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Wohin des Weges?

Xherdan Shaqiri ist immer noch der Star im Nationalteam. Das zeigte sich vor dem heutigen WM-Qualifikationsspiel in Genf gegen Lettland (18 Uhr). Der anfällige Offensivgeist sieht sich jedoch mit unangenehmen Fragen konfrontiert.

Unbeirrt gradlinig: Zuletzt fehlte Xherdan Shaqiri monatelang verletzt. Er sagt, die Wade benötige Zeit. «Ihr wisst ja, sie ist nicht gerade die kleinste.»
Unbeirrt gradlinig: Zuletzt fehlte Xherdan Shaqiri monatelang verletzt. Er sagt, die Wade benötige Zeit. «Ihr wisst ja, sie ist nicht gerade die kleinste.»
Keystone

«Wo sind sie jetzt?» Die Frage prangt in grossen Lettern auf dem Cover eines Fanmagazins von Stoke City, das letztes Wochenende beim Spiel gegen den FC Chelsea aufliegt. Dazu steht: «Eine neue Serie, in welcher wir auf die Stars vergangener Zeiten schauen.»

Gross abgebildet: Xherdan Shaqiri.

Natürlich darf man das Heft nicht allzu ernst nehmen. Das verrät bereits der Name «The Oatcake». Übersetzt: Haferkeks. Und doch sagt es einiges über die Stimmungslage in Stoke-on-Trent aus. Als sich vor eineinhalb Jahren Shaqiris Wechsel von ­Inter Mailand abzeichnete, herrschte beim Anhang erst Erstaunen, dann Euphorie. 47 Partien mit je 6 Toren und Assists später herrscht Ernüchterung. Seit Mitte Januar fehlt Shaqiri verletzt.

Offensivgeist in der Defensive

Diesen Mittwochnachmittag in Lausanne. Shaqiri wird im Ge­ländewagen zum Medientermin ­vorgefahren. Die Fotografen erwarten ihn schon. Der 25-Jährige steigt aus, lächelt, hebt den Daumen. Die Botschaft, die er vermittelt: «Alles gut.»

Zuletzt ist in der Schweiz wieder einmal eine Debatte um den kleinen und kräftigen Feinfuss entbrannt. Es geht im Kern um seine Verletzungsanfälligkeit, wegen der Shaqiri seit 2013 70 Partien verpasst hat. Lebt er professionell genug? Ernährt er sich richtig? Das sind Fragen, mit denen sich Shaqiri konfrontiert sieht. Auch in Lausanne. Es ist eine schöne Randnotiz, findet der Termin in der Buvette des FC Stade Lausanne-Ouchy statt, wo am Tresen lauter Süssigkeiten und Süssgetränke locken.

«Ich bin sehr zufrieden mit meinem Körper.»

Xherdan Shaqiri

Der Offensivgeist muss sich also verteidigen. Er tut dies während dieser Viertelstunde oft mit einem Lächeln, meistens souverän, immer selbstsicher. Einmal sagt er, als es um seine Wade geht, die ihn heuer monatelang ausser Gefecht setzte: Er sei froh, dass er sich bis jetzt keine schweren Verletzungen zugezogen habe, aber die Wade benötige halt Zeit. Und: «Ihr wisst ja, sie ist nicht gerade die kleinste.» Ein anderes Mal will ein Journalist wissen, ob ihn sein Körper nerve. Shaqiri kann die Frage nicht nachvollziehen. Er sagt: «Ich bin sehr zufrieden mit meinem Körper.»

So ist das bei Xherdan Shaqiri: Obwohl er seit Jahren stagniert, kennt er keine Selbstzweifel. Zumindest äusserlich.

Liebling der Massen

Das hat viel mit dem Status zu tun, den er geniesst. Er ist der Star im Nationalteam. Granit Xhaka mag zwar für den Weltklub Arsenal spielen, Goalie Yann Sommer von Bayerns Torhüter Manuel Neuer als Weltklasse geadelt werden. Verehrt wird aber Shaqiri. Daran hat sich nichts geändert. Wo Shaqiri auftaucht, kreischen die Kinder, drängeln sich Erwachsene um ein Selfie. Als Shaqiri am Mittwoch auf dem Rasen des Stade Juan-Antonio-Samaranch einer Fernsehstation Red und Antwort steht, übersteigt auf der anderen Seite des Platzes ein Kind die Absperrung, rennt quer über das Feld. Dass sein Idol gerade ein Interview gibt, scheint den Kleinen nicht zu interessieren. Erst ein Sicherheitsmann setzt dem Treiben ein Ende.

Minuten später ergeht es einem anderen Kind besser: Die Stiftung Wunderlampe hat ein kurzes Treffen mit dem Idol arrangiert. Shaqiri signiert ein Trikot mit seinem Namen, umarmt den Jungen, der vor Ehrfurcht fast erstarrt, innig. Die Mutter, die etwas abseits steht, hat Tränen in den Augen. Das geht in der manchmal negativ gefärbten Berichterstattung über Xherdan Shaqiri zuweilen vergessen: Für viele ist er immer noch der Grösste. Beim Nationalteam, wo manche Trainings öffentlich zugänglich sind, die Spieler nicht so hermetisch abgeschirmt werden wie etwa in der Premier League, erfährt dies Shaqiri sehr direkt.

Seelenwellness in der Schweiz

Das scheint dem kleinen Kraftprotz nach den schwierigen letzten Monaten gutzutun. Shaqiri macht in Lausanne einen gelösten Eindruck, zeigt auf dem Platz Spielfreude. Während einer Trainingseinheit erzielt er auf der altehrwürdigen Pontaise ein ähnlich herrliches Seitfallziehertor wie an der EM gegen Polen. Ob er es wegen seiner Verletzungshistorie in Betracht gezogen habe, für die Partie gegen Lettland Forfait zu erklären, will ein Journalist wissen. «Wieso hätte ich absagen sollen?», fragt Shaqiri zurück. «Ich bin froh, hier zu sein.»

Heute Abend in Genf gegen Lettland (18 Uhr) wird er voraussichtlich sein 60. Länderspiel absolvieren. Für einen, der im Oktober 26-jährig wird, ist es eine bemerkenswerte Anzahl. Aber auch im Nationalteam fehlte Shaqiri zuletzt mehrmals, 2016 verpasste er 4 Spiele. Den grossen Sieg gegen Portugal zum Auftakt der WM-Qualifikation hat die Schweiz ohne ihn errungen. Wohin also führt sein Weg?

Die Herausgeber des Fanmagazins in Stoke finden: nach unten. Xherdan Shaqiri sieht es anders. Er sagt, er habe sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft. «Ich komme erst ins beste Alter.»

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