Alex Chatelain: «Ich bin schon eine starke Figur»

Seit exakt drei Monaten führt Alex Chatelain die sportliche Abteilung. Wie tickt der neue SCB-Sportchef? Was befähigt Chatelain für diesen Job? Ein Porträt über den Bündner liefert Antworten.

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Adrian Ruch

Seit dem 18. November 2015, als es beim SC Bern zum Knall kam, ist Alexander Curdin Chatelain, den alle Alex nennen, anstelle Sven Leuenbergers für den sportlichen Bereich zuständig. Anders als sein erfahrener Vorgänger, der während der SCB-Partien sehr emotional wurde und auf unerwünschte Schiedsrichterentscheide zuweilen heftig reagierte, wirkt der Sportchefneuling stets ruhig, kontrolliert.

Das ist freilich nicht immer so gewesen. «In meiner Jugendzeit flogen schon mal Hockeystöcke herum, das war für meine Eltern nicht immer angenehm», gibt der Bündner zu. Der Russe Jewgeni Popischin, damals Elitejuniorentrainer in Davos, habe ihm dann den Jähzorn ausgetrieben.

Die Beinbrüche des Bruders

Dass Alex Chatelain einst überhaupt zum Eishockey fand, hatte er übrigens dem Pech seines älteren Bruders Marc zu verdanken. Dieser habe sich drei Jahre hintereinander beim Skifahren ein Bein gebrochen, erzählt der SCB-Sportchef. Da hätten die Eltern gesagt: «Macht etwas weniger Gefährliches, geht Eishockey spielen.» Es war für Alex Chatelain der Beginn einer Karriere gewesen, die in zwei Meistertiteln mit dem SCB (2004 und 2010) mündete.

Bruder Marc sollte sein Glück später übrigens als Golfprofi versuchen. Den Durchbruch auf internationaler Ebene schaffte er nicht, aber 2002 qualifizierte er sich gemeinsam mit André Bossert für den Worldcup in Mexiko.

Alex Chatelain war kein überdurchschnittlicher, aber ein sehr mannschaftsdienlicher NLA-Spieler. Sven Leuenberger beschreibt ihn rückblickend als «zuverlässig, physisch stark und zielstrebig. Er wusste, was er konnte und was nicht.» SCB-Verteidiger Beat Gerber, der Chatelain noch als Teamkollege erlebte, urteilt ähnlich: «Alex war ein cleverer Spieler, ein guter Defensivcenter, der seine Rolle in der dritten oder vierten Linie stets akzeptierte.» 2012 beendete Chatelain seine Laufbahn nach zweieinhalb Saisons bei Langenthal aufgrund von Folgeschäden einer Knieverletzung, die drei Operationen nach sich gezogen hatte.

Seine Erfahrung als Eishockeyprofi erachtet Chatelain für seinen jetzigen Job als «entscheidend. Es ist wichtig, die Mechanismen selber erlebt zu haben». Der Familienvater, dessen Söhne Janis und Fynn auch schon dem Puck nachjagen, verfügt aber auch schulisch über einen gut gefüllten Rucksack. 2009 schloss er in Bern das Betriebswirtschaftsstudium mit dem Master ab. Das an der Universität erworbene theoretische Wissen nütze ihm nun «nicht wahnsinnig viel. Aber ich habe gelernt, an Aufgaben und Probleme analytisch heranzugehen, und das bringt mir heute ­einiges».

Aufbauende Worte

Chatelain ist derzeit zweigleisig unterwegs. Einerseits beobachtet er live oder per Internetstream am Computer Spieler und plant die SCB-Mannschaft für die nächste und übernächste Saison, anderseits beschäftigt ihn die delikate Situation, in der das heutige Team steckt. Er beobachtet die Übungseinheiten und tauscht sich regelmässig mit Vorgänger Sven Leuenberger sowie mit der Trainercrew um Headcoach Lars Leuenberger aus.

Letzte Woche führte er mit allen anwesenden Spielern Einzelgespräche. Es sei vor allem darum gegangen, sie zu stärken, ihnen vor der entscheidenden Phase das Vertrauen auszusprechen. Dass ihm ein ehemaliger Teamkollege plötzlich als Chef gegenübersass, führte bei Beat Gerber «während der ersten fünf Minuten zu einem speziellen Gefühl. Doch Alex ist als Sportchef wie schon als Spieler sehr sachlich und professionell. Was er sagte, hatte Hand und Fuss».

Aufgrund seiner ruhigen, zurückhaltenden Art wird Chatelain von Aussenstehenden zuweilen unterschätzt. Doch er ist durchaus selbstbewusst; der Stress, mit dem seine Position im Umfeld des grössten Eishockeyvereins im Land zwangsläufig verbunden ist, hat ihm noch nicht zugesetzt. «Ich habe das Gefühl, ich sei ziemlich druckresistent», sagt er zum Beispiel. Und: «Ich bin schon eine starke Figur und habe klare Meinungen.» Die Selbsteinschätzung bestätigt Sven Leuenberger. Chatelain sei zwar ein ruhiger Typ, scheue sich aber nicht, seine Ansichten zu vertreten.

Jünger als der Captain

Chatelain ist sich auch über die besondere Ausgangslage im Klaren, dass beim SC Bern CEO Marc Lüthi mit Unterstützung des Verwaltungsrats den Trainer auch mal gegen den Willen des Sportchefs entlässt. Der VR habe dieses Recht, räumt Chatelain ein, «damit muss ich leben können». Doch er gibt durch die Blume zu verstehen, dass er diese Situation nicht unbedingt als ideal erachtet. «Ich denke, ich kann beurteilen, ob ein Trainer noch genügt oder nicht.»

Am kommenden Montag wird Alex Chatelain übrigens 38-jährig; er ist damit jünger als SCB-Captain Martin Plüss. Was sich der Sportchef zum Geburtstag wünscht, liegt auf der Hand: «Dass wir die Playoffs erreichen.»

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