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Hockey-Heuchelei in Kanada kostet Legende den Job

Wie der TV-Sender Sportsnet sich verrechnete, seine Moral entdeckte und eine Ikone entliess.

Schräge Outfits und markige Sprüche, dafür ist Hockey-Moderator Don Cherry (l.) bekannt. (Bild: Andre Ringuette/World Cup of Hockey via Getty Images)
Schräge Outfits und markige Sprüche, dafür ist Hockey-Moderator Don Cherry (l.) bekannt. (Bild: Andre Ringuette/World Cup of Hockey via Getty Images)

«Die Ureinwohner von Nordamerika haben einen Minderwertigkeitskomplex.»

Finden Sie diesen Satz empörend?

Oder diesen: «Frauen, wenn ihr zum Eishockey kommt: Schaut einfach auf den Puck. Ich habe schon viele saudumme Kommentare gehört, und immer kommen sie von Frauen.»

Oder das: «Frankokanadier reissen unser Land auseinander.»

Gesagt hat all diese Sätze derselbe Mann in derselben Sendung: Don Cherry im kanadischen TV-Klassiker «Hockey Night in Canada». Am Montag wurde der 85-Jährige nun gefeuert – mit einer Scheinheiligkeit, die jene Cherrys sogar übertrifft.

Denn über Jahrzehnte profitierten TV-Macher davon, dass der Mann mit den papageienhaften Anzügen und dem vorgestrigen Weltbild Millionen vor die Fernseher lockte und Werbemillionen in die Kassen spülte. Dass er jeden Samstagabend in der ersten Drittelspause ausgewählte Individuen, ganze Gruppen oder auch mal die halbe Menschheit verunglimpfte, beleidigte, diskriminierte. Dann sagt er am vergangenen Samstag «you people», wirft Kanadiern mit Migrationshintergrund – was in Wahrheit alle ausser die Ureinwohner wären – unpatriotisches Verhalten vor. Und wird von seinem Arbeitgeber Sportsnet prompt freigestellt.

Ein bunter Hund: Don Cherrys Outfits sind eines seiner Markenzeichen. (Bilder: sportsnet)
Ein bunter Hund: Don Cherrys Outfits sind eines seiner Markenzeichen. (Bilder: sportsnet)

Die Begründung ist Realsatire: «Sportsnet bringt Menschen zusammen. Es vereint sie, es trennt sie nicht. In unserer Sendung am Samstag machte Cherry Bemerkungen, die unsere Werte nicht wiedergeben oder das, wofür wir stehen.» Immerhin sechs Jahre haben sie bei Sportsnet gebraucht, bis ihnen aufgefallen ist, was für einen Typen sie da Samstag für Samstag aufs Publikum loslassen. Der Verdacht liegt darum nahe, dass sie in den letzten sechs Jahren vor allem etwas realisiert haben: das grandiose Scheitern ihres Geschäftsmodells nämlich.

Nicht weniger als 5,2 Milliarden Dollar ist der Vertrag wert, den Sportsnet 2013 mit der NHL abschloss und der dem Sender sämtliche TV- und Digitalrechte in Kanada bis 2026 sichert. Mit dem Deal drängte der damals aufstrebende Sender die bisherigen Rechte-Inhaber an den Rand, übernahm deren Aushängeschilder wie Don Cherry, rüstete personell an allen Fronten auf. Doch schon nach ein paar Jahren stellte Sportsnet fest, dass die Rechnung nicht aufgeht: Der TV-Markt schrumpft und der digitale lässt sich nicht im erwarteten Mass monetarisieren. Es muss also dringend Geld gespart werden.

Bei diesem Outfit von Don Cherry scheint Co-Moderator Ron Maclean etwas, naja, überrascht. (Bild: Screenshot/Sportsnet)
Bei diesem Outfit von Don Cherry scheint Co-Moderator Ron Maclean etwas, naja, überrascht. (Bild: Screenshot/Sportsnet)

So kam es diesen Frühling und Sommer zu spektakulären Kündigungswellen: Das Gros der prominenten Moderatoren und Analysten wurde auf die Strasse gestellt, sogar die Ikone Cherry wurde erstmals hinterfragt. Bleiben durfte der Hochbezahlte wohl nur, weil Sportsnet die Reaktionen der trotz allem zahlreichen Cherry-Fans und den entsprechenden Imageverlust fürchtete. Vielleicht beschloss Sportsnet aber auch, einfach abzuwarten, bis der Mann mit den bunten Kleidern sich das nächste Mal unmöglich machte.

Am letzten Samstag war es so weit. Sportsnet entdeckte seine Werte. Und trennte sich vom scheinheiligen Cherry.

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Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

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