Der Abenteurer

Patrick Fischer wäre nie Eishockey-Nationaltrainer geworden, würde er sich an Konventionen halten. Der 42-Jährige fordert selbstbewusstere Schweizer und träumt von Olympiagold.

«Als ich zurücktrat, wusste ich nicht, ob ich Trainer werden möchte»: Patrick Fischer vor seinem Olympiadebüt als Nationalcoach. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

«Als ich zurücktrat, wusste ich nicht, ob ich Trainer werden möchte»: Patrick Fischer vor seinem Olympiadebüt als Nationalcoach. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

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«Bei mir passiert immer einiges um Olympia herum», sagt Patrick Fischer. «Vielleicht spicken sie mich ja.» Er lacht herzhaft. Nein, das wird nicht passieren. Selbst wenn die Schweizer im Achtelfinal scheitern sollten.

Als der ­Zuger im Dezember 2015 mitten in der Saison den ratlosen Kanadier Glen Hanlon ablöste, begegnete er viel Skepsis. Dank der gelungenen WM in ­Paris im letzten Frühjahr, als die Schweizer mit mutiger Spielweise überzeugten und die Grossen ärgerten, hat er sich als Nationalcoach etabliert. Als sein Vertrag ­kürzlich bis 2020 verlängert wurde, wurde das allenthalben mit einem Kopfnicken begrüsst.

Was aber stimmt: Fischer und Olympia, das ist eine spezielle Geschichte. Als er die Winterspiele 2002 in Salt Lake City anpeilte, stoppte ihn zwölf Monate zuvor eine schwere Knorpelverletzung im Knie. «Ich arbeitete so hart wie nie zuvor, um rechtzeitig zurückzukehren», blickt er zurück. Er schaffte es.

Video: Interview mit Eric Blum

Doch sportlich wurden jene Spiele zu einer einzigen Enttäuschung. Die Schweizer verpassten den Viertelfinal, das Fiasko gipfelte in der «Bieraffäre» um Reto von Arx und Marcel Jenni. Die beiden Stürmer, die ihren Frust im Ausgang hinunterspülten, wurden frühzeitig nach Hause geschickt.

Die Sündenböcke von Salt Lake

«Die beiden mussten am Ende ihre Köpfe fürs Scheitern hinhalten», sagt er. «Klar, sie waren im Ausgang gewesen. Aber das Turnier war für uns gelaufen. Wir verloren Reto von Arx, er kehrte nie mehr ins Nationalteam zurück. Was ich für ihn und für uns sehr schade fand. Er war erst 25, hätte noch alles vor sich gehabt.»

Es war der schale Beigeschmack von Fischers Olympiadebüt, das bei ihm sonst einen tiefen Eindruck hinterliess. Weniger wegen des Geschehens auf dem Eis als daneben. Der Auftritt von Sting an der Eröffnungsfeier, die ­Begegnungen mit anderen Athleten im olympischen Dorf – der 42-Jährige erzählt davon, als sei es ­gestern gewesen.

Etwa diese Episode: «Simon Ammann sprang an der Eröffnungsfeier wild ­herum, und wir schauten uns nur ­fragend an und dachten. Was ist denn das für einer? Einige Tage später lief er mit der Goldmedaille um den Hals durchs Schweizer Haus.» Fischers Zimmerpartner Edgar Salis fragte Ammann nach dem Triumph, ob er nun in Bars feiern gehe. Doch der gab zurück: «Ich darf nicht, ich bin noch zu jung.» Der Skispringer war damals erst 20.

Einen bleibenden Eindruck hinterliessen bei Fischer auch die NHL-Cracks, obschon es wegen des frühen Scheiterns nur zu Begegnungen ausserhalb des Rinks kam. «Plötzlich assen wir in der gleichen Kantine wie Steve Yzerman», sagt er. «Für uns waren das Halbgötter. Wir filmten sie heimlich.»

Vier Jahre später in Turin schlugen die Schweizer dann die Kanadier mit all ihren Stars wie Yzerman, Mario Lemieux oder Joe Sakic in der Vorrunde 2:0. Der kanadische General Manager Wayne Gretzky fand Gefallen an Fischer und lotste ihn nach Phoenix, wo er Headcoach war. In der Wüste bestritt der Schweizer immerhin 27 NHL-Spiele.

Für ihn waren seine zweiten Olympischen Spiele also ein Türöffner – und gleichzeitig sein letztes internationales Turnier. Drei Jahre später trat er im zarten Alter von 33 zurück, obschon er in der Schweizer Liga noch immer einer der besten Skorer war. «Mein Feuer war er­loschen», sagt er. Er habe nicht mehr ­Eishockey gespielt, sondern gearbeitet.

Die kühne Bewerbung

Jener Entscheid passte zu ihm, der noch nie etwas von Konventionen hielt, stets seinen eigenen Weg ging. So auch, als er im Herbst 2015 kurz nach seiner Entlassung als Coach bei Lugano die Flucht nach vorne antrat und sich kühn als ­Nationaltrainer bewarb.

War das schon immer sein Ziel gewesen? Er schüttelt den Kopf. «Weit im ­Voraus zu planen, ist nicht mein Ding. Als ich zurücktrat, wusste ich nicht, ob ich Trainer werden möchte. Ich wusste nur, dass ich etwas mit Menschen und mit Motivation tun wollte. Mich beschäftigte es, dass ich als Spieler mein Potenzial nicht ausgereizt hatte. Ich hätte in gewissen Momenten Leute gebraucht, die mich gepusht und inspiriert hätten.»

Diese Person wollte er also für andere sein. Zuerst wollte er Mental­coach werden. Dann rutschte er ins Trainerbusiness hinein. «Selbst wenn man den genialsten Masterplan aufstellt, es kommt sowieso anders, als wir es uns in unserem ­kleinen Schädel vorstellen», sagt er und schmunzelt. «Ich war früher ein ­Rebell, stürmte Anfang 20 ins Büro von Fabio Gaggini (dem ­Präsidenten) und sagte, ich wolle weg. Als ich mich zehn Jahre später bei ­Gaggini als Lugano-Coach bewarb, sagte er schmunzelnd: ‹Das hätte ich auch nie gedacht.› Und ich antwortete: ‹Ich auch nicht.›»

Inzwischen hat sich Fischer in seiner Rolle als Nationalcoach gefunden. «Es war für mich schwierig am Anfang, weil ich in der Öffentlichkeit als erfolglos wahrgenommen wurde», sagt er. «Ich war Letzter gewesen mit Lugano, das war der Eindruck, der haften blieb. ­Dabei hatten wir in Lugano lange gute Arbeit gemacht.»

Es half nicht, dass er mitten in einer turbulenten Saison einstieg und die WM in Moskau missglückte. «Danach musste ich durch ein Stahlbad», blickt er zurück. «Nach Paris war es für mich rein energetisch viel einfacher. Als Nationaltrainer spürte ich zuerst einmal den Gegenwind. Jetzt ist es zumindest windstill. Das ist schon sehr gut.»

Viertelfinal? «Wir wollen mehr»

Und woher weht für ihn der Wind im stürmischen Südkorea? Fischer wehrt sich nicht gegen die Denkweise, dass die Schweizer die besseren Medaillenchancen haben, weil die NHL-Cracks fehlen. Die offizielle Zielsetzung ist der Viertelfinal, doch er will mehr. Er sagt: «Wir müssen lernen zu sagen: Ja, wir wollen gewinnen! Wo ist das Problem? Sollen wir denn sagen, wir wollen verlieren? Das ist meine Hauptmotivation: dass wir uns Schweizer selbstbewusster geben. Dass wir sagen: Wir sind auch jemand! Wir sind nicht nur dabei, wir reden auch um die Medaillen mit.»

Am Donnerstag geht es gegen Kanada gleich los mit einem Paukenschlag. ­Fischer schmunzelt und sagt: «Ja, für die Kanadier.»


Alle Schweizer Olympia-Highlights auf einen Blick: (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 21:56 Uhr

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