Adel gegen Neureiche

Der SC Bern ist das einzige Playoff-Team, das in den letzten zwölf Jahren Meister wurde – in einer Liga, die eine grundlegende Kräfteverschiebung erfährt.

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Philipp Muschg@tagesanzeiger

Man darf davon ausgehen, dass auf der Geschäftsstelle der Liga, bei den TV-Partnern und in den Zürcher Redaktionsstuben keine Champagnerkorken knallten, als feststand, dass die ZSC Lions das Playoff verpassen. Dass also der Titelverteidiger vorzeitig aus dem Rennen ist, die Medienmetropole ihren Club verliert und die gegnerischen Fans ein geliebtes Feindbild. Der ZSC weckt Emotionen – je weniger davon im Spiel sind, umso schlechter für alle.

Oder für fast alle. Denn dem SC Bern, dem EV Zug und jedem anderen Titelanwärter dürfte es herzlich recht sein, dass der Meister und vermeintliche Transfersieger des letzten Sommers ab jetzt bloss Schaukämpfe bestreitet. Sie sind einen gefährlichen Rivalen los, die Qualität der Konkurrenz hat abgenommen.

So wird der 34. Playoff-Jahrgang ein einzigartiger: Erstmals überhaupt fehlt der bevölkerungsreichste, wirtschaftsstärkste Kanton. Der Abstieg von Kloten, die blutleere Qualifikation der Lions haben die Zürcher ihrer Vertreter beraubt. Und mit dem HC Davos fehlt auch jener Club, mit dem viele wenigstens die Sehnsucht verbindet.

Erstes Playoff ohne den HC Davos seit 1993

Der HCD wird nicht nur von wohlhabenden Unterländern finanziert, er ist auch der Zweitlieblingsclub zahlloser anderer hiesiger Hockeyfans. Ein Playoff ohne HCD: Das gab es zuletzt 1993, als ein gewisser Jann Billeter noch in der NLB für die Bündner stürmte. Jetzt muss der beliebte TV-Moderator zur Kenntnis nehmen, dass das Playoff ohne zwei der grössten Attraktionen beginnt.

Es wird sich weisen, was das für die Einschaltquoten heisst. Für die Liga könnte es eine Zeitenwende bedeuten. Denn seit 2007 stemmten am Ende stets dieselben drei Clubs den Pokal: Bern, Davos und der ZSC. Nach dem Ausfall von zwei der drei Dauermeister bleibt einzig der SCB, um diese Serie fortzusetzen.

Angesichts seines Kaders, seiner Erfahrung, seines Trainers sowie seines Goalies Leonardo Genoni ist der Qualifikationssieger und 15-fache Meister zwar Favorit. Doch direkt dahinter zeigen zwei Rivalen, in welche Richtung sich die Stärkeverhältnisse verschieben.

Der nationale Fussabdruck, um den der Fussball das Eishockey beneidet

Da ist einerseits der EV Zug, der mit dem neuen Trainer Dan Tangnes zu bemerkenswerter taktischer Reife fand und um die volle Unterstützung eines schwerreichen Präsidenten weiss. Der spendiert seinem Team nächste Saison neben Genoni auch Luganos Grégory Hofmann, den besten Torschützen der Liga, sowie ein ultramodernes Trainingszentrum. Den Meistertitel nähme er wohl auch schon früher.

Die zweite aufstrebende Kraft wirkt noch ambitionierter. Als der Amerikaner Ken Stickney den Lausanne HC übernahm, schwadronierte er davon, den besten Club Europas aufzubauen. Entsprechend wird investiert am Genfersee, der dritte Qualifikationsrang ist da bestenfalls ein Anfang, und in jedem Fall wird nächste Saison noch einmal aufgerüstet, wenn der Club seine neue Arena bezieht. So ist es auch ein Playoff zwischen altem Eishockey-Adel und Neureichen, das heute beginnt, zwischen altem Geld und neuem Geld.

Das Fehlen von ZSC und HCD mag man da bedauern. Eine Chance zur Horizonterweiterung aber bietet es allemal. Ein Playoff mit drei Berner Vertretern gab es bisher nämlich ebenso wenig wie eines mit gleich beiden Dorfclubs aus Ambri und Langnau. Zudem sorgen je zwei welsche und zwei Tessiner Teams für einen nationalen Fussabdruck, um den etwa der Fussball das Hockey beneidet. Und am Ende bleibt sowieso nicht in Erinnerung, wer in diesem Frühling alles fehlte – sondern wer auf dem Eis die beste Geschichte schrieb. Und die ist nie so packend wie im Playoff.

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