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Vergebliche Grüsse an Homer Simpson

Wie der Schweizer Stürmer Vincent Praplan in den USA erstmals einen Trade erlebte, dabei quasi vom Himmel in die Hölle kam, und warum er dennoch glücklich und zufrieden ist.

Der zweite Club in der AHL: Vincent Praplan im Jersey der Springfield Thunderbirds. (Bild: China Wong)
Der zweite Club in der AHL: Vincent Praplan im Jersey der Springfield Thunderbirds. (Bild: China Wong)

Ausgerechnet Vincent Praplan. Es war aus Schweizer Sicht die unerwartetste Neuigkeit im Rahmen des Transferschlusses vorletzten Montag in der NHL.

Dass Kevin Fiala von Nashville nach Minnesota, sowie Nino Niederreiter von Minnesota nach Carolina gedealt werden würde, hatte in den Gerüchteküchen bereits zuvor Runden gemacht. Doch Praplans Wechsel von den San Jose Sharks zu den Florida Panthers erwischte Hockeyfans in der Schweiz genauso auf dem falschen Fuss wie den Spieler selbst.

Wobei präzisiert werden muss: Der frühere Klotener Stürmer wechselte zwischen den jeweiligen AHL-Farmteams – von den San Jose Barracuda zu den Springfield Thunderbirds.

Vincent Praplan trägt nun die Farben der Springfield Thunderbirds. (Bild: China Wong)
Vincent Praplan trägt nun die Farben der Springfield Thunderbirds. (Bild: China Wong)

Hinter den offiziellen, oft keine drei Zeilen langen Transfermeldungen stecken nicht selten auch kleine Abenteuer für die beteiligten Spieler. Praplan erlebte die geballte Ladung des Erlebnisses «Unerwarteter Transfer» mit allen möglichen mühsamen Begleitumständen, die den 24-jährigen Walliser im Nachhinein aber auch schmunzeln lassen.

Hier der ganze Ablauf aus Praplans Optik im Zeitraffer:

Es beginnt in Des Moines

Es ist der 21. Februar, Praplan und die San Jose Barracuda sind auf einem Road Trip im 3000 Kilometer entfernten Des Moines, treffen am Abend auf die Iowa Wild, dem Farmteam Minnesotas. Praplan guckt nach dem Aufwärmen am Mittag auf die ausgedruckte Aufstellung in der Garderobe, findet aber seinen Namen nicht.

Der Coach ruft den Schweizer zu sich und teilt mit, dass er ihn nicht einsetzen dürfe: Befehl vom Management! Praplan: «Ich fragte ihn, ob ich irgendeinen Mist gebaut habe … Er sagte Nein, er kenne den Grund auch nicht.» Praplan zuckt mit den Schultern, kehrt ins Hotel zurück, ist am Abend Zuschauer.

Der Tag danach. Wie das in der AHL bei geographisch weit auseinander liegenden Gegnern hin und wieder vorkommt, treffen die beiden Teams nochmals aufeinander. Für Praplan ein Déja-vu: Aufwärmen – Garderobe – Aufstellung – der fehlende Name – der Coach, der winkt. Diesmal gibt's die Begründung: «Er sagte, ich sei zu Florida getradet worden, dankte für meinen Einsatz, wir gaben uns die Hand, das Ganze dauerte keine Minute.»

Praplan verabschiedet sich vom Team, das Telefon klingelt, es folgen zwei kurze Gespräche: Mit dem Assistenz-General-Manager der Florida Panthers (Man freue sich), dann mit dessen Sekretär (Der Flug nach Detroit mit Anschluss nach Springfield sei schon in 3 Stunden).

Praplan geht ins Hotel, packt seine Sachen, viel ist es nicht: ein Anzug, eine Hose, zwei T-Shirts, ein Pullover, drei Unterhosen. Praplan: «Ich hatte ja bloss für vier Tage gepackt …» In San Jose wohnt Praplan mit Sharks-Stürmer Timo Meier, am Telefon erzählt er ihm vom Trade und dem Ende der gemeinsamen WG. Meier verspricht, Praplans restliche Kleider in zwei Koffer zu packen und diese per Post nach Springfield zu schicken.

Als Vincent Praplan und Timo Meier noch zusammen in San Jose wohnten: Ein Besuch im Oktober 2018. (Video: Kristian Kapp)

Bloss: Auch die Sharks sind gerade auf Road Trip an der Ostküste, Meier wird erst vier Tage später zurück sein in Kalifornien. Als Praplan endlich im 2000 Kilometer von Des Moines entfernten Springfield ankommt, ist es nach Mitternacht, der Teamleiter der Thunderbirds fährt ihn ins Hotel.

Es ist kalt – vor allem in diesem Outfit

Am nächsten Morgen schaut Praplan aufs Handy, erste Grüsse von Freunden: «Du bist in Springfield? Sag Homer Simpson Hallo!» Praplan läuft zur nahen Eishalle, das Warmup vor seinem ersten Spiel mit Springfield am Abend steht an. Es ist Minus 10 Grad, der eisige Ostküsten-Wind ist keine Hilfe. Praplan trägt Jeans und Pullover – die Winterjacke ist noch in San Jose, er erhält vom Team eine neue.

Nach dem Training ist Zeit für einen ersten Spaziergang, ein Mittagessen, Praplan findet ein Restaurant in der Nähe, der Kellner warnt ihn vor der Drogenszene einen Block weiter. Später zwei Nachrichten, die erste vom Team: Ein Bewaffneter sei in der Nähe der Eishalle gesichtet worden, vorerst besser fernbleiben. Die zweite von Denis Malgin, dem Schweizer Stürmer bei den Florida Panthers, ebenfalls mit Springfield-Erfahrung: Willkommensgrüsse und der Tipp, in der Nacht auf keinen Fall alleine herumzulaufen.

Nein, Homer Simpson wohnt hier nicht

Was unter erfahrenen Spielern in Nordamerika kein Geheimnis ist, dürfte nun auch Praplan dämmern: Er ist vom Eishockey-Himmel in einer anderen Welt gelandet. San Jose im sonnigen Kalifornien gilt als vielleicht bester Ort – Springfield hat den umgekehrten Ruf.

Homer Simpson wird Praplan hier auch nicht antreffen. Es gibt über ein Dutzend Springfields in den USA, in der Comic-Serie war es jahrelang ein Running Gag, den Bundesstaat nicht zu verraten, bis vor sechs Jahren publik wurde, dass Bart, Marge, Maggie, Lisa und eben Homer in Springfield, Oregon leben – die Thunderbirds hingegen sind in Springfield, Massachusetts. Der Ort taucht seit Jahren in wenig ruhmreichen Tabellen der USA auf: Anzahl Verbrechen pro Einwohner.

Sie wohnen in Springfield, Oregon - nicht Massachusetts: Homer Simpson (2. von rechts) und Familie. (Bild: AP Photo/Fox Broacasting Co.)
Sie wohnen in Springfield, Oregon - nicht Massachusetts: Homer Simpson (2. von rechts) und Familie. (Bild: AP Photo/Fox Broacasting Co.)

Es geht dennoch aufwärts

Doch was soll’s? Praplan ist zum Eishockeyspielen hier. Nach knapp zwei Wochen, dem Umzug vom Hotel letzten Montag in eine kleine Spieler-WG, wo er im Gästezimmer wohnt, und nach vier Partien mit den Thunderbirds hat er nur Gutes zu berichten. In San Jose kam er auch wegen zwei mehrwöchigen Verletzungspausen nie in Fahrt, das bei den Barracuda verlangte «Dump-and-chase»-Hockey bereitete ihm Probleme.

Der Anfang der Reise: Vincent Praplan in einem Testspiel mit den San Jose Sharks gegen die Anaheim Ducks am 18. September 2018 – bald danach wurde er ins AHL-Farmteam am selben Ort geschickt. (Bild: Matt Cohen/Getty Images)
Der Anfang der Reise: Vincent Praplan in einem Testspiel mit den San Jose Sharks gegen die Anaheim Ducks am 18. September 2018 – bald danach wurde er ins AHL-Farmteam am selben Ort geschickt. (Bild: Matt Cohen/Getty Images)

In Springfield nun dürfe er mit dem Puck kreativer sein, sagt Praplan, «die letzten drei Spiele waren vielleicht meine besten überhaupt in Nordamerika. Ich habe viele Plays kreiert, Chancen vorbereitet.» Die Thunderbirds sind auf dem Papier ein eher schwächeres Team, Praplan erhält mehr Eiszeit, darf in den ersten beiden Linien und in Schlüsselsituationen ran.

«Nur eines im Kopf»

Und so hofft er, nach einem turbulenten ersten Jahr im nordamerikanischen Profihockey doch noch auf ein Happy End: «Es liegt nun an mir, mich für eine Vertragsverlängerung aufzudrängen.» Dass es in der Schweiz heisst, er habe für nächste Saison dem SC Bern bereits zugesagt, will er nicht kommentieren.

Erfolgreicher Einstand mit Springfield: Vincent Praplan (#10) feiert mit Cliff Pu (links) und Goalie Chris Driedger einen Sieg gegen die Providence Bruins. (Bild: China Wong)
Erfolgreicher Einstand mit Springfield: Vincent Praplan (#10) feiert mit Cliff Pu (links) und Goalie Chris Driedger einen Sieg gegen die Providence Bruins. (Bild: China Wong)

«Ich habe nur eines im Kopf: mich in Nordamerika durchsetzen», sagt Praplan. «Ein Jahr ist kurz. Für mich ist das hier eine neue Welt. Ich kann mich auch im mentalen Bereich verbessern, da war ich bislang nicht auf dem Level, auf dem ich sein will.»

Der erste Koffer aus San Jose ist in der Zwischenzeit übrigens eingetroffen. Es ist jener, in den Meier acht Paar Schuhe Praplans packte. Auf den anderen, mit den restlichen Kleidern, wartet er immer noch …

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