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Wie gut ist die Schweiz?

Fünf zentrale Fragen zur Nationalmannschaft zwei Wochen vor der WM.

Die Nähe suchen und das Handy nicht vergessen: Die Schweizer beim Nachtessen am Freitagabend am Luganersee.
Die Nähe suchen und das Handy nicht vergessen: Die Schweizer beim Nachtessen am Freitagabend am Luganersee.
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Er war lange ein Suchender, inzwischen hat er seinen Platz gefunden: Vladimir Petkovic, seit vier Jahren Nationaltrainer.
Er war lange ein Suchender, inzwischen hat er seinen Platz gefunden: Vladimir Petkovic, seit vier Jahren Nationaltrainer.
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Die meistdiskutierte Personalie im Team: Granit Xhaka.
Die meistdiskutierte Personalie im Team: Granit Xhaka.
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Das Selbstvertrauen der Schweizer Fussballer ist mit den Jahren gewachsen. «Wir haben die Chance, zu zeigen, dass wir eine gute Mannschaft sind», sagt Xherdan Shaqiri zum Beispiel, «und wir haben immer bewiesen, dass wir gegen grosse Mannschaften gut mithalten können.»

Den Worten soll heute Abend die Bestätigung folgen: Die Schweizer treffen in Villarreal auf Spanien, auf einen der WM-Favoriten. Vladimir Petkovic weiss: «Wir kommen in Schwierigkeiten, aber wir müssen auch dann kompakt bleiben.» Das Spiel ist ein guter Test, um zwei Wochen vor dem WM-Start gegen Brasilien Antworten auf zentrale Fragen zu geben.

Wie ist die Verfassung von Granit Xhaka?

Am Donnerstag sorgt er für den Aufreger im Schweizer Quartier. Beim Training im strömenden ­Regen von Lugano bleibt er nach einem Zweikampf mit Valon Behrami liegen, minutenlang, mit schmerzverzerrtem Gesicht. Es scheint nicht gut zu stehen um sein linkes Knie, in dem er als 16-Jähriger einmal das vordere Kreuzband angerissen hat.

Die Entwarnung kommt am gleichen Abend: Xhaka hat nur eine Knieprellung erlitten. Schmerzhaft, aber nicht weiter schlimm. Am Freitag sitzt er schon wieder auf dem Ergometer. Nur reden mag er öffentlich nicht, auch am Abend nicht, als Petkovic mit seiner Mannschaft und vielen Journalisten zuerst aufs Schiff geht und dann in einem Restaurant am Luganersee zu Abend isst.

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Am Samstag begleitet Xhaka die Kollegen auf ihrer Dienstreise nach Villarreal. Mit Reden ist noch immer nichts. Aber wichtiger ist, dass sein Einsatz an der WM nicht in Gefahr ist. Vielleicht kommt er gar heute zu einem Einsatz. Der Trainer wartet bei ihm die Reaktion auf das Abschlusstraining ab.

Das alles muss Petkovic beruhigen, denn keiner seiner Spieler ist so schwer zu ersetzen wie ­Xhaka, der seit der EM vor zwei Jahren das spielerische Nerven­zentrum der Mannschaft ist. Und der für Arsenal in der abgelaufenen Saison die meisten Pässe in der gesamten Premier League gespielt hat. Petkovic sagt es auf seine Art: «Xhaka hat die Möglichkeiten, ein noch besserer Weltstar zu werden.»

Welche personellen Fragen stellen sich noch?

Die aktuelle Mannschaft basiert auf dem Erbe, das Ottmar Hitzfeld vor vier Jahren an der WM hinterlassen hat. Und Petkovic sanft verwaltet: Yann Sommer steht im Tor. Stephan Lichtsteiner verteidigt rechts, Fabian Schär zusammen mit Johan Djourou in der Mitte und ­Ricardo Rodriguez links. Valon Behrami ist der erste Assistent von Granit Xhaka. Xherdan Shaqiri bringt die individuelle Qualität ein, wie sie sonst kein Schweizer besitzt. Blerim Dzemaili geniesst das Vertrauen als Nummer 10 und Haris Seferovic als Nummer 9.

Aber es gibt Fragezeichen.

Halten die Knie und Muskeln von Behrami, um der Belastung einer WM standzuhalten? Petkovic sagt: «Ich hoffe, er hat keine physischen Probleme. Was seinen Willen betrifft, habe ich ohnehin keine Zweifel.»

Was ist mit Seferovic, der seit Anfang November bei Benfica Lissabon Stürmer Nummer 3 war, darum kaum mehr spielte und noch ein Tor in einem Cup-Wettbewerb erzielte? Petkovic hofft, Seferovic nutze diese Tage, um sich mental zu stärken. Er sagt auch: «Seferovic ist ein Kämpfer.» Dessen erster Konkurrent ist der form- und spielstarke Mario Gavranovic, der mit seinen Toren zum Doublegewinn von Dinamo Zagreb beitrug. Josip Drmic ist eine Alternative, aber sein rechtes Knie lässt nach zwei schwierigen Jahren kaum Einsätze über 90 Minuten zu.

Wer spielt nach dem Ausfall von Admir Mehmedi auf der linken Seite? Steven Zuber kann das. Er kam bei Hoffenheim zwar nicht mehr viel zum Einsatz, aber er bringt die Laufstärke und defensive Aufmerksamkeit mit, die es gerade gegen Brasilien braucht. Breel Embolo ist eine Variante, die Frage bei ihm ist ebenfalls die Fitness. Drmic könnte auch eine sein, aber siehe oben.

Und wer verteidigt im Zentrum? Djourou und Schär bringen viel Turniererfahrung mit. Aber beide haben eine schwierige Saison mit Trainerwechseln und Abstiegssorgen hinter sich: Djourou bei Antalyaspor und Schär bei La Coruña. Petkovic hat noch zwei Wochen Zeit, sich einen Eindruck zu verschaffen. Manuel Akanji hat das Talent, jeden der beiden zu ­ersetzen.

Wieso ist nur ein Super-League-Spieler dabei?

Petkovic ist ein treuer Nationalcoach: nicht nur seinen Ideen gegenüber, vor allem auch den Spielern gegenüber, die ihn nicht enttäuscht haben. Sein Aufgebot für die erste Trainingswoche in ­Lugano sagt alles darüber aus. Mit Gregor Kobel hat es als vierter Torhüter nur ein Spieler in den Kreis der 26 geschafft, der vorher noch nie dazu gehört hatte. Und das auch nur, weil Marwin Hitz vor seinem Clubwechsel von Augsburg nach Dortmund offensichtlich keine Lust hatte, an der WM weiter die Nummer 3 zu spielen.

Mbabu und Sow von YB, Ajeti, Frei, Oberlin und Zuffi von Basel – für sie fand Petkovic keinen Platz, für sechs Spieler der mit Abstand besten Teams der Super League. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass Petkovic vom Niveau der heimischen Liga nicht allzu viel hält. Darum ist auch offen, ob er Michael Lang oder Silvan Widmer als Stellvertreter von Lichtsteiner an die WM mitnimmt. Lang (Basel) kommt aus der Super League, Widmer (Udinese) aus der Serie A.

Wie will Petkovic an der WM spielen lassen?

Zwei Monate sah Petkovic seine Spieler zwischen dem 6:0 gegen Panama und dem Beginn der WM-Vorbereitung nicht mehr. Und was hat er in dieser Zeit gemacht? Die Gegner an der WM studiert?

«Nein, nicht so sehr», sagt er. «Ich lege den Fokus auf meine Mannschaft, auf unsere Organisation, unser Spiel. Wir haben an der WM alle fünf Tage einen anderen Gegner. Wenn ich mich nur auf ihn konzentriere, kommen wir nirgends hin. Wir spielen nie ‹auf die Null›. Auch gegen Brasilien wollen wir das nicht tun. Ich sage: Gehen wir, probieren wir zu gewinnen! Probieren wir zu dominieren und klar im Kopf zu sein! Wir müssen zeigen, dass wir nicht nur gleichwertig sind, sondern besser.»

Natürlich kennt Petkovic die Grundzüge von Brasilien, Serbien und Costa Rica. Er weiss, Brasilien ist technisch überlegen, es hat ein solches Angebot an Spielern, dass es «nicht nur aus 23, sondern aus 132 Spielern oder noch mehr auswählen könnte». Er weiss, Serbien gehört von seiner Qualität her nicht in den vierten und schwächsten Lostopf, und Costa Rica hat an der WM 2014 auf seinem Weg in den Viertelfinal seine Unberechenbarkeit gezeigt.

Aber er will deshalb nicht vor Ehrfurcht erstarren, gerade vor einem Spieler wie Neymar nicht. «Ob wir etwas Spezielles gegen Neymar machen? Überhaupt nicht. Ich werde erst einen Tag vor dem Spiel über den Gegner reden. Das ist mehr als genug. Auch über Cristiano Ronaldo sagte ich keine zwei Worte, gut, vielleicht zwei, drei… Wir spielten nicht gegen Ronaldo, sondern gegen Portugal. Und jetzt spielen wir gegen Brasilien, nicht gegen Neymar. Wenn er nicht viele gute Bälle bekommt, kann auch er wenig ausrichten. Um das zu ­erreichen, müssen wir gut sein.»

Was ist die Qualität dieser Schweizer Mannschaft?

Petkovic gab am 8. September 2014 sein Debüt, es fiel mit dem 0:2 gegen England zum Start der Qualifikation für die EM in Frankreich zusammen. Er war lange ein Suchender im Prestigeamt, er hatte zwischen dem Herbst 2015 und dem Frühjahr 2016 stürmische Zeiten zu überstehen – es gab Diskussion um den angeblichen Balkangraben in der Mannschaft, die Trennung von Captain Gökhan Inler, schlechte Testspiele, schlechte Stimmung oder Petkovics fehlende Feinfühligkeit.

Der Wandel folgte mit der EM vor zwei Jahren. Die Bilanz seit dem verlorenen Achtelfinal gegen Polen erinnert an die besten Tage unter Köbi Kuhn und Ottmar Hitzfeld: Von 15 Spielen gewann die Schweiz 13 und verlor nur eines, in Portugal. Petkovic sagt: «Die Positivität ist die grosse Qualität dieser Mannschaft. Sie verliert nie die Ruhe, sie kann ein Spiel steuern und dominieren, sie hat aber auch einen klaren Kopf, um zu reagieren, wenn das nötig ist.»

Was auch dieser Generation weiterhin fehlt, ist der Exploit an einem Turnier. Das heisst: die Qualifikation für einen Viertelfinal. Davon redet Behrami zum Beispiel schon lange, vom Ziel, endlich den nächsten Schritt zu machen und nicht mehr mit Pech wie 2014 an Argentinien und 2016 an Polen zu scheitern. Petkovic sagt: «Wichtig ist, dass die 23 Spieler zusammenstehen, dass sie einander unterstützen. Und wichtig ist: Wir müssen selbstbewusst sein, wir dürfen keine Angst haben. Pampers werden wir zu Hause lassen.»

Den Erfolg der Eishockeyaner an der WM in Dänemark nimmt Petkovic zum Vorbild, wenn es um mentale Stärke geht, um die Steigerung an einem Turnier von Spiel zu Spiel. Aber was, wenn für die Fussballer die Reise in Russland schon am 27. Juni mit dem dritten Gruppenspiel endet? Ist das dann auch für den Coach ein Misserfolg? «Damit rechne ich nicht. Wenn wir die Qualifikation für den Achtelfinal nicht verdienen, soll es nicht so sein. Aber wir fahren mit einem Gedanken dahin: Unsere Entwicklung ist noch nicht zu Ende. Der Achtelfinal ist das kleinste Ziel, das wir uns setzen.»

Wenn alles normal läuft, wartet dann Deutschland.

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