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Wenn der Schiedsrichter Hilfe beim Psychologen sucht

Massimo Busacca zeigte den Stinkefinger. Andere Schiedsrichter holen sich psychologische Hilfe, um mit dem Hass und den ständigen Provokationen im Stadion umgehen zu können.

«Als Schiedsrichter hast du in dem Moment verloren, in dem du auf die Provokation eingehst.» Massimo Busacca im Spiel Baden -YB am letzten Samstag.
«Als Schiedsrichter hast du in dem Moment verloren, in dem du auf die Provokation eingehst.» Massimo Busacca im Spiel Baden -YB am letzten Samstag.
Keystone

Am vergangenen Samstag fand im Schweizer Fussballcup das Spiel zwischen dem FC Baden und den Young Boys statt. Davon bleibt vielleicht Insidern der 3:1-Sieg des Favoriten in Erinnerung, auf sicher hat es einen Platz in der Geschichte des Schweizer Sports aus andern Gründen: Im Stadion Esp in Baden geschah es, dass erstmals ein Schiedsrichter, dazu noch der gegenwärtig Beste der Schweiz und einer der Besten der Welt, einer Fankurve den «Stinkefinger» zeigte: Massimo Busacca.

Urs Meier ist sein Vorgesetzter in der Swiss Football League. Er wohnt an exklusiver Lage in Oberrohrdorf mit Blick aufs Reusstal und passiert das Stadion jeweils auf dem Weg zur Autobahn. Der Fall Busacca gibt dem ehemaligen Spitzen-Referee zu denken. Vor allem deshalb, weil er darüber rätselt, «was in Massimo vorgegangen ist an diesem Tag». Er verurteilt und bedauert Busaccas Tat, weil sie die Schiedsrichter ins Zwielicht rückte. Und doch sagt Meier: «Ich habe Verständnis für seine Reaktion.»

Seit elf Jahren ist Busacca Schiedsrichter der Fifa. Er hatte 2006 an der WM und 2008 an der EM je drei Einsätze. Der Vorgänger des smarten 40-jährigen Tessiners war Urs Meier, der zwischen 1994 und 2004 auch fast jedes Spiel leitete, das man als Schiedsrichter leiten kann, darunter 2002 einen WM-Halbfinal und den Champions-League-Final. Das brachte ihm viel Anerkennung und eine Aufgabe mit viel Prestige: Er analysiert für das ZDF Spiele der deutschen Nationalmannschaft.

Durchzug: «Göschenen-Airolo sozusagen»

Meier ist sich aus seiner Aktivzeit einiges gewohnt, redet von der dicken Haut, vom Panzer, den es brauche, um die Anfeindungen aus dem Publikum auszuhalten. Die Schmährufe dürften «einfach nicht ins Herz gelangen», sagt er. Am Anfang einer Karriere, in den ersten zwei Jahren, passiere das noch, und das tue auch unglaublich weh - aber irgendwann lernt der Schiedsrichter, die Ohren auf Durchzug zu stellen: «Göschenen-Airolo sozusagen.» Meier versteht Schiedsrichter als soziale Einrichtung. Besser lassen die Zuschauer den Frust an ihnen aus, als dass sie daheim Frau und Kinder verprügeln. Sollen sie halt «Schafseckel» rufen. So sagt Meier das.

Der Psychologe Josef Wermuth, der die Schiedsrichter im Auftrag des Verbandes betreut, bezeichnet das Fussballspiel als Jagd: Man lauere auf seine Chance und schiesse, sobald sie sich bietet. Man schlage Finten und versuche, seine Wege zu vernebeln, den Gegner zu täuschen. Die Rolle eines Unparteiischen dabei sei, «dafür zu schauen, dass die Jagd - anders als früher - unblutig endet». Nie aber dürfe er Teil des Spiels, nie Akteur werden. Verständnis für Busacca zeigt aber auch Wermuth: «Es hat ihn in dem Moment wohl emotional erwischt, das war eine höchst menschliche Reaktion.»

Seit zehn Jahren hilft Wermuth vor allem jungen Schiedsrichtern, sich auf die Jagd vorzubereiten. Mit Gesprächen, mit Videoanalysen. Aufgrund der zunehmend individualisierten Gesellschaft, «in der jeder sagen kann, was er will, und sogar gehört wird», sei die Arbeit eines Schiedsrichters schwieriger geworden. «Wichtig ist, dass er sich ganz genau kennt», sagt Wermuth, «dass er weiss, was sein Entscheid auslöst und wie wichtig die nonverbale Kommunikation ist.» Der Zuschauer spüre genau, wann ein Schiedsrichter eine Karte aus purem Sadismus zeige. Ein bestimmtes Auftreten, ohne dabei den Sheriff zu spielen, das sei das Ziel.

Fehlende Anerkennung in der Schweiz

Je höher die Liga ist, in der ein Schiedsrichter pfeift, desto mehr muss er mit Kritik leben können. In der Champions League beispielsweise kann sich ein falscher Elfmeter-Entscheid zur Staatsaffäre auswachsen. Mit Kritik leben zu können, so Urs Meier, geht nur, wenn alles stimmt, auch privat. «Nur dann kann der Schiedsrichter über den Geschehnissen stehen.»

Und was stimmte mit Busacca am letzten Samstag nicht? Fehlt ihm in der Schweiz die Anerkennung dafür, was er international erreicht hat? Meier vermutet, dass es so ist. Ihm sei es gleich ergangen. Einmal, es war 2002 oder 2003, hätte er beinahe ebenso wie Busacca die Selbstkontrolle verloren: Meier pfiff ein Spiel der 1. Liga beim Zürcher Klub Red Star, als ihn ein Zuschauer beleidigte. Meier gab zurück - und zuckte zusammen. «Scheisse, Urs, jetzt musst du aufpassen!», mahnte er sich selbst. «Jetzt wirst du dünnhäutig.» Denn er weiss: «Als Schiedsrichter hast du in dem Moment verloren, in dem du auf die Provokation eingehst.»

Im Wort «Schiedsrichter» steckt der Begriff «Richter». Daran erinnert Meier junge Aspiranten immer wieder: dass vom Schiedsrichter Distanz und Souveränität verlangt wird, dass er der ruhende Pol sein muss, wenn rundherum alles nervös und hektisch wird. «Er ist der Fels in der Brandung, der über allem steht», erklärt Meier. Und das gilt ganz besonders für Spiele im Cup, wo grosse Mannschaften in kleinen Stadien spielen, wo alles eng ist, die Leute so nah am Platz, dass die Schiedsrichter jedes Wort mitbekommen.

«Schiri, du Arschloch»

Früher riefen Zuschauer: «Schiedsrichter ans Telefon.» Längst ist er jedoch «eine schwule Sau» oder «ein Schafseckel». Meier sagt seinen Leuten gerne: «Wenn die Zuschauer rufen:‹Schiri, du Arschloch›, ist man ein Niemand. Erst wenn sie den Namen skandieren, hat man es als Schiedsrichter geschafft.» Dann ist man ganz oben. Wie Meier früher, wie Busacca heute.

Der Schiedsrichter ist der Blitzableiter der Frustrierten und Enttäuschten, von Zuschauern wie Trainern und Spielern. Ihre Integrität wird jedoch verletzt, wenn sie körperlich angegangen werden. Wie Serge Mumenthaler, dem 1997 in Wil von einem Zuschauer ein Stuhl nachgeworfen wurde. Wie der Schwede Anders Frisk 2004 bei einem Champions-League-Spiel in Rom, als er nach einem Münzwurf eine Platzwunde an der Stirn erlitt. Wie Markus von Känel und sein Assistent Antonio Gonzalez, die im Dezember 2004 in Kriens von Sions Präsident Christian Constantin angegriffen wurden. Wie diesen April in Bern, als Jérôme Laperrière von einem Feuerzeug am Kinn getroffen wurde und zu Boden ging. Oder wie Christoph Erhard, der nach erster Diagnose auf dem rechten Ohr rund 30 Prozent weniger hört, seit beim Barragespiel zwischen Luzern und Lugano eine Petarde neben ihm explodierte.

Für Frisk war der Zwischenfall in Rom der Anfang vom Ende seiner Karriere. Laperrière dagegen reagiert nicht mit Resignation. Eine Woche lang schlief er schlecht, aber er hat nicht zugelassen, dass «ein einzelner Dummkopf» über ihn gewinnt und ihn zum Rücktritt zwingt, sagt er. «Die Motivation, die Lust und die Leidenschaft als Schiedsrichter überdeckt alles, was in Bern geschah», sagt Laperrière. Seit sieben Jahren arbeitet er mit einer Psychologin in Genf. Davon profitiere er jetzt.

Tinitus wegen Chaoten

Laperrière weiss: Er hatte Glück, er hätte auch ein Auge verlieren können, wenn das Feuerzeug ihn ein paar Zentimeter weiter oben getroffen hätte. Doch daran will er während eines Spiels nicht denken. Auch nicht daran, dass sich etwas Vergleichbares wiederholen könnte: «Wenn ich das tun würde, könnte ich im Spiel keine mutigen Entscheide mehr treffen. Ich habe keine Angst, meine Arbeit zu machen.»

Christoph Erhard ist es sich als Schiedsrichter-Assistent gewohnt, fünf Meter vor den Zuschauern zu stehen und von ihnen mit Schmährufen eingedeckt zu werden, bevor ein Spiel überhaupt begonnen hat. Dass ihm «Hurensohn» nachgerufen wird, ist nur das eine. Besonders bedenklich ist für ihn, dass das Familienväter vor ihren Kindern rufen. Es ist gang und gäbe, dass Eltern den Schiedsrichter schon in Juniorenspielen beleidigen. Was Erhard zur Frage führt: «In welcher Kultur leben wir eigentlich?»

Nachdem die Petarde in Luzern explodiert war, spürte Erhard einen Schmerz im Ohr. Aber er wollte nicht davonlaufen, weil es ein wichtiges Spiel war. Jetzt denkt er, er hätte vielleicht doch gehen und so den Abbruch bewirken sollen - jetzt, da er weiss, dass er wegen «eines Hirnlosen» womöglich für immer mit einem Tinnitus leben muss. Zurücktreten will er nicht. Ihm geht es wie Laperrière: «Dann gäbe ich nur einem Chaoten Recht.»

Urs Meier hat seinen Schiedsrichtern inzwischen die klare Anweisung gegeben: Wenn einer von einem Gegenstand getroffen zu Boden geht, blutet oder ärztliche Hilfe braucht, wird das Spiel abgebrochen. Der Verband und die Vereine müssten wissen: «Die Schiedsrichter sind kein Freiwild.»

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