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Weiter unvollendete Schweizer

Das Schweizer Nationalteam muss trotz starker Entwicklung eine Zusatzschleife in den WM-Playoffs drehen. Die Aussichten sind trotzdem ordentlich.

Kopf hoch: Die Schweizer haben in der Barrage in zwei Spielen die Chance, sich doch noch für die WM zu qualifizieren.
Kopf hoch: Die Schweizer haben in der Barrage in zwei Spielen die Chance, sich doch noch für die WM zu qualifizieren.
Keystone
Der zweite Stich ins Schweizer Herz: André Silva erhöht in der 57. Minute für die Portugiesen.
Der zweite Stich ins Schweizer Herz: André Silva erhöht in der 57. Minute für die Portugiesen.
Keystone
Starke Bilanz: Portugal hat nur eines der 28 letzten Spiele verloren – gegen die Schweiz.
Starke Bilanz: Portugal hat nur eines der 28 letzten Spiele verloren – gegen die Schweiz.
Reuters
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Und am Ende steht die Schweiz in der WM-Qualifikation tatsächlich vorerst mit leeren Händen da. Neun Erfolge in Serie haben nicht gereicht. Teilweise grossartige Siege wie gegen den neuen Europameister Portugal zum Start (2:0), teilweise knappe, wie in Ungarn (3:2) und Andorra (2:1) oder gegen Lettland (1:0), zunehmend mit grösserer Souveränität und Spielfreude errungene mit dem Höhepunkt vor vier Tagen gegen Ungarn (5:2), den EM-Achtelfinalisten vor einem Jahr.

An die WM 2018 aber fährt in der Qualifikationsgruppe B Europameister Portugal. Mit ebenfalls 27 Punkten. Und die Schweizer müssen eine Zusatzschleife drehen in den Playoffs im November. Mit hohem Puls und hohem Druck, als Favorit und im Wissen, die WM-Teilnahme ganz sicher verdient zu haben. Den Gegner wird das nicht interessieren.

Taten, nicht Worte

Trotz der Niederlage in Lissabon haben die Schweizer eine tolle WM-Kampagne absolviert. Die Mannschaft hat sich prächtig entwickelt, sie ist ein­gespielt, gefestigt, selbstbewusst, und es wäre überraschend, würde sie ihre Selbstverständlichkeit in den nächsten Wochen verlieren. «Wir können viel erreichen», sagte Stratege Granit Xhaka letzte Woche erneut, «aber wir müssen es auf dem Rasen zeigen.»

Teamkollege Xherdan Shaqiri fordert einen Sieg gegen ein grosses Team, um den Beweis zu erbringen, wirklich zur Weltklasse zu gehören. Das wird nach der Niederlage in Portugal erst an der Weltmeisterschaft 2018 möglich sein. Vorerst geht es in den Playoffs darum, die Fortschritte ge­gen einen unbequemen Aus­senseiter zu bestätigen. «Wir gehören zu den 32 besten Mannschaften der Welt», hat Vladimir Petkovic vor ein paar Wochen gesagt. «Doch eine grosse Schnauze hilft uns nicht. Es zählen nur die Leistungen.»

Starker Glaube

Vielleicht ist die Nationalmannschaft seit der Euro 2016 ein bisschen zu hoch geflogen. Die Gegnerschaft war, wenn man ehrlich ist, von bescheidenem Format, Fussballzwerge wie Andorra und die Färöer, mit Lettland ein kriselnder Kleinstaat, mit Ungarn ein tief gefallener Vertreter der Mittelklasse im personellen Umbruch. Die Schweiz hat diese ­Umstände zu einer für sie beispiellosen Siegesserie genutzt, sie hat Europameister Portugal mit Superstar Cristiano Ronaldo lange Zeit Paroli geboten, ausdauernd und bis zum bitteren Endspiel am Dienstagabend.

Es ist nicht davon auszugehen, dass diese Niederlage die helvetische Auswahl in ihrer Entwicklung aufhalten wird. Oder zu Selbstzweifeln verleitet. Warum auch? Der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist ausgeprägt. Die Defensive ist ordentlich besetzt, mit einem starken Rückhalt Yann Sommer, mit den überdurchschnittlichen Aussenverteidigern Stephan Lichtsteiner und Ricardo Rodriguez, mit den zentralen Abwehrspielern Fabian Schär und Johan Djourou, die ­solid agieren – und zwar nicht ein aussergewöhnliches Format besitzen, sich aber ergänzen. Der Auswahl fehlt ein überragender Innenverteidiger, wie es Portugals Routinier Pepe immer noch ist. Aber als Gemeinschaft verteidigen die Schweizer oft stark. Sie sind ein unangenehmer Gegner.

Behramis Wert

Im Mittelfeld und im Angriff schliesslich stehen mehrere Akteure, die ihr grosses Potenzial längst nicht ausgeschöpft haben. Xhaka und Shaqiri in erster Linie, aber auch Admir Mehmedi, Steven Zuber, Haris Seferovic oder die jungen Denis Zakaria und Breel Embolo. In Portugal fehlte der verletzte Führungsspieler Valon Behrami, noch braucht ihn die Mannschaft als Vorkämpfer im Zentrum des Geschehens. Eine Genesung Behramis bis zu den WM-Playoffs wäre für die Schweiz von Vorteil.

Trainer Petkovic hat unterdessen den Umbau sanft vorangetrieben, die nächsten Kandidaten stehen bereit, beispielsweise Nico Elvedi, Dimitri Oberlin und ­Albian Ajeti. Die Perspektive der Auswahl stimmt. Nach der WM 2018 dürfte Zakaria den Platz Behramis einnehmen, Elvedi oder Manuel Akanji könnten im Abwehrzentrum Djourou ersetzen. Und wenn der bald 34-jährige Captain Stephan Lichtsteiner seine Nationalmannschaftskarriere wie Behrami beenden sollte, stehen ab nächstem Sommer hinten rechts derart viele starke ­Akteure wie auf keiner anderen Position bereit: Michael Lang, Silvan Widmer, Kevin Mbabu, auch ­Elvedi kann dort verteidigen.

Fehlender Torjäger

Neben der Innenverteidigung ­besteht vor allem im Angriff erhebliches Steigerungspotenzial. Einer der talentierten Stürmer sollte sich schleunigst als Tor­jäger profilieren, der fast ein Jahr verletzt gewesene Embolo firmiert diesbezüglich als Hoffnungsträger. Denn nur Seferovic (4) sowie Verteidiger Lichtsteiner (3) schossen in der abgelaufenen WM-Qualifikation – gegen grösstenteils schwache Nationen – mehr als zwei Tore. Das ist eine ungenügende Bilanz.

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