraus angetrieben wird.

Der Athlet liegt fast waagrecht auf einem futuristisch anmutenden Rad und kurbelt mit den Armen, was das Zeug hält. Was auf den ersten Blick locker und spassig aussieht, ist in der Tat ein knüppelharter Kraftakt, der Ausdauer und Kraft erfordert.

Spätestens als Recher in Spiez in der Oberstufe einer Sportklasse beitrat, intensivierte er das Training. Die Muskeln und das Leistungsvermögen wuchsen, und bald manifestierte sich Rechers grosses Talent auch unter Wettkampfstress. Er gewann den nationalen Titel in der U-19-Kategorie, zudem belegte er bei der Paracycling Austria Tour den ausgezeichneten sechsten Platz.

Erfolge, welche Lust auf mehr machten. So träumt Recher, der im Winter als Langläufer an der Fitness arbeitet, von einer Teilnahme bei den Paralympics. An die Wettkämpfe in Tokio 2020 hat er bereits gedacht, «doch vielleicht kommen diese Spiele doch noch etwas zu früh», meint der smarte Oberländer, der glaubt, dass er seinen Trainingsaufwand wohl noch etwas steigern müsste.

Erfahrungen sammeln

«Zurzeit absolviere ich sechs Einheiten pro Woche, was einem Aufwand von etwa zehn Stunden entspricht. Das ist vom Aufwand her eher am unteren Niveau», sagt Recher. Erfahrungen sammeln auf dem Weg zu seinen ersten Paralympics kann Recher in den nächsten Tagen (2.–5. August). Im Norden Italiens, in Maniago, wird der Spiezer als jüngstes Mitglied des Schweizer Para-Racing-Teams an den Start gehen.

Recher möchte bei seiner ersten WM vor allem lernen und von den Tipps profitieren, die ihm etwa Teamkollege und Legende Heinz Frei mit auf den Weg geben wird. «Bei der WM geht es auch um Punkte für die Schweiz, die für die nächsten Paralympics wichtig sind. Das spornt mich zusätzlich an, alles zu geben.» Recher ist heiss auf die WM. Entsprechend wird er seine kräftigen Arme wirbeln lassen.

Berner Zeitung

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