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Jetzt bringt er Kindern in China Eishockey bei

Einst eine schillernde Figur auf Schweizer Eis, trainiert Todd Elik Kinder in Peking – als einer von diversen Nordamerikanern, die Chinas Eishockey auf Vordermann bringen sollen.

Todd Elik (hier noch in St-Imier) trainiert heute Kinder in Peking.
Todd Elik (hier noch in St-Imier) trainiert heute Kinder in Peking.
Andreas Blatter

Todd Elik kommt immer noch nicht aus dem Staunen heraus. Heute wird es fast auf den Tag genau neun Monate her sein, dass der 52-jährige Kanadier mit seiner Ehefrau in Peking landete. Aber diese Stadt, die je nach Zählweise über 20 Millionen Einwohner hat, auch zu begreifen, dafür würden wohl auch neun Jahre nicht reichen. «Ich könnte dir Stories erzählen …», wird er später mehrmals sagen, doch zunächst reicht die simple Einstiegsfrage, damit Elik in Gelächter ausbricht: Wie ist das Leben in Peking? Er überlegt kurz, sagt «Gut!» und lacht wieder.

Todd Elik in «seiner» Eishalle in Peking …
Todd Elik in «seiner» Eishalle in Peking …
Privatarchiv
… zusammen mit einigen seiner jungen Spieler.
… zusammen mit einigen seiner jungen Spieler.
Privatarchiv
... wo er auch auf Trainer Arno Del Curto traf.
... wo er auch auf Trainer Arno Del Curto traf.
Jürgen Staiger, Keystone
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Es ist früher Nachmittag, er war gerade auf dem Eis mit seinen rund 40 Buben, 5- bis 10-jährig. Elik, früher genialer Spielmacher und Enfant terrible Langnaus in einem, er ist nun also im Auftrag des NHL-Clubs Los Angeles Kings Nachwuchstrainer in China. Oder so etwas ähnliches. Denn es gehe gerade bei den Jüngsten eher ums Lehren, ums Beibringen, so richtig um Basisdinge halt, sagt Elik.

Sogar Gretzky packt an

Das Eishockey in China. Viele sehen es als schlafenden Riesen an, oder zumindest als zu entwickelndes Produkt mit riesigem Potenzial, wenn auch in einem sehr frühen Stadium. Es mögen weit über eine Milliarde Menschen in China leben, an einheimischen Fachkräften fehlt es dennoch. Eishockey hat im asiatischen Raum ausserhalb der früheren Sowjetstaaten generell kaum einen Stellenwert – und erst recht nicht in China.

Also werden fleissig Ausländer rekrutiert, vor allem aus Nordamerika. In Beraterfunktionen fungieren richtige Grössen wie Wayne Gretzky, Phil Esposito oder Mike Keenan. Geld ist vorhanden, der Staat investiert, ein einheitliches Konzept ist aber im ersten Moment oft schwierig zu erkennen, obwohl alles irgendwie mit Olympia 2022 zusammenhängt.

Die Suche Keenans nach Spielern

Es gibt da die Kunlun Red Stars, in Peking beheimatet, zuletzt wegen der Bauarbeiten der neuen Halle aber in Shanghai im Exil. Die Mannschaft wurde 2016 gegründet und nimmt seither Teil an der russischen KHL als eines von 6 ausländischen Teams. Hier ist der Zusammenhang mit Olympia klarer ersichtlich.

Keenan, der zunächst Headcoach, dann General Manager war und mittlerweile Scout und Berater ist, sucht weltweit Eishockeyspieler mit chinesischen Wurzeln, damit diese einerseits für Red Star, aber vor allem für die Nationalmannschaft 2022 auflaufen sollen.

Während China bei den Frauen auf einen Medaillengewinn schielt, werden die Männer trotz aller Bemühungen chancenlos sein. Aber so abgeschlachtet wie die Koreaner 2018 wollen sie dann doch nicht werden, das Ziel ist, zumindest ein Spiel zu gewinnen.

Und Olympia ist ja nur der Beginn: Danach soll China Schritt für Schritt zu einer Eishockey-Weltmacht aufsteigen.

Die Weltnummer 33 – hinter Island, vor Israel

Der Weg ist weit. Aktuell liegt China in der Weltrangliste der Männer auf Rang 33, hinter Island, vor Israel. Im Milliardenland gibt es nur 2764 Lizenzierte, davon bloss 252 Aktive bei den Männern. China startete am 9. April mit einem Spiel gegen Spanien in die C-WM in Serbien.

Die Infrastruktur ist ebenfalls bescheiden, gemäss internationalem Verband IIHF gibt es im ganzen Land bloss 213 Eishallen. Immerhin, und das ist ein kleines Lebenszeichen: 2015 wurde Andong Song von den New York Islanders als erster Chinese in der NHL gedraftet, aktuell spielt der Verteidiger aber noch College-Hockey in den USA.

Privattraining für Kinder reicher Eltern

Nicht alle vorwiegend aus Nordamerika stammenden Ausländer, die in irgendeiner Weise in Chinas Eishockey involviert sind, haben aber direkt mit Olympia zu tun. Es war bis vor kurzem nicht unüblich, dass Kanadier und Amerikaner als teure Privattrainer geholt wurden und versuchten, chinesische Knirpse mit reichen Eltern dem Eishockeysport näher zu bringen. Organisierte Meisterschaften mit richtigem Spielplan suchte man im Nachwuchs aber vergebens, diese sind erst am entstehen.

Zum Beispiel hier: Eliks Jungs kommen ebenfalls aus gut betuchtem Hause, sie gehören den beiden Equipen der «Beijing Junior Kings» an, die einen zusammengefasst in einem U6/U8-Team, der Rest in der U10-Mannschaft. Sie nehmen in einer Pekinger Stadtmeisterschaft Teil, die immerhin bereits über drei Stärkestufen verfügt.

Der frühere Ansatz, die Kinder von Privatcoaches in Einzeltrainings auszubilden, ist immer noch erkennbar und lässt Elik manch kuriose Situationen erleben. Er erzählt von regelmässigen 5-gegen-1-Situationen in den Spielen, weil kaum Teamgedanke existiere. Und es komme nicht selten vor, dass die gegnerischen Coaches gegen seine Beijing Junior Kings ihre besten Spieler acht Minuten lange Shifts zumuten im Glauben, das helfe zu gewinnen. Elik wittert Neid: «Sie wollen auf keinen Fall gegen uns verlieren, weil sie fürchten, dass ihre Kinder von ihren Eltern dann zu uns geschickt werden.»

«Wir sind dennoch Teil des Ganzen»

Eliks Club ist in der Pekinger Meisterschaft ein argwöhnisch beäugtes Unikat, da ein Profi-Team aus den USA dahintersteckt. Die L.A. Kings sind die erste NHL-Franchise, die sich in Chinas Eishockey versucht. Die Kalifornier denken langfristig, erhoffen sich, dass irgendwann einmal chinesische Spieler in ihre Organisation wechseln werden.

Eliks Jungs werden selbstredend nicht bei Olympia in drei Jahren teilnehmen. «Aber wir sind dennoch Teil des Ganzen», sagt er. «Das Ziel in China ist ja auch, so viele Kinder wie möglich zum Eishockeysport zu bringen.» Als China den Zuschlag für Peking 2022 erhielt, wurde offiziell ein Plan veröffentlicht, der besagte, dass bis zu den Spielen 300 Millionen Chinesen Wintersport betreiben werden – rund ein Prozent davon sollen Eishockey spielen.

Ein alter Freund half

Elik landete in Peking, weil er Luc Robitaille, seinen alten Freund und Teamkollegen in Los Angeles, um einen Job im Eishockey bat. Der frühere Starspieler der Kings ist heute Präsident des Clubs und verschaffte Elik die Arbeit in China. «Natürlich hatten wir zunächst etwas Zweifel, vor allem meine Frau musste sich etwas überzeugen lassen», erzählt Elik, der auch für nächste Saison noch einen Vertrag besitzt.

Und ja, so vieles sei verrückt in Peking: Die Einwohnerzahl, der Verkehr, die Zensur und das eingeschränkte Internet ohne Google, YouTube, Facebook oder WhatsApp – und wie ständig und überall gebaut werde, als sei da gar nichts reguliert. Und trotzdem habe er Spass, betont Elik.

Fast wie Beverly Hills

Auf dem Eis bringt er den Kindern richtiges Schlittschuhlaufen bei und das Verständnis, dass es im Eishockey Offensive und Defensive gibt – Basics eben. Die Verständigung klappe, da die meisten Kinder auf internationale Schulen gehen und englisch verstehen; und sonst hilft der Dolmetscher, der Elik zur Seite gestellt ist.

Neben dem Eis lebt Elik, und das ist ihm bewusst, nicht das wahre chinesische Leben – sofern dieses überhaupt einfach so benannt werden kann. Die luxuriöse Gegend, wo Elik und seine Ehefrau arbeiten (sie hilft in der Administration des Clubs mit) und wohnen, erinnere ihn oft eher an Beverly Hills denn an Kommunismus: «Wir sehen hier Roll Royce, Porsche und Bentley. Wir bekommen nichts von der Armut mit, nur eine Mutter unserer Kids stammt aus ländlichen Verhältnissen.»

Elik ist also wieder zurück im Eishockey. Dies nach Irrungen und Wirrungen nach seiner Spielerkarriere, die ihn via Coaching-Jobs im kanadischen Nachwuchssport sowie einer kurzen Rückkehr in die Schweiz als 1.-Liga-Trainer in St-Imier zum knallharten Malochen in Stahlwerken in Kanada brachten. Die Kings bezahlen ihn gut, wahrscheinlich verdiene er mehr, als wenn er in Europa arbeiten würde, mutmasst Elik. Und dennoch hat er die Schweiz nicht vergessen. Eine Rückkehr, um hier als Coach arbeiten zu können? «Oh ja! Ich hatte so viele gute Erfahrungen», sagt Elik ohne zu zögern. Doch vorerst bleibt China auf seinem Plan. Der Vertrag läuft bis 2020.

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