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Und der Meistertitel geht an ...

Eine Meisterschaft ohne Meisterfeier ist langweilig. Also haben wir den Eishockey-Champion mit der Spielkonsole ermittelt.

Der finale Jubel der Saison. (Screenshot NHL 2020)
Der finale Jubel der Saison. (Screenshot NHL 2020)

Eine Saison ohne Meister, das darf doch eigentlich nicht sein. Die Schweizer Eishockeymeisterschaft wurde vor Playoffbeginn wegen des Coronavirus abgebrochen. Und um wenigstens eine von vielen möglichen Antworten auf die «Was wäre gewesen, wenn …?»-Frage zu finden, haben wir das Schweizer Playoff mit dem Videospiel «NHL 20» simulieren lassen. Alle drei Runden, jeweils Best of 7, mit den Originalspielern und den Originalteams.

Wem das Resultat nicht passt oder wer lieber sein eigenes Lieblingsteam als Champion hätte sehen wollen, der soll dieses kleine Experiment selber durchspielen, denn so viel kann schon von Anfang an verraten werden: Der Simulator ist mindestens so unberechenbar wie das reale Eishockey.

Bevor wir Ihnen gleich unsere Version des Playoffs 2020 Spiel für Spiel nacherzählen, noch dies hier: Das NHL-Game mag zwar die korrekten Team- und Spielernamen enthalten, und genauso wurde von den Entwicklern versucht, die Stärkeverhältnisse der Spieler einigermassen realistisch darzustellen. Das ist nicht immer wirklich gut gelungen. Da es aber bei jedem Team kleinere und gröbere Fehler diesbezüglich hat, liessen wir dies ausser Acht.

Was wir indes anpassten, waren die Linien und die Rollenverteilung der Spieler bei den Special Teams. Denn auch diese sind im Game teilweise sehr mangelhaft eingestellt. Und wir liessen jeden in real verletzten Spieler wie durch ein Wunder genesen, um alle Teams mit der bestmöglichen Aufstellung antreten lassen zu können.

Legen wir nun aber endlich los:

Viertelfinal 1: ZSC Lions (1.) - Lugano (8.)

Es beginnt standesgemäss. Dass die Lions beim 3:2-Overtime-Sieg zum Auftakt gegen Lugano etwas Mühe bekunden, ist nichts Spektakuläres. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Lugano ist alles andere als Kanonenfutter, gewinnt die nächsten beiden Spiele deutlich. Den Ausgleich in der Serie holt sich der ZSC mit einem weiteren Overtime-Sieg, Maxim Noreau trifft nach 81:10 Minuten zum 2:1. Doch die Sensation lässt sich nicht mehr abwenden. Das nächste Spiel wird zu einem der verrücktesten des ganzen Playoffs, Lugano gewinnt im Hallenstadion 7:5 und zieht danach mit einem 1:0-Heimsieg in den Halbfinal ein. Die Lions als stolzer Qualifikationssieger sind bereits eliminiert.

Spiel 1: ZSC - Lugano 3:2 (0:0, 1:0, 1:2, 1:0) nach Verlängerung. Spiel 2: Lugano - ZSC 3:0 (1:0, 1:0, 1:0) Spiel 3: ZSC - Lugano 1:5 (0:1, 0:1, 1:3) Spiel 4: Lugano - ZSC 1:2 (0:0, 0:0, 1:1, 0:0, 0:1) nach 2. Verlängerung Spiel 5: ZSC - Lugano 5:7 (2:0, 3:5, 0:2) Spiel 6: Lugano - ZSC 1:0 (1:0, 0:0, 0:0) Endstand: ZSC - Lugano 2:4

Fazit: Die Lions dominieren die meisten Spiele, scheitern aber immer wieder am überragenden Lugano-Goalie Niklas Schlegel. In der Offensive versagen die ZSC-Stars, Pius Suter, Garrett Roe und Fredrik Pettersson schiessen nur je einen Treffer.

Viertelfinal 2: Zug (2.) - Fribourg (7.)

Nach dem unerwarteten Ausgang der ZSC-Serie wird auch hier schnell klar: Der Simulator will uns offenbar auf eine besondere Reise mitnehmen. Denn einer der Verlierer der Serie wird ausgerechnet EVZ-Goalie Leonardo Genoni sein. Er kassiert in den sechs Spielen im Schnitt 4,14 Gegentore und hält nur 85,1 Prozent aller Schüsse. Beides sind die schlechtesten Werte überhaupt. Und weil auf der anderen Seite Reto Berra einen Steigerungslauf hinlegt, endet auch diese Serie mit einer Sensation. «Zug entgleist» heisst es schon in Spiel 1, als Gottéron auswärts zu einem hohen Sieg kommt. Die folgenden Spiele sind dann allesamt eng, dem EVZ gelingt mit zwei Siegen vorerst sogar die Wende. Doch dann schlägt die Stunde Berras, der die Zuger mehrfach zur Verzweiflung treibt. Gottéron gewinnt dreimal in Serie und steht im Halbfinal.

Spiel 1: Zug - Fribourg 1:6 (0:2, 0:3, 1:1) Spiel 2: Fribourg - Zug 4:5 (1:2, 2:0, 1:2, 0:1) nach Verlängerung Spiel 3: Zug - Fribourg 5:3 (3:2, 0:1, 2:0) Spiel 4: Fribourg - Zug 4:3 (1:1, 1:0, 2:2) Spiel 5: Zug - Fribourg 2:4 (1:2, 1:2, 0:0) Spiel 6: Fribourg - Zug 4:1 (1:0, 1:0, 2:1) Endstand: Zug - Fribourg 2:4

Fazit: Wie bei den Lions versagen auch bei Zug die Stars. Carl Klingberg gelingt kein einziger Treffer, Eric Thorell und Jan Kovar treffen auch nur je einmal, der Tscheche beendet die Serie zudem mit einer Minus-4-Bilanz. Bei Gottéron sind Viktor Stalberg (5 Tore/5 Assists) und David Desharnais (1/7) die überragenden Figuren.

Viertelfinal 3: Davos (3.) - Lausanne (6.)

Diese Serie hier wird zur umkämpftesten des ganzen Playoffs. Sieben Spiele, sieben Heimsiege, starke Goalies, Overtime-Siege. Stets legt Davos vor, immer kann Lausanne reagieren – bis Spiel 7 folgt. Die Heimstärke ist am Ende entscheidend, in sieben Partien erzielen die Auswärtsteams nur 9 Tore. Endlich kommt nun auch ein Team weiter, das zumindest von der Rangierung nach der Qualifikation her als Favorit galt.

Spiel 1: Davos - Lausanne 3:2 (2:1, 0:0 0:1, 1:0) nach Verlängerung Spiel 2: Lausanne - Davos 5:2 (3:0, 0:0, 2:2) Spiel 3: Davos - Lausanne 3:2 (1:1, 0:0, 1:1, 1:0) nach Verlängerung Spiel 4: Lausanne - Davos 4:2 (1:1, 3:1, 0:0) Spiel 5: Davos - Lausanne 5:1 (0:0, 2:0, 3:1) Spiel 6: Lausanne - Davos 1:0 (0:0, 0:0, 1:0) Spiel 7: Davos - Lausanne 2:0 (0:0, 0:0, 2:0) Endstand: Davos - Lausanne 4:3

Fazit: Davos überzeugt mit Ausgeglichenheit, als Skorer ragt nur Marc Wieser mit 6 Skorerpunkten heraus. Lausannes Import-Spieler bleiben allesamt unter den Erwartungen, Dustin Jeffreys 4 Punkte sind bereits Topwert, Petteri Lindbohms null Punkte und Minus-6-Bilanz sind Tiefpunkte.

Viertelfinal 4: Servette (4.) - Biel (5.)

Kein Team überzeugt in Runde 1 derart wie Genf-Servette. Vier der fünf Spiele werden von den Grenats dominiert, Spiel 3 wird für Biel von Jonas Hiller mit 36 Paraden bei 37 Schüssen geklaut – der Goalie ist der Hauptgrund, dass in den anderen Spielen keine hohen Genfer Siege erfolgen. Die einzige ausgeglichene Partie ist Spiel 5 – es ist bereits die Derniere.

Spiel 1: Servette - Biel 3:1 (2:1, 1:0, 0:0) Spiel 2: Biel - Servette 2:3 (0:2, 1:1, 1:0) Spiel 3: Servette - Biel 1:3 (1:0, 0:2, 0:1) Spiel 4: Biel - Servette 0:3 (0:1, 0:1, 0:1) Spiel 5: Servette - Biel 4:3 (1:0, 3:3, 0:0) Endstand: Servette - Biel 4:1

Fazit: Bei Servette überzeugen die Ausländer, Eric Fehr ist mit 5 Punkten (2 Tore/3 Assists) Topskorer, Daniel Winnik bleibt mit 3 Punkten (2/1) verhältnismässig leise – doch da wird noch mehr kommen. Viel mehr. Der EHC Biel hingegen enttäuscht im Kollektiv, Goalie Hiller (91,7 Prozent Fangquote) bildet die Ausnahme.

Halbfinal 1: Davos (3.) - Lugano (8.)

Diese zwei Teams erwartete man nicht unbedingt im Halbfinal, doch nur einem der beiden wird es in dieser Serie gelingen, weiterhin zu überzeugen. Der HC Davos macht zunächst dort weiter, wo er im Viertelfinal aufgehört hatte: Sieg zu Hause, Niederlage auswärts. In Spiel 3 dann das Break von Lugano, doch der HCD kann in Spiel 4 in extremis und trotz 0:2-Rückstand nach 40 Minuten reagieren. Doch damit haben die Bündner bereits ihr Pulver verschossen. Lugano gewinnt die nächsten beiden Spiele souveräner, als es die nackten Resultate zeigen. Die Bianconeri im Final – wer hätte das erwartet?

Spiel 1: Davos - Lugano 3:1 (1:0, 1:0, 1:1) Spiel 2: Lugano - Davos 3:2 (1:0, 0:1, 2:1) Spiel 3: Davos - Lugano 2:3 (2:1, 0:0, 0:2) Spiel 4: Lugano - Davos 2:4 (1:0, 1:0, 0:4) Spiel 5: Davos - Lugano 0:2 (0:1, 0:0, 0:1) Spiel 6: Lugano - Davos 4:3 (2:1, 1:0, 1:2) Endstand: Davos - Lugano 2:4

Fazit: Beim HCD geht den Skorern die Luft aus, kein Davoser erzielt in dieser Serie mehr als zwei Tore. Bei Lugano setzt ein in die 4. Linie degradierter Star hingegen seine im Viertelfinal gestartete Renaissance fort: Dario Bürgler schoss gegen die ZSC Lions vier Tore, auch gegen Davos trifft er dreimal. Und im Tor bleibt Niklas Schlegel stark.

Halbfinal 2: Servette (4.) - Fribourg (7.)

Das Westschweizer Derby verspricht ein Höhepunkt zu werden – doch es endet mit der einseitigsten Serie des Playoffs. Gottéron verliert Spiel 1 in Genf äusserst unglücklich und fast schon unverdient. Doch das ist beinahe der sichere Todesstoss für die Freiburger. Servette reiht Sieg an Sieg und zeigt sich nun auch endlich effizient. Gottéron verpasst in Spiel 3 die letzte Chance, in die Serie zurückzukehren, als Daniel Winnik nach 81:18 Minuten in der 2. Overtime Servette zum Sieg schiesst. Winnik hatte bereits in Spiel 1 das Siegestor in der Verlängerung erzielt gehabt.

Spiel 1: Servette - Fribourg 4:3 (1:1, 0:0, 2:2, 1:0) nach Verlängerung Spiel 2: Fribourg - Servette 3:6 (1:4, 1:0, 1:2) Spiel 3: Servette - Fribourg 4:3 (1:2, 2:1, 0:0, 0:0, 1:0) nach 2. Verlängerung Spiel 4: Fribourg - Servette 2:4 (1:3, 1:0, 0:1) Endstand: Servette - Fribourg 4:0

Fazit: Die Imports der Servettiens sind nun definitiv «on fire». Daniel Winnik (3 Tore/7 Assists), Tommy Wingels (1/3) und Eric Fehr (3/2) sammeln in vier Spielen 19 Skorerpunkte. Bei Gottéron schiessen Daniel Brodin, Zach Boychuk, David Desharnais und Viktor Stalberg total nur einen einzigen Treffer. Im Tor kann Reto Berra nicht mehr überzeugen wie noch gegen Zug, er hält nur 84,7 Prozent aller Schüsse – Robert Mayer im Genfer Kasten sticht ihn mit 91,4 Prozent klar aus.

Final: Servette (4.) - Lugano (8.)

Bislang hinterliess Servette den stärkeren Eindruck. Und das ändert sich auch im Final nicht. In Spiel 1 legen die Grenats einen Blitzstart hin, führen nach wenigen Minuten 3:0 und gewinnen trotz zwei späten Lugano-Toren zum 3:2-Anschluss hochverdient. In Spiel 2 kann sich Lugano nur zwei Drittel lang gegen die Genfer Überlegenheit stemmen, hat am Ende aber keine Chance. Spiel 3 hätte ein Wendepunkt sein können: Die Tessiner machen mit den ersten acht Schüssen vier Tore und verwandeln einen 0:2-Rückstand in eine 4:2-Führung. Das wilde Treiben geht am Ende mit 7:6 nach Verlängerung an Lugano. Doch es ist ein Strohfeuer: Servette gewinnt Spiel 4 in Lugano und hat damit in Spiel 5 zu Hause einen ersten Matchpuck.

Da hier die Titelentscheidung möglich war, liessen wir diese Partie erstmals als komplettes Spiel mit Bildern simulieren, der Computer übernahm die Steuerung beider Mannschaften. Das hier ist das letzte Tor der Saison, Tommy Wingels erzielt das 6:1 für Servette (Luganos Defensivverhalten kommentieren wir jetzt nicht weiter):

Und so feiern die Genfer und ihr Publikum in den Schlusssekunden des Spiels (auch über den Einblender «Stanley Cup Champion» schauen wir dabei kurz hinweg):

Spiel 1: Servette - Lugano 4:2 (3:0, 0:0, 1:2) Spiel 2: Lugano - Servette 1:3 (0:0, 1:1, 0:2) Spiel 3: Servette - Lugano 6:7 (2:4, 3:0, 1:2, 0:1) nach Verlängerung Spiel 4: Lugano - Servette 3:4 (0:1, 2:1, 1:2) Spiel 5: Servette - Lugano 6:1 (3:0, 2:0, 1:1) Endstand: Servette - Lugano 4:1, die Genfer sind Meister 2020!

Fazit: Gegen Servettes Söldner ist auch im Final kein Kraut gewachsen: Winnik (5 Tore/5 Assists), Wingels (1/7) und Fehr (2/2) überragen alle und alles. Bei Lugano kann in der Offensive im Final nur Luca Fazzini (2/3) überzeugen, die Imports bleiben blass.

Nichts ist unmöglich

War diese Simulation realistisch? Auf den ersten Blick lautet die Antwort wohl eher: Nein! Andererseits passieren solche Aufreger im realen NHL-Playoff seit Jahren immer wieder. Und nachdem auch unsere reale Schweizer Regular Season 2019/20 so ausgeglichen wie noch nie war und wirklich jedes Team jedes andere an einem guten Abend dominieren konnte: Wer weiss, ob wir ohne Coronavirus nicht auch mit einem derart unberechenbaren Playoff beschert worden wären? Und wie schon erwähnt: Wem dieses Ergebnis nicht passt, darf gerne selber die Saison simulieren. Es wird ein (komplett) anderes Resultat herauskommen, garantiert!

Wen aber ein paar Zahlen zu unserem Playoff 2020 interessieren, der sei hier zum Abschluss noch versorgt:

Topskorer

1. Daniel Winnik (Servette) 23 Punkte (10 Tore/13 Assists) 2. Eric Fehr (Servette) 14 (7/7) 3. Tommy Wingels (Servette) 14 (2/12) 4. Dario Bürgler (Lugano) 11 (7/4) 5. Viktor Stalberg (Fribourg) 11 (6/5) 6. Linus Klasen (Lugano) 11 (6/5) 7. Henrik Tömmernes (Servette) 11 (1/10) 8. David McIntyre (Lugano) 11 (1/10)

Goalies

Robert Mayer (Servette): 2,34 Gegentorschnitt/90,8 Prozent gehaltene Schüsse Niklas Schlegel (Lugano): 2,55/91,4% Joren van Pottelberghe (Davos): 2,26/92,4% Reto Berra (Fribourg): 3,17/89,5% Lukas Flüeler (ZSC): 2,85/89,9% Leonardo Genoni (Zug): 4,14/85,1% Tobias Stephan (Lausanne): 2,18/91,5% Jonas Hiller (Biel): 2,83/91,7%

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