Ein Schwergewicht bittet zum Tanz

Lewis Hamilton fühlt sich so stark wie nie. Gibt es einen Gegner in seiner Gewichtsklasse?

Beliebtes Sujet aus jedem Winkel: Weltmeister Lewis Hamilton beim Fototermin vor dem Saisonstart. Foto: Diego Azubel (EPA/Keystone)

Beliebtes Sujet aus jedem Winkel: Weltmeister Lewis Hamilton beim Fototermin vor dem Saisonstart. Foto: Diego Azubel (EPA/Keystone)

René Hauri@tagesanzeiger

Gäbe es in der Formel 1 ein offizielles Wiegen wie beim Boxen, Sebastian Vettel würde sich beim Anblick seines Gegners wohl vor dem Kampf drücken. Der heisst Lewis Hamilton, ist 34, fünffacher Weltmeister.

Der Brite hat sich für das neuerliche Duell mit dem Deutschen schon einmal die Haare zu Zöpfchen geflochten und sie nach hinten über seinen Schädel geklebt. Der Popstar der schillernden Welt des Motorsports wusste schon allerhand anzustellen mit den Hornfäden auf seinem Kopf. Er trug sie gewuschelt, rasiert, zum Scheitel gegelt oder blond gefärbt. Doch das jetzige Geflecht hat wenig Lustiges wie seine Vorgänger, es wirkt kampfeslustig, riecht nach Bad Boy.

Hamilton will es noch einmal wissen in dieser Saison, die morgen in Melbourne beginnt. Nicht nur seine Haare sagen das, er selber tut das. Titel Nummer 6 soll her. Dafür hat er auch an Kampfgewicht zugelegt, fünf Kilogramm, angegessen und – das vor allem – antrainiert über den Winter. Die Fahrer müssen neu zusammen mit ihrem Schalensitz 80 Kilogramm auf die Waage bringen. Etwas zunehmen konnte er also. Es hat ihm gutgetan.

Toto Wolff, sein Chef bei Mercedes, schwärmt vom Dauersiegfahrer. «So gut drauf» sei er noch gar nie gewesen. Hamilton sagt: «Ich fühle mich stärker denn je. Und ich schlafe auch besser. All das macht mich zu einem glücklicheren Fahrer.» Wenn das mal keine Kampfansage ist.

In der anderen Ecke steht Vettel – und wirkt dagegen wie ein braver Schulbub mit seiner aufgeräumten Kurzhaarfrisur, dem spitzbübischen Lächeln, dem schelmischen Blick. Und wenn er sagt: «Ich bin am Verhungern», dann ist das auch nicht unbedingt das, was die Gegner gleich reihenweise umkippen liesse – eher noch ihn selber.

12 Jahre Sehnsucht

Immerhin: Vettel hat Hunger. Hunger auf Erfolg, «und das nun schon seit einigen Jahren». Sechs Jahre ist es her, seit er mit Red Bull seinen letzten von vier Weltmeistertiteln gewann. Ewig lange 12 Jahre liegt sogar der Moment zurück, als am Ende der Saison ein Ferrari-Pilot die Trophäe in die Höhe stemmte. Ist Vettel am Verhungern, Ferrari müsste längst unter der Erde liegen. Aber beide sind noch da, nehmen noch einmal zusammen Anlauf, um die erdrückende Dominanz von Mercedes zu durchbrechen – schon zum fünften Mal und diesmal mit einem neuen Chef.

Ferrari wäre nicht Ferrari, bliebe es einmal still um das zur Nervosität neigende Team. Maurizio Arrivabene, ein charismatischer, temperamentvoller Mann in den frühen 60ern, musste seinen Posten als Teamchef nach vier Jahren räumen. Nun steht Mattia Binotto an der Spitze, 49 und ein besonnener Techniker mit Abschluss in Maschinenbau an der ETH Lausanne. Zuvor war er technischer Direktor bei Ferrari gewesen. Ob das Unterfangen mit ihm gelingt? Das Fragezeichen ist ziemlich gross.

Bei den Testtagen in Montmeló hinterliess Ferrari noch einen ganz guten Eindruck, fuhren Vettel und sein neuer Teamkollege Charles Leclerc allerhand schnellste Runden.

Hamilton und Valtteri Bottas versuchten sich derweil an anderen Dingen als an der Bestzeit. Sie testeten Einstellungen am Motor, die fünf neuen Reifenmischungen, das Fahrverhalten bei unterschiedlicher Benzinmenge, legten Renndistanzen zurück, alles ganz in Ruhe. «Es gibt keinen Pokal für den schnellsten Testfahrer», sagte Hamilton lässig und mit reichlich Spitze in Richtung Ferrari.

Der schlechte Vorbote

Am letzten Testtag war seine Neugierde aber doch zu gross, wollte auch er sehen, was sein Mercedes W10 zu leisten imstande ist. Läppische 3 Tausendstel langsamer war er als Vettel. Und bei der gestrigen ersten Ausfahrt im Albert Park von Melbourne, nach zwei weiteren Wochen der Entwicklung am Rennwagen, distanzierte das Duo in den Silberpfeilen die Gegner um 8 Zehntel und mehr.

Gross aussagekräftig mag das nicht sein, ein Vorbote für eine schlechte Nachricht an die Konkurrenz ist das aber allemal: Mercedes hat auch vor der sechsten Saison seit dem Umstieg auf Turbo-Hybrid-Motoren nicht die grossen Fehler gemacht, über ­die sie sich gefreut hätten bei Ferrari. Und auch bei Red Bull, der dritten Kraft an der Spitze dieser Mehrklassengesellschaft Formel 1.

Das Team, mit dem Vettel einst Sieg an Sieg reihte, ist ganz zufrieden mit dem neuen Motorenpartner Honda. Max Verstappen und Pierre Gasly, die Jungpiloten bei Red Bull, schwärmen regelrecht vom Antrieb, mit dem McLaren noch gar nichts anzufangen wusste, als Honda 2015 zurückkehrte in die Königsklasse. Es deutet auch deshalb vieles darauf hin, dass erneut ein Dreigestirn die Szene beherrschen wird und den anderen nur Brosamen übrig bleiben werden.

Wobei Brosamen schon fast übertrieben ist angesichts der Krümel, um die sich die sieben anderen streiten. Seit der Reglementsänderung 2014 hat kein Team ausserhalb der Top 3 auch nur einen Grand Prix gewonnen. Hundert Möglichkeiten hätte es dazu gegeben. In den letzten zwei Jahren gab es von 41 Rennen deren zwei, bei denen ein Fahrer auf dem Podest stand, der nicht den Overall von Mercedes, Ferrari oder Red Bull trug. Beide beim Chaos-Grand-Prix von Baku. Oder anders gesagt: 121 von 123 Podestplätzen belegten die Piloten der drei übermächtigen Rennställe.

Allen voran Mercedes, in den vergangenen fünf Jahren der unbezwingbare Krösus. Ab Sonntag bittet Hamilton zum nächsten Tanz. Gesucht: ein Gegner in seiner Gewichtsklasse.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt