Kari der Grosse

Kari Jalonen hat seine erste Saison in Bern mit dem Meistertitel gekrönt. Wie tickt der 57 Jahre alte Finne, der in der Öffentlichkeit so unzugänglich wirkt? Eine Annäherung.

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Zwei Finnen treffen sich auf ein Bier. Sagt der eine: «Prost!» Sagt der andere: «Ich bin doch nicht hergekommen, um zu plaudern.»

Im Ernst: Ein Witz als ideale Annäherung an Kari Jalonen? Vielleicht passt das tatsächlich. Denn Kari Jalonen mag Bier, jenes im Alten Tramdepot zum Beispiel. Kari Jalonen hat Sinn für Humor. Und vor allem: Kari Jalonen entspricht dem Stereotyp des Finnen: introvertiert, schweigsam.

Es ist noch nicht lange her, als Kari Jalonen nach dem 5:0 im ersten Finalspiel gegen Zug seinen Auftritt hatte. Er trat in weissem Hemd vor die Journalisten; die Hände in den Hosensäcken, den Oberkörper sanft nach hinten gebeugt, in Abwehrhaltung. Die Mundwinkel waren nach unten gezogen – wie immer, wenn er nicht gerade schmunzelt.

«Was sagen Sie zu Mark Arcobello?», wurde er gefragt. «Arcobello? Ich versuche mich zu erinnern ... ah, sein Hattrick ... ja, Arcobello ...» Jalonen zog die Mundwinkel nach oben, Jalonen schmunzelte, Jalonen ging, Jalonen hatte alles gesagt – schweigsam und doch humorvoll. Irgendwie.

«Arcobello? Ich versuche mich zu erinnern ... ah, sein Hattrick ... ja, Arcobello ...» – Die Szene im Video. Video: Martin Bürki

«Ein ganz normaler Mensch»

Als Jalonen im Sommer nach Bern kam, wurde er gebeten, sich zu charakterisieren. «Ich bin Kari Jalonen, ein ganz normaler Mensch.» Rasch wurde klar: Über sich sprechen, das tut der Finne nicht gerne. Nach einem knappen Jahr beim SC Bern ist der Trainer für die Spieler und das Umfeld noch immer nicht richtig greifbar.

Aufgewachsen ist Jalonen in Oulu, nahe am Polarkreis. Die Familie lebte im Arbeiterquartier. Der Vater arbeitete bei der Eisenbahn, die Mutter kümmerte sich um Kari, die zwei älteren Brüder und die jüngere Schwester. Nun ist Jalonen 57 Jahre alt, verheiratet. Ehefrau Johanna ist als Ärztin tätig und kommt regelmässig in die Schweiz. Tochter Karolina ist Reiterin, wohnt in Dubai. Sohn Mikael arbeitet in Turku. So weit, so familiär.

«Zuerst macht sich Jalonen Gedanken, dann spricht er. Vertraut er einem Spieler, legt er für ihn die Hand ins Feuer.»Leonardo Genoni, Torhüter

Aber sonst? Es heisst, er sei an guten Tagen für einen Spruch zu haben. An schlechten wirke er abwesend, hin und wieder bärbeissig. Stürmer Tristan Scherwey sagt: «Er ist kein Mann der grossen Worte. Aber ist etwas nicht gut, kriegst du es zu hören.» Torhüter Leonardo Genoni sagt: «Er ist ruhig, ausgeglichen. Zuerst macht sich Jalonen Gedanken, dann spricht er.»

Während seiner Aktivzeit hat Jalonen als Center in Finnland fünf Titel geholt. Er bestritt 42 NHL-Partien und sechs WM-Turniere. Jalonen war, was man einen grossen Spieler nennt. Und Jalonen ist, was man einen grossen Trainer nennt. Er hat Finnland in den WM-Final geführt, in der Heimat als Trainer viermal den Meistertitel gewonnen – zuletzt 2011 mit IFK Helsinki.

«Jalonen gilt in Finnland als einer der besten Spieler und Trainer in der Geschichte. Er geniesst den allerhöchsten Respekt.»Filip Saxen, Journalist

Filip Saxen ist Sportchef des «Hufvudstadsbladet» in Helsinki. Es handelt sich um die auflagenstärkste schwedischsprachige Tageszeitung Finnlands. Er sagt: «Jalonen gilt in Finnland als einer der besten Spieler und Trainer in der Geschichte. Er geniesst den allerhöchsten Respekt.» Und: «Jalonen war schon immer zurückhaltend, eher distanziert und keiner, der viel sprach.»

Korrekt, aber nie kollegial

Distanz wahrt Jalonen auch zu seinem Team. Er sagt zwar: «Bei mir kommen die Spieler an erster Stelle. Es ist mir wichtig, sie bei Entscheidungen zu integrieren.» So hat er mit jedem vor der Saison ein Gespräch geführt, bei dem es mehr um Privates als um Sportliches ging. Aber als Coach bewegt er sich nie an der Grenze zum Kollegialen.

Als der SCB Mitte Dezember zum Viertelfinal-Rückspiel der Champions Hockey League nach Prag reiste, wechselte Jalonen mit der Mannschaft kein Wort: nicht im Bus, nicht im Flugzeug, nicht im Hotel. Als er die Wartezeit mit einem Telefonat in die Heimat überbrückte, meinte ein Spieler scherzhaft, so viel wie in diesem Moment habe er den Trainer in der ganzen Saison nie sprechen gehört.

«Kari kommt wie ein verschlossener Kauz rüber. Aber er kann auch anders. Es wird oft gelacht im Trainerbüro.»Alex Chatelain, Sportchef

Sportchef Alex Chatelain sagt: «Kari sagt in der Öffentlichkeit nur das Nötigste. Er kommt deshalb wie ein verschlossener Kauz rüber. Aber er kann auch anders. Es wird oft gelacht im Trainerbüro.» Filip Saxen sagt: «Jalonen öffnet sich erst, wenn er jemandem vertraut. Ihm ist wichtig, nicht zu viel von sich preiszugeben.»

Der gewiefte Taktiker

Vertrauen ist ein zentraler Begriff für Jalonen. Er braucht Leute um sich herum, die ähnlich denken, dieselbe Sprache sprechen – wie Assistent Ville Peltonen. Ohne ihn wäre Jalonen nicht nach Bern gekommen.

Nach der Ankunft überzeugte er die Verantwortlichen davon, mit Landsmann Samuel Tilkanen eine weitere Vertrauensperson zu integrieren. Der bisherige Videocoach Reto Schürch wurde zurückgestuft, der Prozess verlief nicht vollends frei von Nebengeräuschen. Doch einem grossen Trainer wie Jalonen werden selbst beim grossen SCB viele Wünsche erfüllt.

CEO Marc Lüthi sagt: «Wir müssen nicht diskutieren: Jalonen ist einer der grössten Trainer in Europa.» Tatsächlich gilt der SCB-Coach sogar im finnischen, von Taktik geprägten Eishockey als einer der gewieftesten Taktiker: «Er verfügt über ein hervorragendes Spielverständnis und ein grosses Wissen», sagt Saxen.

SCB-Verteidiger David Jobin sagt: «Unser Trainer hat immer einen Plan.» Das vielleicht grösste Kompliment kam nach dem zweiten Finalspiel von Zugs Trainer Harold Kreis: «Ich kann mich nicht erinnern, jemals einem so gut organisierten Widersacher gegenübergestanden zu sein.»

Dominant und kompromisslos

Wie es sich für einen grossen Trainer gehört, ist Jalonen von sich überzeugt. «Ich bin eine Persönlichkeit, die über viel Selbstvertrauen verfügt», sagt er. Der Finne gibt die Richtung vor. Er ist dominant, kann im Bedarfsfall stur und kompromisslos sein. «Du kannst ihn zum Denken anregen. Aber du kannst ihm nichts vorschreiben», sagt Chatelain.

Fordernd, ohne Kompromisse, aber immer mit einem Plan: Der Finne Kari Jalonen hat den SC Bern zur erfolgreichen Titelverteidigung geführt.Bild: Christian Pfander

Letztlich geht es für Jalonen auch beim Coaching um Vertrauen. Goalie Genoni sagt: «Vertraut er einem Spieler, legt er für ihn die Hand ins Feuer.» Den Umkehrschluss formuliert Filip Saxen: «Jalonen ist sehr fordernd. Vertraut er einem Spieler nicht, dann kennt er keine Kompromisse, der Spieler kriegt kaum noch Einsätze.» Das mussten diese Saison einige erfahren.

Jalonen ist keiner, der gerne experimentiert. Er sagt: «Weshalb wechseln, was gut ist? Auf diese Weise zeige ich den Spielern mein Vertrauen. Das ist meine Philosophie.»

«Let’s keep it short!»

Dank dieser Philosophie und seiner fordernden Art hat der Finne den SCB zur erfolgreichen Titelverteidigung geführt. Es handelt sich um Jalonens fünften Triumph als Trainer. Viel sprechen mochte er in den Playoffs nicht. Wer mit ihm reden wollte, guckte oft in die Röhre, weil Jalonen den Tunnelblick aufsetzte.

«Kari ist der bestmögliche Trainer für den SCB – weil er Erfolg hat. ‹Und was dä büglet, das isch wahnsinnig!›»Marc Lüthi, CEO

Und wenn er sprach, war sein Motto: «Let’s keep it short!» – machen wir es kurz. Das Bild des typischen Finnen wurde verstärkt. Lüthi sagt: «Kari ist trotzdem einer fürs Volk, einer für die Fans – und er ist der bestmögliche Trainer für den SCB.» Weshalb? «Weil er Erfolg hat. ‹Und was dä büglet, das isch wahnsinnig!›»

In naher Zukunft will Jalonen einen Privatlehrer engagieren, der ihm die Grundkenntnisse der deutschen Sprache beibringt. «Ich möchte mich besser verständigen können.» Vielleicht ist dies sogar ein Schritt in die Richtung, die Zurückhaltung abzustreifen.

Wie damals, im Dezember in Prag, als er nach dem Ausscheiden des Teams in der Hotellobby verkündete, er müsse am nächsten Morgen früh in die Stadt gehen. «Geschenke kaufen. Es gibt da ein wunderbares Shoppingcenter mit tollen Geschäften. Da werde ich ...» Jalonen geriet regelrecht ins Erzählen.

Ein Mitglied des Verwaltungsrats wollte die Gunst des Moments nutzen, forderte den Trainer auf, sich auf ein Bier zur Runde zu gesellen. Das war dem Finnen dann doch zu viel der Nähe. Er schüttelte den Kopf. «Ein anderes Mal vielleicht.» Die Betonung lag auf «vielleicht». Er ging zum Lift, drehte sich nochmals um, zog die Mundwinkel nach oben und sagte: «Prost!» (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 06:54 Uhr

Der Meisterstaff

Cheftrainer: Kari Jalonen.
Assistenztrainer: Ville Peltonen.
Videocoach: Samuel Tilkanen.
Goalietrainer: Reto Schürch.
Konditionstrainer: Roli Fuchs.
Materialchef: Fräne Kehrli.
Assistent Materialchef: Daniel Moser.
Teamarzt: Martin Schär.
Physiotherapeuten: Dominique Nyffenegger und David Udry.
Statistiker: Thomas Fuhrimann, Jürg Kumli und Heinz Leu.
Videoaufnahmen: Klaus Schweingruber.
Chauffeur: Reto Wegmüller.
Medienchef: Christian Dick.

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