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«Es braucht einen Diktator in der Formel 1»

Die Langeweile sei das Hauptproblem der Formel 1, sagt der Berner Paul Gutjahr. Der 74-jährige Rennkommissär beim Weltautomobilverband FIA spricht über die Folgen des Abgangs von Bernie Ecclestone.

Schwelgen in Erinnerungen: Paul Gutjahr posiert beim Bremgartenwald – auf dieser Strasse fuhren von 1950 bis 1954 Formel-1-Autos.
Schwelgen in Erinnerungen: Paul Gutjahr posiert beim Bremgartenwald – auf dieser Strasse fuhren von 1950 bis 1954 Formel-1-Autos.
Andreas Blatter

Befindet sich die Formel 1 in der grössten Krise ihres Bestehens?Paul Gutjahr:Es gibt Teams und Fahrer, die verdienen viele Millionen Franken pro Jahr. Dann gibt es den Sauber-Rennstall, der ums Überleben kämpfte, und Manor-Racing, das in Konkurs ging. Es gibt den GP in Hockenheim mit bescheidenem Zuschaueraufmarsch. Und es gibt den GP von Mexiko von Ende Oktober, der schon wieder ausverkauft ist, und den GP von Aserbeidschan, dessen Veranstalter 50 Millionen bezahlen, um als Veranstalter auftreten zu dürfen. Es ist eine Frage der Betrachtungsweise.

Fakt ist: Die TV-Einschaltquoten sinken, die Zuschauerzahlen an den Rennstrecken ebenfalls.Als Michael Schumacher im Ferrari immer gewann, hiess es: Das ist fantastisch. Nun dominiert Mercedes nach Belieben. Und alle sagen: Das ist langweilig, da fehlen Spannung und Emotionen. Mercedes macht schlicht und einfach einen zu guten Job.

Im Winter sind die Autos einer Art «Machokur» unterzogen worden. Sie sind nun breiter, schwerer und schneller. Weshalb gab es diese Änderungen?Weil die Autos nun geiler aussehen (lacht). Im Ernst: Gewaltig ist der Unterschied nicht. Wichtig ist, dass die Piloten stärker gefordert werden. Zuletzt wurde das Fahren wegen der wachsenden Elektronik immer einfacher. Das darf in der wichtigsten Rennserie der Welt nicht so sein.

Schwieriger, schneller – wird das Fahren auch gefährlicher?Nicht zwingend. Vielleicht aber wird es mehr Abflüge geben, weil die Kurvengeschwindigkeiten ansteigen werden.

Ist die Formel 1 gefährlich?Autorennen sind bis zu einem gewissen Grad immer gefährlich. Wer mit knapp 300 Stundenkilometer von der Strecke abkommt, der setzt sich einem grossen Risiko aus. Ich analysierte im letzten Jahr den schweren Unfall von Kevin Magnussen in Belgien. Bei seinem Aufprall wirkten Kräfte von 52 g. 52 g! Klar, das war nur während Millisekunden, aber es war theoretisch tödlich. Die Fahrer überstehen so etwas nur, weil sie austrainiert sind, über eine unglaublich starke Nackenmuskulatur verfügen.

«Ich analysierte den schweren Unfall von Kevin Magnussen in Belgien. Bei seinem Aufprall wirkten 52 g. 52 g!»

Paul Gutjahr

Wie erlebten Sie den tödlichen Unfall Jules Bianchis im Oktober 2014 in Japan?So etwas zu verarbeiten, ist brutal schwierig. Das legt man nicht so schnell ab. Aber ich muss ehrlich sein: Es war die Schuld des Fahrers. Er hätte die gelben Flaggen beachten und das Tempo drosseln müssen, das stand in seiner Verantwortung. Auch sein Team machte einen Fehler, es forderte ihn auf, Gas zu geben. Dabei war er ganz hinten klassiert. Diese Aufforderung war total daneben.

Bernie Ecclestone ist nicht mehr Geschäftsführer und Alleinherrscher der Formula One Group, der amerikanische Medien­gigant Liberty Media hat nun das Sagen. Haben Sie Respekt vor der neuen Situation?Der Verkauf der wirtschaftlichen Rechte betrifft meine Arbeit nicht. Aber klar: Bernie baute sich ein Imperium auf, er kennt das Business wie kein Zweiter und hatte Verbindungen, mit denen er quasi auf alles Einfluss nehmen konnte. Das können die Amerikaner nicht. Bernie hat der Formel 1 wahnsinnig viel gebracht. Wobei in den letzten Jahren definitiv zu viel Geld daraus gezogen wurde.

Gab er seine Rechte freiwillig ab?Wir haben es hier mit einem unfassbar cleveren Mann zu tun. Mich würde es nicht erstaunen, hätte er sogar noch den Job des Geschäftsführers verkauft. Bernie erwarb seine Rechte für 320 Millionen. Nun erhielt er von den Amerikanern 8 Milliarden. Er ist ein Genie.

Braucht es jemanden, der die Richtung knallhart vorgibt?Es braucht einen Diktator! Anders geht es nicht. Es hat so viele Anspruchsgruppen in der Formel 1, es steckt so viel Geld drin – da wird hart gegeneinander gekämpft. Wie viel die neuen Besitzer vom Motorsport verstehen und was sie ändern wollen, kann ich nicht beurteilen. Ihr Job wäre sowieso primär das Marketing.

Was muss sich denn ändern?Die Langweile ist das Hauptproblem. Wahrscheinlich werden die Neuen versuchen, die Dominanz von Mercedes einzudämmen. Am liebsten wäre es ihnen sicher, wenn jede Woche ein anderer gewinnen würde. Wenn man nicht wüsste, wer Favorit ist.

Man könnte die Rennen ver­kürzen, die Strecken bewässern, um für etwas Durcheinander zu sorgen. Was halten Sie davon?Es handelt sich um einen mechanischen Sport – wer das beste Produkt herstellt, soll gewinnen. Es darf kein Theater veranstaltet werden. Die Rennen zu verkürzen, wäre aber eine gute Idee. Die Leute wollen am Sonntag schliesslich nicht mehr zwei Stunden lang am Stück vor dem Fernseher sitzen.

Fehlen echte Typen wie früher Michael Schumacher, der niemanden kaltliess?Es gibt Lewis Hamilton, es gibt Max Verstappen – diese Piloten polarisieren. Doch grundsätzlich rege ich mich über die heutige Fahrergeneration auf. Jeder hat stets seine Pressedame dabei, die alles kontrolliert, alles abschwächt. Das Ganze wird standardisiert, es soll bloss niemand einen falschen Satz sagen. Das wirkt viel zu zahm und total öde. Es schadet dem Geschäft.

Max Verstappen ist einer, der zum Gesicht der Königsklasse werden könnte.Ich wehrte mich stark dagegen, dass er 2015 als 17-Jähriger in die Formel 1 aufgenommen wurde. Das ist doch nichts für Kinder! Doch gegen seinen Mentor, den einstigen Ferrari-Piloten Gerhard Berger, war ich natürlich chancenlos. Schon Verstappens Vater Jos war als Rennfahrer ein verrückter Vogel. Er investierte alles in seinen Buben, lieh sich viel Geld. Er sagte mir: «Kommt es mit Max nicht gut, werde ich bis ans Ende meiner Tage ruiniert sein.» Jetzt ist alles gut gekommen.

Wäre Verstappen als 17-Jähriger schwer verunfallt...... dann hätten einige nicht mehr in den Spiegel schauen können.

Die besten Piloten sind Europäer – weshalb verschiebt sich die Formel 1 trotzdem immer stärker Richtung Osten?Wo will Mercedes denn Autos verkaufen? Nicht in Deutschland. Den GP in Hockenheim hätte der Rennstall mit einer Finanzspritze von 2, 3 Millionen retten können. Aber es bestand gar kein Interesse dafür. In China ist der Markt riesig. Dort kann Mercedes locker tausend Leute in den VIP-Bereich einladen – das Geschäft in Asien boomt.

Auch wenn umstrittene Länder wie Aserbeidschan und Bahrain dabei sind.Wissen Sie, wem der McLaren-Rennstall in etwa zur Hälfte gehört? Der Königsfamilie in Bahrain. Die hat natürlich etwas zu sagen, so läuft das in der Formel 1.

In der Schweiz dagegen besteht seit 1955 ein Rundstrecken­rennen-Verbot. Kämpfen Sie dagegen an?Natürlich, es wurde allgemein wahnsinnig viel Aufwand betrieben. Der Nationalrat stimmte zweimal für die Aufhebung des Verbots, der Ständerat aber war dagegen. Ich bin skeptisch, was dieses Thema betrifft. Und selbst wenn es eine Änderung geben sollte, haben wir noch keine Rennstrecke.

Das Verbot gilt nicht für die auf Elektromotoren basierende Formel E. Könnte sie die Königsklasse dereinst konkurrenzieren?Sicher nicht. Es handelt sich vielmehr um ein ergänzendes, alternatives Produkt.

Könnte Zürich ein Rennen durchführen?Es braucht jemanden, der mindestens 5 Millionen für die Organisation auf den Tisch legt. Und dann braucht es die Bewilligung von der Stadt, denn die Rennen müssen zwingend durchs Zentrum führen. Das Projekt in Lugano scheiterte deswegen.

Mit Neel Jani, Sébastien Buemi, Nico Müller und Marcel Fässler hat die Schweiz...... so viele schnelle Fahrer wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Können Sie erklären, weshalb der Schweizer Sauber-Rennstall nie auf Einheimische gesetzt hat?Nein. Es hiess immer wieder, Peter Sauber wolle keinen Schweizer im Team haben, weil dieser ihm die Show stehlen würde. Das ist Quatsch. Er hat das Rampenlicht nie gesucht, stand aber wegen seines Wirkens automatisch im Fokus. Sauber verlor damals mehrere Millionen Franken beim Teamrückkauf von BMW, er rettete gut 250 Arbeitsplätze.

Wird in absehbarer Zeit ein Schweizer in der Formel 1 fahren?Nein. Nicht dass es an Talent mangeln würde. Aber es gibt niemanden, der diesen Weg mit genug Support einschlagen könnte. Fabio Leimer gewann 2013 die GP-2-Serie, das Vorprogramm zur Formel 1. Jetzt ist er nirgends mehr. Es braucht sehr viel Geld.

Hat man heute ohne zweistellige Millionenmitgift keine Chance mehr, ein Cockpit zu kriegen?Paydriver gab es früher schon. Bei den Privatteams funktioniert es heute so: Wer kein Geld oder keine Sponsoren mitbringt, wird kaum zum Handkuss kommen. Der Aufwand für die Teams ist gewaltig, 100 Millionen Franken pro Jahr sind das absolute Minimum. Das kann kein Rennstall selber finanzieren.

Man bekommt den Eindruck, die Formel 1 sei eine Geldvernichtungsmaschinerie.Wenn die Ampeln beim Start von Rot auf Grün wechseln, spielt Geld keine Rolle mehr. Aber klar: Toyota gab vor 10, 15 Jahren fast eine Milliarde aus. Wenigstens ist es gelungen, die Budgets ein wenig zu reduzieren. Der Motorsport kostet nun mal brutal viel. Die Technik, die Organisation, die vielen Hundert Mitarbeiter – das ist brutal teuer.

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