Fertig mit Schönreden

Nach dem 0:2 gegen Luzern geht der FC Thun als Letzter in die Nationalmannschaftspause. Mangelhafte Effizienz und defensive Unzulänglichkeiten sind ständige Begleiter.

Keine Punkte und viel Frust. Thuns Flügel Matteo Tosetti sagt nach dem Spiel gegen Luzern: «Wir sind in einer Riesenkrise.»

Keine Punkte und viel Frust. Thuns Flügel Matteo Tosetti sagt nach dem Spiel gegen Luzern: «Wir sind in einer Riesenkrise.»

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Simon Scheidegger@theSimon_S

Es ist Samstag, aber es könnte auch ein Mittwoch oder Sonntag in den letzten Wochen gewesen sein. Simone Rapp sagt, was er schon oft gesagt hat: «Wir haben viele Chancen, aber wir machen die Tore nicht.» Und Basil Stillhart meint: «Wir haben nicht das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten. Wir müssen jedoch das Positive herausnehmen. Dann kommt es sicher gut.»

Als die Spieler des FC Thun im Bauch der Stockhorn-Arena über das Spiel gegen den FC Luzern reden, dieses 0:2, diese fünfte Niederlage in der Liga in den letzten sechs Spielen, hallen ihre Worte durch die Gänge. Der eine oder andere Beobachter dürfte sich vorgekommen sein wie bei der Wiederholung eines billigen Hollywoodfilms, den er schon zigmal gesehen hat.

In diesem sind die Thuner in der Rolle der Verlierer, die zwar tapfer gekämpft, eigentlich lange Zeit mehr vom Spiel gehabt und viele Chancen herausgespielt haben und doch unterlegen sind. Und die Gegner sind die glücklichen Gewinner, die trotz deutlicher Feldunterlegenheit das Optimum herausgeholt haben. Weil sie eine Eigenschaft an den Tag legten, die den Oberländern seit Wochen abgeht: Effizienz.

Dieses Schema lässt sich in fast allen Partien des FCT in dieser Saison feststellen – ausser letzte Woche in St. Gallen, wo die Thuner nicht nur 0:4 untergingen, sondern gar zu keiner einzigen gefährlichen Offensivaktion gekommen sind. Entsprechend überrascht es nicht, ähneln sich jeweils die Analysen der Akteure nach Spielschluss.

Das hat auch Stefan Glarner festgestellt. Und das nervt den Captain gewaltig: «Wir stehen jede Woche hier und sagen, dass wir eigentlich gut gespielt haben. Aber das bringt uns nichts, wenn wir dann trotzdem immer mit leeren Händen dastehen.»

Rapp als Sinnbild

66 Prozent Ballbesitz verzeichnet das Team von Marc Schneider gegen die Innerschweizer. Sie ist die aktivere, mutigere Equipe. Fünfzehn Schüsse geben die Oberländer ab, wobei etwa die Hälfte auf das Konto von Simone Rapp geht. Der Tessiner, als Hoffnungsträger im Sturm geholt, ist die personifizierte Ineffizienz und damit Sinnbild für die an­haltende Thuner Misere, die sie bis ans Tabellenende gebracht hat.

Mal köpfelt der 27-Jährige übers Tor, mal daneben, und als er nach einem klugen Pass von Basil Stillhart ganz allein auf Luzern-Torhüter Marius Müller loslaufen kann, verhält er sich wenig zielstrebig und schliesst aus spitzem Winkel harmlos ab.

Auch andere vergeben gute Möglichkeiten: Stillhart kommt zweimal aus aussichtsreicher Position zum Abschluss, Uros Vasic, Nias Hefti und Saleh Chihadeh sehen ihre Schüsse entweder pariert oder geblockt oder übers Gehäuse fliegen, und Dennis Salanovic köpfelt frei stehend aus wenigen Metern neben das Tor.

«Wir lassen viel zu viele Chancen aus», sagt Schneider. «Wir wissen, in welcher Lage wir stecken, und müssen hart arbeiten, um da wieder herauszukommen.» Auch die Sätze des Trainers wiederholen sich.

Letzte Saison, sagt der 39-Jährige, hätten Dejan Sorgic und Marvin Spielmann auch in Spielen, in denen es nicht wunschgemäss gelaufen sei, dann irgendwann noch ein Tor gemacht und soUnzulänglichkeiten kaschiert.

Diese Qualität fehlt nun. Wer will, kann eine Prise Melancholie in Schneiders Worte hineininterpretieren. Aber der Coach weiss, woran er ist und welche Spieler ihm zur Verfügung stehen, um aus diesem «tiefsten Loch» seiner Trainerkarriere, wie er es nennt, wieder herauszukommen.

Tosettis emotionaler Weckruf

Zeit dazu bleibt bei 26 zu absolvierenden Runden genug. Aber als Matteo Tosetti – an diesem Abend der beste Thuner – vor den Mikrofonen steht, sagt er Sätze, die so wohl schon lange nicht mehr gefallen sind und die vor der Nationalmannschaftspause und den beiden darauffolgenden Spielen gegen Basel und YB kein schönes Bild zeichnen. Der Tessiner spricht zwar zuerst von der schlechten Chancenauswertung, den zu vielen einfachen Gegentoren, die sie kassieren würden. So normal, so harmlos.

Doch Tosetti ist ein ambitionierter und emotionaler Mensch, und so kann er seinen Frust über die aktuelle Situation irgendwann nicht mehr verbergen. Und er erwähnt das Wort, das in Thun nicht nur ein sportliches Worst-Case-Szenario beschreibt, sondern höchstwahrscheinlich auch das Ende des Profifussballs bedeuten würde.

«Wir müssen aufwachen», sagt der 27-Jährige. «Wenn wir gegen Luzern keine Punkte holen, weiss ich auch nicht, gegen wen wir sie dann holen sollen.» Tosetti holt Luft, schaut an die Betondecke.

«Ich bin so enttäuscht wie noch nie. Wir sind in einer Riesenkrise. So kann es nicht weitergehen, sonst sind wir schon im Dezember in der Challenge League. Jetzt ist fertig mit Schönreden, im Moment ist alles schlecht. Wenn es so weitergeht, steigen wir ab.»

Als sich Tosetti verabschiedet, hallen seine Worte in den Gängen nach. Aus dem billigen Hollywoodstreifen ist in diesem Moment ein Horrorfilm geworden.

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