Erklärungen für eine verkehrte Welt

Die Heimteams sind im Playoff plötzlich im Nachteil – das habe gute Gründe, sagen Sportpsychologen.

Die Vorfreude der Fans – wirkt sie beflügelnd oder hemmend? Foto: Reto Oeschger

Die Vorfreude der Fans – wirkt sie beflügelnd oder hemmend? Foto: Reto Oeschger

Mit dem Heimvorteil im Sport ist es wie mit der Liebe – ein Phänomen, über das alle reden, und das doch niemand genau erklären kann. Natürlich gibt es bei ­beiden haufenweise Ansätze. Partnervermittlungen sammeln Daten, um kompatible Kandidaten zu ermitteln – doch in der Realität sieht wieder alles anders aus. Die «Chemie» muss stimmen, wie bei einem Team, das in seiner Heim­arena einläuft, sich da wohlfühlt, aber nicht zu wohl. Das von den eigenen Fans stimuliert wird, sich aber nicht zu sehr unter Druck gesetzt fühlt.

Wer die Playoff-Ära des Schweizer Eishockeys (seit 1985/86) betrachtet, kommt zum Schluss: Der Heimvorteil ist hier ausgeprägt. Von 188 Serien gewann das Heimteam 142, über 75 Prozent. In den letzten fünf Jahren lag der Anteil sogar bei 80 Prozent. Auch in diesem Jahr ist noch alles möglich für die Heimteams, alle Viertelfinals stehen 2:2. Doch der Ausgang der Spiele lässt aufhorchen: In 12 von 16 Partien jubelten die Gäste, bei ZSC - Biel und Zug - Davos gab es nur Auswärtssiege. Das steht im Gegensatz zur Entwicklung der letzten Jahre, als das Heimteam im Playoff meist öfter siegte als zuvor (siehe Statistik).

Der Druck führt zur Blockade

Nun sank die Siegquote der Gastgeber im Playoff gegenüber der Qualifikation von 60 auf 25 Prozent. Hanspeter Gubelmann, Dozent für Sportpsychologie an der ETH Zürich, erklärt sich den aktuellen Heimnachteil damit, dass das Niveau einerseits sehr ausgeglichen und andererseits der Druck aufs Heimteam noch stärker sei als in der Regular Season. «Dadurch kann es passieren, dass der Glaube an sich selbst in ein Zögern umschlägt.» Dass mehr auf dem Spiel stehe, könne vermehrt zu Selbstgesprächen führen, zu mehr Selbstzweifeln, zu ­Unkonzentriertheit und einer erhöhten Fehleranfälligkeit, kurz: «Die mentale Stärke eines Spielers insgesamt lässt nach.» Dass der Heimvorteil in engen Partien schwinde, sogar in eine Blockade umschlagen könne, glaubt auch Daniel Birrer, Sportpsychologe in Magglingen.

Auch könnten die Gäste derzeit davon profitieren, dass die Heimteams angriffiger spielen als sie, mehr Risiken auf sich nehmen – und dafür bestraft werden. Denn im Playoff werden Defensivspiel und Systemtreue noch wichtiger.

Der reglementarische Trumpf

Es gibt aber immer noch viele Punkte, die fürs Heimteam sprechen. Gemäss ­einer Studie aus der NHL ist der Testosteron-Level der Spieler zu Hause höher als auswärts. Zudem hat das Heimteam im Eishockey einen reglementarischen Vorteil: den des letzten Wechsels. Der Heimcoach kann abwarten, welche Spieler der Gegner aufs Eis schickt, und darauf reagieren. Ein Faktor sind auch die Schiedsrichter: In der Qualifikation wurden pro Spiel 0,89 Zweiminutenstrafen mehr gegen die Gäste als gegen das Heimteam verhängt. Das sage nichts aus, kommentiert Schiedsrichterchef Brent Reiber. «Uns interessiert nicht, wer mehr Strafen bekommt. Sondern, die Spiele korrekt zu leiten.»

Ob das aktuelle Playoff ein Ausreisser in der Statistik ist oder einen neuen Trend begründet – gemäss Gubelmann wird der Heimvorteil in Mannschafts­sportarten wissenschaftlich betrachtet immer kleiner, wie Studien aus der ­Bundesliga zeigen. «Früher war etwa der Anfahrtsweg noch viel wichtiger.» Ein anderer Punkt sei die sportpsychologische Betreuung. «Die heutigen Sportler sind Profis – in jeder Hinsicht», so Gubelmann. Sie werden vermehrt angeleitet, sich entscheidende Playoff-Szenarien konkret vorzustellen. Diese Strategie soll Überraschungen in fremden Stadien vorbeugen und basiert vor allem auch auf der Bekräftigung eigener Stärken.

Heute sind die Gäste erneut gefordert – in Zürich, Zug, Bern und Lugano.

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