Unter Höllenqualen

Tim Don erlitt vor einem halben Jahr einen Genickbruch. Nun will er das Unmögliche schaffen: Er startet heute am Boston Marathon.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Boston Marathon liefert immer wieder spezielle Geschichten. Da ist zum Beispiel jene von Katrhine Switzer aus dem Jahr 1967, der ersten Frau, die in Boston mitlief, verkleidet als Mann, weil Frauen noch nicht zugelassen waren.

Oder da ist der Bombenanschlag auf den Event von 2013, als drei Menschen starben und der 2016 mit Mark Wahlberg und 2017 mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle verfilmt wurde. Und jetzt ist da die Geschichte eines Briten, der noch vor einigen Wochen aussah als käme er direkt aus einer mittelalterlichen Folterkammer. Tim Don heisst der Mann. Er strebt eine Zeit von zwei Stunden und 50 Minuten an.

Wie einer, der sich erhängt

Don hat in den letzten fünf Monaten eine brutale und qualvolle Zeit hinter sich.

Es ist der Morgen des 12. Oktobers 2017. In der Kleinstadt Kailua-Kona, auf Hawaii, ist der damals 39-Jährige mit seinem Rennrad unterwegs. Drei Tage sind es noch bis zum Ironman auf der Insel, Don hat beim wichtigsten Triathlon-Ereignis des Jahres grosse Ziele: Er will gewinnen. Und er will den Weltrekord in der Ironman-Serie unterbieten. Seinen Weltrekord. Im Mai 2017 hat der Brite ihn in Brasilien aufgestellt, sieben Stunden, 40 Minuten und 23 Sekunden brauchte er.

Doch es soll nicht sein, nicht dieses Jahr. Ein kurzer Augenblick reicht, um den Traum mit einem Schlag zu zerstören. Ein Lieferwagen wendet hastig, trifft Don so, dass dieser von seinem Bike fällt. Als Don aufwacht, hat er eine Halskrause um und kann sich nicht bewegen. Aber er lebt. «Tim hatte Glück, dass er nicht gestorben ist», sagt der behandelnde Arzt Alan Villavicencio. Die Art des Wirbelbruchs, die Don erleidet ist auch bei Menschen zu sehen, die sich erhängen.

Don nach seiner Verletzung im Krankenhaus.

Der schmerzhafte Heiligenschein

Villavicencio stellt Don vor die Wahl, drei Möglichkeiten bietet er ihm: eine Operation, eine Halskrause oder den Heiligenschein. Don entscheidet sich für letzteres. Villavicencio warnt ihn, es sei eine Tortur. So schön das Wort Heiligenschein auch klingt – abgesehen von der Form hat das Gerüst nicht viel engelhaftes an sich. Doch Don will zurück an die Spitze, so schnell wie möglich. Er wählt den qualvollsten aller Wege, den Halo.

Der Halo (griechisch für Ring) ist ein Gestell, das die Halswirbelsäule mit dem Kopf in eine Stellung bringt, die zur Heilung einer solchen Fraktur nötig ist. Dabei wird der Metallring mit vier Titanschrauben durch die Haut am Kopf befestigt, die Schrauben sitzen an der Schädeldecke. Ein Halo-Patient ist in seinen Bewegungen nicht nur eingeschränkt, er ist durch das Korsett mit Brust- und Rückenplatte gar nicht erst fähig seinen Kopf zu drehen. Die ganze Konstruktion wiegt etwa zwei Kilogramm.

Niesen, Nase putzen und husten: unmöglich

Die nächsten drei Monate werden für Don und seine Familie zu einer kaum vorstellbaren Leidensprüfung. Die Schmerzen halten den Briten wach, er sitzt während drei Wochen aufrecht im Wohnzimmer, berichtet er. Schlafen kann er höchstens 90 Minuten am Stück. Kleine Alltagsdinge werden zu unüberwindbaren Hindernissen. Der Mann, der noch vor fünf Monaten in etwas mehr als sieben Stunden 3,8 km schwamm, 180 km Rad fuhr und 42 km rannte, kämpft jetzt mit dem Triathlon aus Niesen, Nase putzen und Husten.

Don mit dem Halo am Kopf.

Don nimmt Schmerztabletten, er verträgt sie nicht, muss sich übergeben. Immer und immer wieder. «Versuch mal, dich zu übergeben mit diesen Schrauben im Kopf», sagt er heute. Im Briten wächst die Verzweiflung. Wenn seine Frau Kelly die Stellen um die Schrauben putzt, fällt Don vor Schmerzen beinahe in Ohnmacht.

«Wäre ich 35, würde ich sagen, wir können ein schlechtes Jahr haben», sagt Don. Er ist seit Januar aber 40-jährig. Seine Karriere geht also dem Ende entgegen. Darum will er keine Zeit verlieren. Je länger Don leidet, desto grösser wird sein Wille, es rechtzeitig zum Boston Marathon zu schaffen. Noch mit dem Halo am Kopf beginnt er mit Beintraining, vor allem auf dem Hometrainer, auf dem er sich konzentrieren muss, sich nicht nach vorne zu beugen und den Kopf aufrecht zu halten.

«The Players Tribune» veröffentlichte ein Video von Dons Reise.

Kollaps im Fitnessstudio

Don lebt von Sponsoring, unter anderem unterstützt ihn die Schweizer Schuhmarke On mit einem Dreijahresvertrag. Er habe nie einen anderen Job gehabt als das Absolvieren von Triathlons, sagt der Sohn eines ehemaligen Premier-League-Schiedsrichters. Er pusht weiter, geht täglich ins Fitnessstudio. Einmal, es ist Dezember, kollabiert er. Die Schrauben seines Heiligenscheins sind zu hart angezogen. Von Zeit zu Zeit muss der Halo justiert werden, es ist ähnlich wie bei einer Zahnspange, bei der die Drähte gestrafft werden.

Den Ring ist Don mittlerweile los, er trainiert nun 20 Stunden wöchentlich – vor seiner Verletzung waren es 30 gewesen. Er probiert alles, um sein Ziel zu erreichen. In 2 Stunden und 50 Minuten will er es schaffen, so lange brauchte er im Mai 2017 bei seinem Rekord in Brasilien. Obwohl er da schon 3,8 km schwimmen und 180 km Rad fahren hinter sich gebracht hatte.

Am 4. Januar kommt der Halo ab. Don ist überglücklich.

Das Unterfangen ist risikoreich. Der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht, nur fünf Monate nach einer solchen Verletzung wieder 42 Kilometer zu laufen. «Ich habe keine Ahnung, ob es klappen wird», sagt Don, «ich weiss nur, dass ich es probieren muss.» Er will nichts anderes als den nächsten Rekord. Nicht beim Marathon von Boston, der dient ihm als Vorbereitung für grössere Aufgaben. Das Ziel ist ein Ironman – der auf Hawaii, wo vor sechs Monaten seine Leidensgeschichte mit unvorstellbaren Schmerzen begann.


Er will ohne Beine auf den Everest
Vor 43 Jahren verlor Xia Boyu am höchsten Berg der Welt beide Füsse. Und das war erst der Anfang seines Dramas. Nun ist er zurück. (Abo+)

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.04.2018, 11:38 Uhr

Artikel zum Thema

Daniela Ryf ist Ironman-Weltmeisterin

VIDEO An ihr kommt niemand vorbei: Die Triathletin Daniela Ryf hat zum dritten Mal in Folge die Weltmeisterschaft in der Langdistanz gewonnen. Mehr...

Daniela Ryf schreibt in den USA Geschichte

VIDEO Daniela Ryf schafft als erste Triathletin der Geschichte den dritten WM-Titelgewinn über die halbe Ironman-Distanz. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...