Martina Strähl – die Frau der Extreme

Sie kann Gegnerinnen in Grund und Boden laufen – und kämpft dann doch wieder mit sich selbst. Heute startet Martina Strähl am Jungfrau-Marathon – nur 27 Tage nach der EM in Berlin.

Wie man sie kennt: Martina Strähl jubelt nach ihrem Sieg am Grand Prix von Bern.

Wie man sie kennt: Martina Strähl jubelt nach ihrem Sieg am Grand Prix von Bern.

(Bild: Christian Pfander)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Es war ein sonniger und vor allem äusserst warmer Morgen an diesem 12. August in Berlin, dem letzten Tag der Europameisterschaft. Zweifellos also waren es nicht die besten Voraussetzungen dafür, einen Marathon zu bestreiten. Doch Martina Strähl zeigte sich davon unbeeindruckt. Die Solothurnerin gab bis zur Rennhälfte den Takt vor, klassierte sich in persönlicher Bestzeit von 2:28:07 Stunden als Siebte.

Heute, lediglich 27 Tage später, wird Strähl den Jungfrau-Marathon bestreiten. Eine solches Programm zu absolvieren, ist selbst für eine Spitzenathletin ambitiös. Sie habe sich vor zwei Wochen spontan für die Teil­nahme entschieden, sagt Strähl, «weil ich mich besser als erwartet von der EM erholt habe».

1829 Höhenmeter müssen die Athleten «fressen», um von Interlaken auf die Kleine Scheidegg zu ge­langen. Das verlangt zwar viel Ausdauer und Muskelkraft, für die Gelenke ist die Belastung aber geringer als bei einem klassischen Strassen-Marathon. Der Körper muss viel weniger Schläge aufnehmen. Gleichwohl reagierte Strähls Trainer Fritz Häni wenig erfreut, als sie ihm von ihrem Plan erzählte. Schliesslich gab der Oberaargauer aber grünes Licht, unter einer Bedingung: Nach dem Jungfrau-Marathon muss Strähl eine sechswöchige Laufpause einlegen.

Nach dem GP die Leere

Die letzten Monate lassen sich aus der Perspektive Strähls mit der Fahrt auf einer Achterbahn vergleichen. Im Frühjahr verpasste sie zuerst die Halbmarathon-WM wegen einer Grippe. Doch zwei Wochen später trat sie über die­selbe Distanz in Berlin an, liess sich nur von der Äthiopierin Melat Yisak Kejeta bezwingen und stellte in 1:09:29 Stunden einen Landesrekord auf.

Mitte Mai triumphierte sie dann als erste Schweizerin seit zwanzig Jahren am Grand Prix von Bern. Ihre härteste Konkurrentin – die Bernerin Maja Neuenschwander – hatte sie bereits kurz nach dem Start abgehängt. «Hätte ich an der EM diese Form gehabt, wäre noch mehr möglich gewesen», sagt Strähl heute.

Denn die Hochgefühle von Bern, sie verflogen bald. Strähl fiel in einen Erschöpfungszustand, konnte den Körper rund sechs Wochen lang nicht mehr belasten. Es schmerzte sie in Rücken und Becken, und sie kämpfte mit einer hartnäckigen Entzündung der Plantarsehne im linken Fuss. Trainer Häni sagt, dass er eine Woche vor der EM nicht sicher gewesen sei, ob Strähl würde antreten können.

Mehr als nur ein Trainer

Nun sind gesundheitliche Probleme ein steter Begleiter der Athletin mit dem beeindruckenden Motor und dem fragilen Körper. Wobei sie in Berlin erstmals erzählte, womöglich seien diese psychosomatisch. Grob zusammengefasst bedeutet das: Ein psychisches Problem schlägt sich auf die physische Verfassung nieder. «Es ist doch so: Vor Gross­anlässen bin ich entweder krank, oder es tut mir etwas weh», hält sie fest. «Fast scheint es, dass der Körper eine Art Notbremse zieht, damit ich mich ruhig halte.»

Die Psychologin versucht, das Problem in den Griff zu bekommen. Auf fremde Hilfe, etwa in Form eines Mentaltrainers, hat sie bis jetzt aber verzichtet. Lieber vertraut sie sich Häni an. Seit vier Jahren betreut der ehemalige Waffenläufer die Athletin der LV Langenthal. Er weiss mittlerweile, wie er mit ihr in welchen Situationen umgehen muss. «Manchmal ist es ganz einfach am besten, sie abzulenken. Also gingen wir in Berlin vor dem Wettkampf zusammen shoppen und haben dabei nicht über das Rennen gesprochen», sagt er. Das Ergebnis lässt sich sehen.

Vor ihrem heutigen Auftritt mag Strähl nicht klagen. Anders als vor der EM muss sie weder Entzündungshemmer noch Schmerzmittel zu sich nehmen. «Fühle ich mich gut, werde ich Vollgas geben, ein Sieg wäre die Krönung dieser Saison», sagt sie. Die 31-Jährige gilt als Topfavoritin – weil sie 2016 auf der Kleinen Scheidegg triumphierte und weil mit Vorjahressiegerin Maude Mathys eine starke Konkurrentin fehlt. Häni jedenfalls traut Strähl einiges zu: «Sie ist der totale Wettkampftyp und kann am Tag X alles abrufen.» Das hat sie heuer mehrfach demonstriert.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt