Eric Blum: «Bei uns gibt es keine Neider»

Der 31 Jahre alte Verteidiger führt den SC Bern zurzeit als Captain an. Vor dem Heimspiel heute gegen die ZSC Lions spricht Eric Blum über seine Rolle, die grosse Stärke des SCB und Olympia.

Charakterkopf: Eric Blum hat mit seiner Qualität und Persönlichkeit dazu beigetragen, dass der SCB zur Nummer eins avanciert ist.

Charakterkopf: Eric Blum hat mit seiner Qualität und Persönlichkeit dazu beigetragen, dass der SCB zur Nummer eins avanciert ist. Bild: Nicole Philipp

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Kennen Sie den Song «Zürimaa» von Dodo?
Eric Blum: «Es füehlt sich ah wi Feriä. Ich bi en Zürimaa in Bern...»

Genau. Fühlen Sie sich als «Zürimaa» in Bern in den Dauerferien?
(lacht) Bern geniesst den Ruf des Gemütlichen. Ich bringe da jeweils den Vergleich mit den Migros-Kassen: In Bern kannst du in Ruhe dein Münz zählen, ohne dass hinter dir jemand stresst oder durchdreht, in Zürich nicht. Mittlerweile muss ich aber zugeben: Ich habe auch schon andere Erfahrungen gemacht. Es gibt auch Berner, die «jufle», die «gsprängt» sind. Aber generell wird hier einen Gang runtergeschaltet – ausser am Bahnhof.

Bei Ihrem Wechsel 2014 von Kloten zum SCB sagten einige, der Blum passe nicht nach Bern. Nun haben Sie Ihren Vertrag bis 2022 verlängert...
...und es passt doch (lacht). Vielleicht dachten die Leute, ich sei der Hippie-City-Boy, der nicht ohne Langstrasse sein könne. Dabei bin ich begeisterungsfähig für alles Mögliche. Und Bern hat vieles, was mich begeistert. Aber in erster Linie bin ich wegen des Eishockeys hier.

Und Ihre Freundin ist Bernerin.
Aber sie ist nicht das typische Bärner Meitschi. Sie würde auch nach Zürich kommen mit mir – oder nach New York.

Was fehlt Ihnen aus Zürich?
Freunde und Familie natürlich, all die emotionalen Geschichten. Kulturell läuft im Raum Zürich sicher mehr. Und was die Restaurantvielfalt anbelangt, da ist Bern einiges im Rückstand.

«Es gibt auch Berner, die «jufle», die «gsprängt» sind. Aber generell wird hier einen Gang runtergeschaltet.»

Sie sind als Eishockeyspieler in der Organisation der ZSC Lions gross geworden, haben aber nie für die Lions in der höchsten Liga gespielt. Hat Sie der Transfer nicht gereizt?
Vor meiner Vertragsverlängerung in Bern (im September 2016; die Red.) gab es zwei Optionen: ZSC oder SCB. Ich war und bin überzeugt von den Perspektiven in Bern. Weshalb das Risiko eingehen und wechseln, wenn alles passt? Aus sportlicher Sicht war es ein klarer Entscheid pro Bern.

Erachten Sie den ZSC als stärksten Widersacher des SCB?
Punkto Kader und Potenzial ist der ZSC sicher in den Top 2.

Zurzeit trennen die Teams aber 24 Punkte. Und der Vorsprung des SCB auf den ersten Verfolger Zug beträgt 15 Punkte. Das fühlt sich an wie Ferien, oder?
Es fühlt sich vor allem schräg und irgendwie surreal an, einen solchen Vorsprung zu haben. Die anderen nehmen sich die Punkte weg, und wir sind Monat für Monat extrem konstant. Aber das Gute ist: Wir marschieren nicht durch, die meisten Spiele sind knapp. Jeder ist sich bewusst: Wenn nicht alle hohen Aufwand betreiben, dann reicht es nicht.

Seit der Verletzung von Simon Moser führen Sie das Team als Captain an. Wie ist Blum, der Captain?
Ich trage gerne Verantwortung. Ich helfe organisatorisch, wo ich kann. Aber ich habe nicht den Drang, immer etwas zu sagen.

Wann sagen Sie etwas?
In dieser Saison hat es noch kaum grosse Inputs benötigt. Wir verfügen über eine extrem reife Mannschaft. Die Spieler sind ­sensibel und spüren, was es in welcher Situation benötigt. Das macht die Arbeit des Captains einfach und dankbar. Und auf dem Eis macht es sowieso kaum einen Unterschied, ob du Captain bist oder nicht: Die Schiedsrichter schicken dich eh weg. Das Verhältnis ist, nun, schwierig.

Inwiefern?
Es gehören immer zwei Seiten dazu. Letztes Jahr war die Kommunikationsart der Spieler wohl nicht immer die richtige. Die Schiedsrichter liessen sich dazu verleiten, ebenfalls nur noch deftige Worte zu wählen. Gegen ­Ende der letzten Saison war der Tiefpunkt erreicht: Zwischen Spielern und Schiedsrichtern herrschte Eiszeit; es wurden nur noch Fluchwörter ausgetauscht.

«Jeder ist sich bewusst: Wenn nicht alle hohen Aufwand betreiben, dann reicht es nicht.»

Ist das Verhältnis mittlerweile besser geworden?
Es gab Gespräche seitens der Schiedsrichter, der Spielervereinigung, der Klubs. Der Tonfall ist jetzt wieder anständiger.

Aber?
Zuletzt gab es einige Entscheide, die wir, natürlich aus voller Ego-SCB-Perspektive, nicht gut gefunden und auch heftig kritisiert haben. Beim Spiel in Davos zum Beispiel setze ich hinter drei Gegentore dreimal ein grosses Fragezeichen. Dann sollte es als Captain erlaubt sein, die Meinung kundzutun. Aber: that’s life.

Nehmen Sie sich als Captain neben dem Eis etwas heraus?
Wie meinen Sie das?

Martin Plüss hatte zum Beispiel als Captain bei Auswärtsfahrten das Chauffeurbett auf sicher.
Das gehört nun Tristan Scherwey (lacht). Der braucht das.

Plüss wird am Freitag vor dem Match gegen die ZSC Lions verabschiedet und geehrt. Was verbinden Sie mit ihm?
Er kam jeden Tag mit dem Fahrrad zur Halle und mit dem Helm in die Garderobe. Dieses Bild vergisst du nicht. Und sonst könnte ich jegliche Lobgesänge anstimmen. Er war ein absolutes Vorbild, auch für die Jungen, er sprach auf Augenhöhe mit den Klubverantwortlichen, setzte sich vehement für das Team ein. Und er war neben dem Eis ein Mysterium (lacht). ‹Plüssi› hat sicher einen wichtigen Anteil am Erfolg der letzten Jahre.

Als Sie nach Bern kamen, hatte der SCB soeben die Playoffs verpasst. Seither hat das Team zwei Titel in Folge geholt. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?
Die Zusammensetzung der Mannschaft hat den Wandel ermöglicht. Es ist das Glück finanzstarker Klubs wie Bern, dass sie oft Spieler mit viel Qualität verpflichten können. Aber aus jenen mit spielerischen Qualitäten auch die charakterlich Wertvollen zu finden, das ist die Kunst. Und das hat der SCB geschafft. Bei uns gibt es keine Neider. Bemerkenswert ist: Die Rollen werden akzeptiert, was nicht einfach ist, wenn du so viele gute Spieler im Team hast. Und natürlich hilft das tief verankerte Selbstvertrauen. Wir wissen, wie wir erfolgreich sein können; in der Qualifikation, in den Playoffs.

Vor den Playoffs steht der Höhepunkt Olympia an. Mit den letzten Olympischen Spielen verbinden Sie ungute Erinnerungen.
Ich reiste nach Sotschi, war bei der Eröffnungsfeier dabei, überstand aber den letzten Cut nicht und musste vor dem ersten Match abreisen. Das möchte ich so nicht mehr erleben.

«Letztes Jahr war die Kommunikationsart der Spieler wohl nicht immer die richtige.»

Dieses Jahr werden Sie dabei sein.
Ist das eine Frage oder eine Feststellung?

Eine Annahme.
Ich hoffe es.

Ihre Saison begann wegen Entzündungen im Handwurzelbereich mit Verzögerung. Befürchteten Sie phasenweise, sich gar nicht richtig fürs Olympiakader empfehlen zu können?
Ich kam an einen Punkt, da sagte ich zu meiner Partnerin und zu meiner Familie: «Hey, es geht nicht um Olympia, nicht um die Playoffs. Es geht darum, ob ich nochmals Hockey spielen kann oder nicht.» Ich konnte den Stock kaum mehr halten, es trat keine Besserung ein, aus medizinischer Sicht gab es keine Facts. Das war die bitterste Phase in meiner ­Karriere, eine Scheisszeit. Ich war zwischen Stuhl und Bank.

Sind Sie nun schmerzfrei?
Alles ist gut und stabil. Japanische Wunderheilung, ich habe gutes Sushi gegessen (lacht). Die Kombination aus Schienetragen und Neuraltherapie hat extrem geholfen.

Was würde Ihnen die Olympiateilnahme bedeuten?
In Sotschi lief Simon Ammann mit der Flagge vorneweg, ich hinterher. Und ich dachte: Krass, da schaut jetzt die ganze Welt zu. Olympia, das ist eine unglaubliche Dimension, die Teilnahme deshalb sicher so etwas wie ein Traum. Obwohl ich sagen muss, dass die Spiele in den letzten Jahren nicht nur für schöne Momente gesorgt haben. Wohin das Geld floss, wie viel Geld floss, in Rio und in Sotschi wurde die Armut mal einfach so weggeschaufelt: Da machst du dir deine Gedanken. Ich will kein Weltverbesserer sein, aber so darf es nicht weitergehen. Es muss doch das Ziel sein, dass von einer Austragung wirklich alle profitieren können.

Die Spiele im Februar finden im asiatischen Raum in Pyeongchang statt. Sie haben japanische Wurzeln. Macht das die Sache noch spezieller?
Auf jeden Fall. Südkorea ist drei Flugstunden von Japan entfernt. Das Schweizer Eishockey ist für meine Familie mütterlicherseits in Japan kaum greifbar. Es wäre cool, könnte ich auf diese Weise den Verwandten das Hockey näherbringen. Aber eben: Ich weiss noch nicht, ob ich zum Team gehören werde. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 11:28 Uhr

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