Zähe Artistik und Siegertränen

Der Berner Radquer-Weltcup bringt Dreckspektakel – und einen Schweizer Coup.

Morastige Pneus, dreckige Schuhe, aber Glücksgefühl pur: U-23-Fahrer Kevin Kuhn begeistert das Heimpublikum.

Morastige Pneus, dreckige Schuhe, aber Glücksgefühl pur: U-23-Fahrer Kevin Kuhn begeistert das Heimpublikum.

(Bild: David Stockman/Freshfocus)

Emil Bischofberger@bischofberger

Klar hat Eli Iserbyt eine gewisse Routine als Sieger. Der Belgier hat die ersten beiden Weltcups in den USA gewonnen. Doch dass er bei seiner finalen Zielpassage vor dem Weyerli-Freibad gleich gar keine Regung zeigt und hinter der Linie, ohne anzuhalten, in den abgeschirmten Bereich abbiegt, ist dann doch bemerkenswert abgeklärt. Erst recht für einen 21-Jährigen, der in seiner ersten Elitesaison nun gleich die ersten drei Weltcups gewonnen hat.

«Davon träumt jeder»

Später stellt sich heraus: Es ist nicht Nüchternheit, sondern Verblüffung, die den Aufsteiger vom Jubeln abhält. Iserbyt interpretierte die Rundenanzeige falsch, war der Ansicht, er müsse noch eine Runde weiterfahren.

Auch die hätte am Ausgang des Rennens nichts mehr geändert, zu überlegen fährt der Aufsteiger im zähen Berner Dreck. Die Strecke im Freibad liegt ihm: Vor einem Jahr hatte er hier die U-23-Konkurrenz gewonnen.

Sein Nachfolger in dieser trägt einen überraschenden, weil nicht belgisch klingenden Namen: ­Kevin Kuhn. Der 22-Jährige kommt auch nicht aus dem Land der Radquer-Dominatoren. Sondern aus dem Zürcher Unterland. Das ist eine veritable Sensation – und das erste Mal, dass ein Schweizer auf dieser Stufe ein Weltcuprennen gewinnt.

Kuhn drückt kurz vor dem Mittag vom Start weg aufs Tempo. Hat rasch ein kleines Loch, das beständig grösser wird, und das er zum Ende der Rennstunde hin auch konsequent zu verteidigen weiss. Den Coup komplettiert Schweizer Meister Loris Rouiller, der als Dritter ebenfalls aufs Podest fährt. «Ich wusste, dass ich vorne mitfahren kann. Dass es aber gleich so gut laufen würde… unglaublich: Wir fahren in der Schweiz, und ich gewinne den Weltcup. ­Davon träumt jeder», sagt Kuhn nach der Siegerehrung. Danach wird der Neo-Weltcupsieger schon von Gemeinderat Reto Nause um ein gemeinsames Foto gebeten.

Mittlerweile hat sich Kuhn wieder gefasst. Nach der Ziellinie schaute das noch anders aus: Da schüttelte es ihn durch, flossen die Tränen, blickte er mit ungläubig weit aufgerissenen Augen in die Gesichter seiner Angehörigen.

Braune Masse wie Leim

Ein Weltcupsieg. In der Disziplin der Belgier. Ist das Grund für Optimismus? «Das ist die U-23, nicht die Elite», sagt Kuhn. «Aber klar, heute hat es mal geklappt.»

Den Schweizer Coup erleben noch längst nicht alle Zuschauer: Die meisten treffen erst Anfang Nachmittag auf dem Gelände ein, das sich angesichts der starken Regenfälle an den Tagen zuvor recht gut gehalten hat.

Der schlammige Morast vom Samstag hat sich in der trockenen Nacht in zähen Dreck verwandelt – was die Aufgabe noch kraftaufreibender macht. Die braune Masse klebt wie Leim an den Pneus, jede einzelne Radumdrehung müssen sich die Athletinnen und Athleten mit viel Muskelkraft erarbeiten. Zugleich, und das zeigt sich bei diesen Verhältnissen besonders ausgeprägt, braucht es viel mehr als nur tumbes Stampfen auf den Pedalen: Der klebrige Untergrund ist unberechenbar, maximaler Krafteinsatz und feines Ausbalancieren wechseln sich in gewissen Passagen im Sekundentakt ab.

Das ist aufregend für die Zuschauer, die die dominierenden Belgier wie auch die etwas weiter hinten fahrenden Schweizer anfeuern. Im Eliterennen verpasst der beste, Schweizer Meister ­Timon Rüegg, als 21. knapp die ­direkte Qualifikation für die Heim-WM Anfang Februar in ­Dübendorf. Zufrieden sei er trotzdem, es sei emotional etwas schwierig gewesen, schon vor dem Start. Denn der Freude des Tages über den Sieg seines Trainingskollegen Kuhn konnte und wollte er sich nicht verschliessen.

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