YB-Talentschuppen im Westen

Michel Aebischer ist aktuell der prominenteste Vertreter von Talenten, die aus der Region Freiburg zu YB stossen. Dieses Szenario wäre beim Eishockey undenkbar.

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Es ist ein paar Kilometer stadtauswärts bei Mühleberg, ein Kraftort hinter dem Kraftwerk, wo sich Bern und Freiburg treffen, Aare und Saane ineinanderfliessen. Doch die Symbiose rückt in diesen Wochen noch etwas näher zur Stadt, zu Bern, zu YB. Am Sonntag lief die 90. Minute, die Young Boys führten gegen den FCZ 2:0, als Felix Mambimbi sein Debüt für YB gab.

Mambimbi – 18 Jahre alt, aufgewachsen im Freiburger Schönberg-Quartier mit 10 000 Bewohnern aus fast 100 Nationen – gelangen ein paar auffällige Aktionen, fast ein Tor, es waren Minuten, die Lust auf mehr machten und die Freiburger «La Liberté» zur Notiz veranlassten: «Eine Premiere, die nach mehr verlangt.»

Fussballer aus der kleineren der beiden Zähringerstädte haben bei YB eine gewisse Tradition. Und auch die aktuelle Freiburger Delegation ist eine stattliche: die Talentschaft um Mambimbi und Léo Seydoux (20) sowie den beim freiburgischen Verband ausgebildeten Yverdonnais Esteban Petignat (18) – und, allen voran, Michel Aebischer.

Der 22-jährige Vorzeigetechniker hat im YB-Mittelfeld durch die unersetzten Abgänge von Sékou Sanogo und Leonardo Bertone einen Vertrauensschub erhalten und ist jetzt schon der Erfahrenste des Freiburger Grüppchens. Aebischer, die Vaterfigur? «Wir kennen uns alle, einige schon länger, am ehesten bin ich aber der ältere Bruder», sagt er und lacht.

Ziemlich gut «beyoungboyst»

Dass der Saanekanton auch heute im Vergleich zu anderen Nachbarregionen überdurchschnittlich gut «beyoungboyst» ist, ist kein Zufall. 96 Fussballvereine gehören dem Freiburger Fussballverband – kurz AFF – an.

Es ist ein riesiges Reservoir für die Zusammenarbeit zwischen der AFF und YB. Noch bis vor einigen Jahren kooperierten die Freiburger auf der gleichen Stufe mit Xamax; 2012, nach dem Konkurs und der Ära Tschagajew, war der Partner nur noch ein Scherbenhaufen – und YB zur Stelle.

Die Young Boys sind im ganzen Kanton gut aufgestellt. Auch gegen Nordosten hin hat man mit dem Team Oberaargau Emmental (Tobe) eine Partnerschaft, dazu gibt es die AFF, das Team Köniz und die Kinder- und Juniorenabteilungen von YB selber.

Rund 400 Spieler werden da betreut und ausgebildet, aber nirgends ist der Nachschub grösser als in Freiburg. Die Region Emmental-Oberaargau etwa zählt nur 24 Vereine. «Es sind ländlichere Gebiete, man entscheidet sich vielleicht seltener für Fussball», sagt Christian Franke, Nachwuchschef bei YB.

Eine Rivalität zwischen Bern und Freiburg gab es im Fussball nie. Da waren ein paar Versuche – in den 60ern, als die Ära Sing bei YB gerade verklang, da war Freiburg mal erstklassig, danach länger in der NLB. Heute scheint die Mannschaft in der 1. Liga festzusitzen.

Der Schritt nach Bern war für einen talentierten Fussballer also schon immer erstrebenswert. Ein Schritt, der im Eishockey nach wie vorverpönt ist. Zu gross ist die Rivalität zwischen dem SCB und Gottéron, und auch wenn die beiden Clubs erfolgs- und budgetmässig nicht auf Augenhöhe sind, ist es eine klare Linie, die man im Eishockey an der Kantonsgrenze zieht.

Tristan Scherwey hat sie einst überschritten, er bekommt das noch immer zu spüren. Beim SCB hat er gerade eine Art Rentenvertrag unterschrieben, er hat eine WM-Silbermedaille und vier Meisterauszeichnungen im Schrank, eine Olympiateilnahme unter den Kufen – und wird bei der (Publikums-) Wahl zum Freiburger Sportler des Jahres in zuverlässigen Abständen Letzter und Vorletzter hinter Bergläufern und Schützen.

«Im Fussball gibt es diese Animositäten nicht», sagt Aebischer, der 2018 die Wahl bei seiner ersten Nomination sogleich gewann. Doch auch für ein Freiburger Fussballtalent kann der Weg nach Bern steiniger sein als für Gleichaltrige aus Bern. «Du wirst vielleicht eher unterschätzt», sagt Aebischer. Und gibt es im gleichen Alter und auf gleicher Position Spieler aus dem näheren Umfeld, spricht das nicht immer für den Weitreisenden.

«Wir wollen immer den Menschen und den Spieler beurteilen: Wo steht er in seiner Entwicklung? Wie ist seine Ausgangslage? Wer steht hinter ihm?», sagt Franke. Der Standort werde so fast nie zum Faktor.

Länger verfolgen, später zu YB

Der Jugendwahn im Kampf um die besten Talente hat aber abgenommen. Gemäss Franke gilt eine Art Gentleman’s Agreement: YB treibt sich nicht in Basel herum und umgekehrt. Und: Gescoutet werden erst Junioren ab 15 Jahren.

Mit Christoph Spycher als Talentmanager und jetzt als Sportchef hat bei YB überhaupt eine Strategie Einzug gehalten, wonach man Spieler länger beobachtet und später nach Bern holt. «Ein Jahr Ausbildung kann bis zu 40'000 Franken kosten», sagt Franke. Die Voraussetzungen zu einem nachhaltigen Scouting sind mit den vielen Partnern gut.

Und so darf die Entwicklung der Freiburger YB-Akteure gespannt weiterverfolgt werden. Die Grosswetterlage beim Tabellenführer ist ja sehr stabil. Und bei vorübergehender Bewölkung könnte sich die Aufhellung künftig vor allem aus Westen ankündigen.

Berner Zeitung

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