Wie ein geplatzter Luftballon

Die Seeländer bringen sich buchstäblich in letzter Minute um den Heimsieg und die Vorentscheidung im Playoff-Viertelfinal gegen die ZSC Lions. Der 3:2-Erfolg nach Verlängerung dürfte den Zürchern gehörig Auftrieb geben.

In der Verlängerung trifft Mike Künzle für die Lions.

In der Verlängerung trifft Mike Künzle für die Lions.

(Bild: Keystone)

Marco Oppliger@BernerZeitung

Hände vor dem Mund, Hände in den Haaren. Am besten beschreiben Gestik und Mimik der Bieler Fans die Geschehnisse der letzten 80 Sekunden der regulären Spielzeit im vierten Duell zwischen dem EHC Biel und den ZSC Lions. 2:1 führen die Gastgeber, eben haben sich die Zürcher zum dritten Mal an diesem Abend eine Strafe wegen zu vieler Spieler auf dem Eis geleistet.

Und weil bereits je ein Bieler und ein Zürcher in der Kühlbox sitzen, kann der EHCB bis zur Sirene mit 4 gegen 3 Spielern agieren. Das alte Eisstadion – es ist mit 6200 Zuschauern erstmals in dieser Saison ausverkauft – bebt. Die Überraschung, also eine 3:1-Führung Biels in der Playoff-Viertelfinalserie gegen den Qualifikationssieger, ist nahe. Eilig nimmt Kevin Schläpfer vor dem Bully in der eigenen Zone ein Time-out, wohl um seine Spieler zu beruhigen. Später wird er sagen, er habe diese Auszeit gebraucht, um einen zweiten Verteidiger auf das Eis zu beordern.

Alles auf eine Karte

Der Plan geht nicht auf. Schläpfers Antipode Marc Crawford setzt alles auf eine Karte: Nach dem gewonnenen Bully ersetzt er Torhüter Lukas Flüeler durch einen vierten Feldspieler – und tatsächlich gelingt den Zürchern dank Ryan Keller der Ausgleich. 2:2, genau eine Minute vor dem regulären Ende. Von der zuvor prickelnden Ambiance ist im Eisstadion nichts mehr zu spüren. Es ist, als hätte jemand einen Luftballon platzen lassen.

«Dieses Tor tat weh», meint Kevin Fey. «Wir wussten, dass wir nach der Strafe eigentlich jeden Vorteil auf unserer Seite hatten, vielleicht hat das den einen oder anderen Spieler etwas gelähmt.»

Obschon die Seeländer in der Verlängerung aktiver sind, sogar noch in Überzahl agieren können, markieren die ZSC Lions durch Mike Künzle in der 70.Minute den 3:2-Siegtreffer. «Nach dem 2:2 ist ein Ruck durch die Mannschaft gegangen», sagt Künzle, «und wir haben gemerkt, dass die Bieler mit zunehmender Spieldauer immer weniger Energie hatten.»

Powerplay als Hypothek

Dass die Equipe Schläpfers das Geschehen während 40 Minuten dominiert und 2:0 geführt hat, spielt nun keine Rolle mehr – auch, weil die Seeländer ihren grössten Vorteil nicht ausgenutzt haben. Acht Mal konnten sie in Überzahl agieren, für Gefahr sorgten sie dabei kaum. «Das Powerplay war zu schwach, und das war entscheidend», hält Schläpfer fest. «Trotzdem haben wir nun zum dritten Mal in dieser Serie ein total ausgeglichenes Spiel gesehen, die beiden Teams spielen auf dem gleichen Niveau, deshalb bin ich stolz auf meine Mannschaft.»

Gewiss hatte kaum jemand erwartet, dass es in der Serie zwischen den ZSC Lions und Biel nach vier Vergleichen 2:2 stehen würde. Doch der samstägliche Sieg dürfte dem Meister viel Mumm für den Auftritt von morgen im Hallenstadion geben. Vielleicht war der Last-minute-Ausgleich die Schlüsselsituation in diesem Viertelfinal. «Wenn wir diszipliniert, hart und aggressiv spielen, kommt es gut», findet jedenfalls ZSC-Matchwinner Künzle. Mit einem Heimsieg könnten die Zürcher für ein Novum in diesem Viertelfinal sorgen; bisher haben sich stets die Gäste durchgesetzt.

Deshalb überrascht es kaum, sagt Biel-Verteidiger Kevin Fey: «Das Ziel muss sein, mit viel Vertrauen nach Zürich zu reisen, immerhin wissen wir, wie wir die ZSC Lions schlagen können.» Allerdings stellt sich die Frage, wie schwer die Enttäuschung der Bieler wiegt. In den Playoffs könne man nach einem Spiel fünf Minuten enttäuscht sein oder sich fünf Minuten freuen, meint Fey, «doch dann muss man sofort die Schlüsse für die nächste Partie ziehen».

Berner Zeitung

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