«Von den Ausländern wird in der Schweiz zu viel erwartet»

Im Frühling feierte Aaron Gagnon mit dem SCB den Meistertitel, am Samstag spielt er in Diensten der SCL Tigers gegen die Berner. Der Kanadier (31) hat in Langnau trotz zuletzt guten Leistungen keinen leichten Stand.

Aufwärtstendenz vor dem Derby: Langnaus Stürmer Aaron Gagnon, im April mit Bern Meister geworden, kommt nach Startproblemen in Schwung.

Aufwärtstendenz vor dem Derby: Langnaus Stürmer Aaron Gagnon, im April mit Bern Meister geworden, kommt nach Startproblemen in Schwung. Bild: Raphael Moser

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Fühlen Sie sich ungerecht ­behandelt?
Aaron Gagnon: Es passt schon so, wie es ist. Entscheidend ist, dass ich von den wichtigen Leuten gut behandelt werde.

Bereits nach dem ersten Spiel wurden Sie in den Medien als Fehltransfer bezeichnet. Wie gingen Sie damit um?
Ich hörte erst später davon, rea­lisierte zudem, dass in den Fan­foren nicht sonderlich gut über mich geschrieben wurde. Zeitungen hingegen lese ich nicht, das habe ich mir abgewöhnt. Natürlich staunte ich ob den Reaktionen. Aber es war nicht das erste Mal, dass ich in der Schweiz kritisiert wurde. Und es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Trainer Heinz Ehlers meint, Sie würden vieles richtig machen, sich in den Dienst des Teams stellen – aber kaum auffallen.
Ich bin nun mal kein Spektakelmacher, werde nie Topskorer sein. Aber ich spiele sehr effektiv, kann dem Team bestimmt helfen. Und ich bin mir nicht zu schade, einmal eine weniger wichtige Rolle in einer hinteren Linie einzunehmen.

Viele Leute in Langnau waren überrascht ob Ihrem Transfer . . .
. . . das verstehe ich sogar. Vor allem die Fans wollen Spieler sehen, die Tor um Tor schiessen. Andere wichtige Qualitäten werden oft als zu wenig entscheidend eingestuft. Von den Ausländern wird in der Schweiz sicher zu viel erwartet. Aber ganz ehrlich: In den ersten drei, vier Spielen war ich auch zu wenig gut.

Bereits seit Mitte September wird über die mögliche Rückkehr Chris DiDomenicos spekuliert. Haben Sie sich damit ­beschäftigt?
Ich werde häufig darauf angesprochen. Wenn über neue Ausländer diskutiert wird, kann sich dies auf meine Position auswirken. Solche Gerüchte rauben dir den Schlaf. Man kann nervös werden oder positiv bleiben, an sich glauben. Ich tue das Zweite.

Zuletzt zeigten Sie sich stark verbessert. Haben die Gerüchte Einfluss auf Ihre Leistungen?
Wenn einige an dir zweifeln, spürst du zusätzlichen Druck, ganz klar. Ich versuche aber, cool zu bleiben. Zuletzt habe ich ein paar wichtige Tore geschossen, das hat enorm geholfen.

DiDomenico hatte das Team ­Ende Februar fluchtartig verlassen. Ist es legitim, stehen ihm in Langnau offenbar nach wie vor alle Türen offen?
(überlegt) Ich kenne die Details in dieser Geschichte nicht. Wenn die Verantwortlichen der Meinung sind, er könne das Team verstärken, dann ist es sicher ihr gutes Recht, diesen Transfer zu tätigen.

Nach schwachem Saisonstart haben sich die SCL Tigers auf Rang 9 vorgearbeitet. Worauf gründet die Steigerung?
Wir machen weniger Fehler, wir blocken mehr Schüsse, wir haben mehr Vertrauen – es tönt abgedroschen, aber es sind wirklich nur Details, welche die Differenz ausmachen. Nun gewinnen wir die engen Spiele. Der Trainer ist trotz der sehr ungemütlichen ­Situation cool geblieben.

Ist Heinz Ehlers der strengste Trainer, den Sie je hatten?
Mark Crawford (Ex-ZSC-Lions-Coach, die Red.) stand in Dallas an der Bande, ein freundlicher Typ war er nicht unbedingt (lacht). Ehlers kann sehr hart und fordernd sein. Aber er handelt und entscheidet fair.

Am Samstag gastiert Bern in der Ilfishalle. Sie gewannen mit dem SCB im April den Titel – wie nahe stehen Sie der Mannschaft noch?
Ich pflege viele Kontakte. Ein Titelgewinn schweisst ein Team zusammen, ist mit extrem positiven Erinnerungen verknüpft. Beim SCB kennt jeder die Stärken und Schwächen der Kollegen auswendig, dies erleichtert es, einander zu unterstützen. Deshalb ist Bern so stark. Andrew Ebbett ist ein guter Kollege von mir. Einen Witz erzähle ich gerne: Was haben der Winter und Andrew Ebbett gemeinsam? An Weihnachten sind beide bei minus 10 (lacht).

Beim SCB waren Sie Center in der vierten Linie, in Langnau stürmen Sie in der ersten Formation. Ist der Unterschied zwischen den Teams derart gross?
Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist in Bern riesig; das Selbstverständnis, die Besten zu sein, ist spürbar. Das wird jedem in der Garderobe eingeimpft. In Langnau ist das schwieriger, wir haben nicht diese finanziellen Möglichkeiten, nicht derart viele Leaderfiguren. Es gibt in der Qualifikation mehr Auf und Ab. Und doch glaube ich, dass für uns in einem Spiel gegen Bern einiges möglich ist.

Sie haben 38 NHL-Spiele ­absolviert. Weshalb verliessen Sie Nordamerika schon als 26-Jäh­riger?
Ich verlor die Hoffnung, mich durchsetzen zu können. Es gab zu viele Rückschläge – und am Ende keine guten Offerten mehr. In einer Saison war ich siebenmal zwischen NHL und AHL hin und her geschoben worden. Ich wurde müde, die Leute um mich herum begannen sich zu nerven. Ich wusste eigentlich nie, wo ich am nächsten Tag aufwachen werde. Nun schätze ich die Konstanz im Leben, die kürzeren Distanzen.

Wobei Konstanz ein dehnbarer Begriff ist. Die SCL Tigers sind bereits ihr 13. Verein...
...als Ausländer bekommst du oft nur Einjahresverträge. Ich werde immer wieder gefragt, ob es sich deshalb überhaupt lohne, sich an die lokale Kultur anzupassen, die Sprache zu lernen, sich ein soziales Umfeld aufzubauen. Die Frage ist berechtigt. Und doch muss man sich Mühe geben, schliesslich möchte man ja länger beim Team bleiben, sich einen neuen Vertrag erspielen. Ich habe in Schweden, in Finnland, in der Schweiz gelebt, das ist doch toll. Aber es braucht eine verständnisvolle Frau, die viele Opfer bringt und akzeptiert, dass sich fast alles um ihren Mann dreht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2017, 09:54 Uhr

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