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Sie lieben ihn, sie lieben ihn nicht, sie lieben ihn . . .

Die Deutschen haben ein ambivalentes Verhältnis zum Radsport. Derzeit ist er gerade wieder im Aufstieg. Aber die Altlasten sind immer noch da.

Begeisterung für die Tour de France: Zuschauer bei der Teampräsentation am Donnerstag in der Innenstadt von Düsseldorf. Im Vordergrund der deutsche Fahrer Tony Martin.
Begeisterung für die Tour de France: Zuschauer bei der Teampräsentation am Donnerstag in der Innenstadt von Düsseldorf. Im Vordergrund der deutsche Fahrer Tony Martin.
Getty Images

Kurz nach 14 Uhr wird es heute so weit sein. Die Tour de France rollt durch Korschenbroich, eine Kleinstadt westlich vom Startort Düsseldorf. Eine gute Minute wird der Zauber dauern.

Danach werden sich die Korschenbroicher wieder ihrem Tour-Sieger zuwenden: Jan Ullrich wird als ­Ehrengast der lokalen Tour-Feierlichkeiten am Strassenrand stehen. 20 Jahre nachdem er das Rennen als erster und einziger Deutscher gewonnen hat. Ein Jubiläum, für das der Grand Départ von Düsseldorf wie gemacht scheint. Aber zwischen Deutschland und Ullrich besteht auch zwei ­Dekaden nach dem Triumph ein zerrüttetes Verhältnis.

Bis heute packte Jan Ullrich nie aus

2006 war er als Kunde von ­Dopingarzt Eufemiano Fuentes aufgeflogen, seine Karriere war damit zu Ende. Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen machte er aber nie reinen Tisch mit seiner Vergangenheit. Er sprach zwar hie und da über sein Vergehen, auch jetzt wieder, etwa in der «Welt»: «Zu diesem Thema kann ich nur sagen, dass ich einen Fehler gemacht habe, den ich bereue, und auch meine Strafe ­dafür bekommen habe.»

Aber dass er mal richtig auspackte, darauf wartete die Öffentlichkeit vergeblich. Ob er das nicht wollte oder nicht durfte? Sein Manager Wolfgang Strohband deutet im Gespräch Letzteres an. «Ich glaube, viele wissen gar nicht, wie die Anwälte Jan Ullrich in eine Situation gebracht haben, in der er gar nichts sagen darf», sagt Strohband.

Weiter ausführen will er das nicht, lässt aber durchblicken, dass es Ullrich aufgrund eines Vertrags mit dem damaligen Teamsponsor Telekom verboten ist, offen über das Thema Doping zu sprechen. 2007 war er einmal kurz davor gestanden. Er zog jedoch ein Interview mit Günther Wallraff kurz vor dessen Veröffentlichung wieder zurück.

Es ist wie ein Klassentreffen. Alle sind da. Alle minus Ullrich

Wegen seines Schweigens ist Ullrich im Gegensatz zu anderen überführten Dopern, die längst wieder einer Tätigkeit im Profiradsport nachgehen, eine Persona non grata geblieben.

Bei der Teampräsentation geht es im VIP-Bereich zu wie auf einem Klassentreffen, mit all den Radstars von früher, kaum einer mit untadeliger Vergangenheit. Alle wurden sie trotzdem eingeladen, alle minus Ullrich. So ist Ullrich dieser Tage in Klein-Paris, wie Düsseldorf sich gerne nennt, sehr wohl präsent.

Und die Tour selber? Es ist nicht so, dass sich die Stadt von ihr hat einnehmen lassen. Sie ist nicht komplett in Gelb umgestaltet worden, wie man das schon bei anderen Grands Départs im Ausland erlebt hat. Aber die Leute kommen. Wer kann es ihnen verübeln, dass sie bei diesem Wetter sich nicht schon Stunden vor dem Start in den ­Regen stellen.

Dass es feiern kann, zeigt Düsseldorf schon am Donnerstagabend. In der Altstadt haben sie das Kopfsteinpflaster gelb eingefärbt. Auf dem Burgplatz werden die 22 Equipen präsentiert, danach rollen die Profis auf einem abgesperrten Parcours durch die Gassen. Einige werden laut bejubelt.

Die Gäste der Traditionsbrauerei Uerige verfolgen das Geschehen interessiert, behalten aber stets den Kellner im Auge, um von dessen riesigen Tablett eines der rund 30 Gläser mit Altbier zu erwischen, die der auf seiner linken Schulter balanciert, 2.05 Euro das Stück. Innert Minuten ist es leer, drinnen wartet Nachschub.

Das Wort Sünder hat ein ganz anderes Gewicht als Betrüger

Nachschub ist auch am Samstag nötig. Das wissen die Düsseldorfer. Getränke haben sie alle mitgebracht, schliesslich muss die Zeit überbrückt werden, bis endlich Tony kommt. Tony Martin ist das, der Favorit, dem der Parcours auf den Leib geschneidert wurde.

Auch die übrigen 15 deutschen Starter werden bejubelt – wenn sie denn trotz Regen und Zeitfahrhelm erkannt werden. Deutschland hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe an Topfahrern hervorgebracht: Die Sprinter Marcel Kittel und André Greipel haben zusammen schon 20 Tour-Etappen gewonnen, Martin deren 5.

Und da wäre auch noch John ­Degenkolb, der an der Tour zwar noch nie reüssiert hat, dafür aber mit Paris–Roubaix und Mailand–Sanremo zwei Radmonumente gewonnen hat. Im öffentlichen deutschen Fernsehen war davon aber wenig bis nichts zu sehen.

Die Profis wurden selber bei den Verantwortlichen der ARD vorstellig, warben um einen Wiedereinstieg in die Radsportberichterstattung. 2016 kehrte die ARD zur Tour zurück, nachdem sie Ende 2008, von weiteren Dopingfällen entnervt, ausgestiegen war. br > Von einem normalen Verhältnis zum Radsport könnte die deutsche Presse aber nicht weiter entfernt sein. Geradezu penibel werden bei jedem einzelnen erwähnten Fahrer allfällige Verfehlungen in der Vergangenheit erwähnt.

Ullrich wurde gefeiert, nicht der Radsport

Als diese Woche die positive Dopingprobe von Andre Cardoso bekannt wurde, einem Fahrer, von dem in Deutschland wohl noch nie jemand etwas gehört hatte, wurden über den Portugiesen Sportaufschlagseiten gefüllt, der Teamkollege von Degenkolb war das Thema.

Man tut sich schwer mit dem Radsport, was sich im letzten Schluss auch wieder auf das Phänomen Ullrich zurückführen lässt. In einer Multimedia-Reportage des ARD erzählt ein früherer TV-Kommentator über den Radsommer 1997, vergleicht ihn mit der fürs Land sinnstiftenden Fussball-WM 1954. Jene Ullrich-Tour war ein deutschlandweites Ereignis, Ullrich ein Held.

Womit wir bei der Schwierigkeit sind, die der Sport nun hat. «Im deutschen Fernsehen lebte der Radsport stets von diesem Heldentum. Es gab keine Begeisterung für den Radsport. Sondern nur für Ullrich und die Tour de France an sich», sagt Michael Ostermann, ein deutscher Radjournalist.

Aus dieser Tatsache lässt sich auch ein Grund ableiten, warum es Ullrich und der Radsport hierzulande so viel schwerer haben als in Radnationen wie Frankreich, Italien, Spanien oder den Beneluxländern.

Doper sind in Deutschland keine Betrüger, sie sind Sünder

Dort ist der Sport grösser als seine Figuren, die Begeisterung überlebt auch (Doping-)Skandale – was gerade in den südlichen Ländern auch mit der deutlich weniger strengen Auffassung des ­Dopingbegriffs zu tun hat.

Zu Letzterer äussert Ostermann eine interessante Überlegung: «Wie schwerwiegend ein Dopingvergehen im deutschen Sprachraum ist, zeigt sich allein im ­Begriff Dopingsünder.

Eine Sünde, dafür muss man laut Bibel in die Hölle. In anderen Sprachen werden Doper als Betrüger oder Schwindler bezeichnet – was deutlich weniger schwerwiegend ist.»

Und trotzdem ist die Tour nun nach Deutschland zurückgekehrt. 13 Millionen soll das Düsseldorf kosten, der Betrag wird komplett unter Standortmarketing abgebucht – man tat sich schwer, Unternehmen als Sponsoren zu verpflichten.

Dieser Grand Départ könnte auch Grand Retour heissen. 12 Jahre sind vergangen, seit die Tour letztmals über deutschen Boden führte. Nach dem Skandal um Ullrich 2006 – und in der Folge auch um das ganze T-Mobile-Team – sank das Tour-Interesse rapide.

Radfahren, der Volkssport Deutschlands

Zuvor hatten sich jährlich etwa zehn deutsche Städte beim Tour-Organisator ASO um eine Etappe beworben, danach Jahre lang niemand mehr. Entsprechend froh war man, mit Düsseldorf wieder einen Gastgeber gefunden zu haben.

Denn als Wirtschaftsmotor Europas ist Deutschland für die Radindustrie von grosser Bedeutung. Zumal Radfahren Volkssport Nummer 1 im Land ist. Das war mit ein Grund, warum Ralph Denk 2010, mitten in der Radsportbaisse, ein kleines Profiteam gründete. Der 43-Jährige glaubte an den Sport, an dessen Potenzial. Denk wirbelte, sein Team wuchs stetig.

Bereits 2011 fuhr man an der Tour de Suisse mit, 2014 dann der grosse Schritt, die erste Einladung zur Tour de France. Neue Sponsoren kamen, waren bereit, mehr zu investieren. So reiste Denk vor einem Jahr für ein Mittagessen nach Monaco, er traf sich mit Weltmeister Peter Sagan. Die Chemie zwischen den beiden stimmte.

Mit dem Slowaken ist Bora-Hansgrohe zum ernst zu nehmenden Player geworden. Und Denk ein Mann mit klaren Ideen geblieben. Zum Antidopingkampf sagt er etwa: «Wir müssen mehr investieren. Nicht nur die Staaten. Warum nicht eine Zwangsabgabe von allen Teamsponsoren?»

Der Sagan-Chef mit der Vision des nächsten Tour-Sieges

Bora-Hansgrohe ist heute die einzige echte deutsche Adresse in der Worldtour: Sunweb fährt zwar mit deutscher Lizenz, ist aber holländisch geprägt. Katjuscha-Alpecin wird von deutschen Sponsoren alimentiert, konnte seine russischen Wurzeln aber noch nicht vollends abstreifen.

Auch wenn es handgestrickt wirkt, wenn Denk die Medienschar in seinem urigen Englisch begrüsst: Er ist sich seiner Ausnahmestellung bewusst. Im kleinen Kreis sagt er: «Meine Vision ist es, irgendwann das beste Team der Welt zu sein. Dafür muss man die Tour gewinnen.» Nun hat er endgültig die Aufmerksamkeit der Zuhörer, die nicht Sagan gefolgt sind.

Gewinnen: Mit wem den? «Vielleicht haben wir den Fahrer ja schon in unseren Reihen», sagt Denk und lächelt. Er denkt an Landsmann Emanuel Buchmann , an die Österreicher Gregor Mühlberger und Patrick Konrad. Buchmann könnte schon heuer brillieren, der 24-Jährige hielt am Dauphiné gut mit Froome und Co. mit.

Ist er der nächste Tour-Sieger? So weit will sich Denk nicht rauslehnen. Es stellt sich dabei aber noch eine zweite Frage: Wäre Deutschland bereit dafür?

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