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Und plötzlich stand sie im Schweizer Aufgebot

Bis vor drei Monaten kannte Rachel Rinast in der Schweiz nur ein Fachpublikum. Dann ist es schnell gegangen.

Die Entdeckung: Rachel Rinast (links) erholt sich auf einer Bootsfahrt von der Niederlage im Startspiel gegen Weltmeister Japan. Sandra Betschart (Mitte) und Ramona Bachmann tanken viel Sonne.
Die Entdeckung: Rachel Rinast (links) erholt sich auf einer Bootsfahrt von der Niederlage im Startspiel gegen Weltmeister Japan. Sandra Betschart (Mitte) und Ramona Bachmann tanken viel Sonne.
Keystone

Am Tag nach der Niederlage gegen Japan steht für die Schweizerinnen ganz viel Abwechslung auf dem Programm. Das Schweizer Konsulat hat Spielerinnen und Staff zu einer Bootsfahrt auf den Gewässern rund um Vancouver eingeladen.

Rachel Rinast sitzt zusammen mit Sandra Betschart und Ramona Bachmann auf dem Oberdeck, gemeinsam geniessen sie Sonne und Aussicht. Sie plaudern, lachen und machen viele Fotos. Es scheint so, als wäre Rinast bereits lange im Kreis des Nationalteams mit dabei. Doch die Doppelbürgerin von Deutschland und der Schweiz trägt erst seit dem 1.März 2015 das rot-weisse Trikot. «Ich dachte immer, es sei nicht interessant, dass ich beide Pässe besitze», so Rinast. Falsch gedacht.

Als dies die 24-Jährige rein zufällig ihrem Spielerberater erzählte, stellte dieser sofort den Kontakt zu Martina Voss-Tecklenburg her. Die Nationaltrainerin hatte somit plötzlich eine neue potenzielle Nationalspielerin auf dem Radar, sah sich daraufhin ein Spiel von Rinast mit ihrem Verein 1. FC Köln an, zögerte nicht lange und lud die Aussenverteidigerin prompt an den Algarve-Cup im März ein. «Ich dachte so, Algarve-Cup? Krass!» Rinast war derart überwältigt, dass sie Voss-Tecklenburg am Telefon «tausendmal Danke» gesagt hat.

Kopfmensch

Und plötzlich war sie mittendrin in der grossen Welt des Frauenfussballs. Sie, die sich als «hibbeligen Menschen» bezeichnet, der oft viel mehr nachdenke, als nötig sei, plagten anfänglich Bedenken: «Da kommt so eine Ausländerin, die kein Schweizerdeutsch spricht» war einer davon. Oder dass ihr beim Start im Nationalteam hoffentlich genügend Anweisungen gegeben würden, wie alles ablaufe, ein anderer. Doch alle Bedenken waren umsonst. Die sprachlichen Probleme waren schnell geklärt.

Das Einleben hat auch bestens funktioniert, wie Rinast erzählt. Und auf dem Platz bekundete die 1,76 Meter grosse Linksfüsserin sowieso keine Anlaufschwierigkeiten. Die guten Leistungen brachten ihr gleich das direkte Aufgebot für die Weltmeisterschaft in Kanada ein. Es sei unglaublich und eine Ehre, für die Schweiz zu spielen, es bereite ihr sehr viel Spass, so Rinast, die im Startspiel gegen Japan 90 Minuten auf dem Platz stand und am Samstag (1 Uhr MEZ) gegen Ecuador wohl zu ihrem achten Einsatz kommen wird. Die Nationalhymne kann die Hobbysängerin bereits auswendig.

Nur Käse aus der Schweiz

Aufgewachsen ist Rachel Rinast in Bad Segeberg im deutschen Bundesland Schleswig-Holstein. Ihre Eltern haben sich während des Studiums in Genf kennen gelernt. Der Vater, ein Norddeutscher, war Psychologiedozent; die Mutter, eine Ostschweizerin, Studentin. Lange hätten ihre Eltern eine Fernbeziehung geführt, als dann aber Kinder ein Thema geworden seien, sei die Mutter nach Deutschland gezogen, erzählt sie und lacht. Sie glaubt nicht, dass sie in ihrer Art etwas typisch Schweizerisches habe.

«Ich versuche einfach, wie meine Mutter ein grundpositiver Mensch zu sein.» Etwas fällt ihr zum Thema Schweiz dann doch ein: «Bei uns gibt es nie deutschen Gummikäse, nur solchen aus der Schweiz.»

Die Grossmutter wohnt in Teufen; Onkel, Tante, Cousins und Cousinen im Toggenburg. Früher verbrachte Rinast die Ferien meistens in der Schweiz. Wandern und Skifahren standen da oftmals auf dem Programm. Zum Beispiel im Engadin, wo einer ihrer Cousins ein Sporthotel führt. Heute kommt sie höchstens zweimal pro Jahr zu Besuch. Auch wenn die jüdische Familie Weihnachten nicht feiert, verbringt sie die Festtage im Appenzellerland.

Lieblingsstadt Köln

Im Hohen Norden begann auch die Karriere der neuesten Schweizer Nationalspielerin. Bis im Alter von 16 Jahren spielte Rinast bei den Jungs mit, den «Frauenfussball fand ich erst mal blöd». Daneben betrieb sie auch intensiv Leichtathletik, Siebenkampf. «Im Speerwurf war ich gut, von da kommt mein guter langer Einwurf», sagt sie, lacht wieder und fährt sich mit der Hand durch ihre rötlichen, langen Locken.

Über Vereine in der Landesliga und der 2.Bundesliga Nord bei Holstein Kiel kam sie 2010 aufgrund ihres Studiums (Sport und Deutsch im Lehramt) nach Köln und schloss sich dem SC in der 2.Bundesliga Süd an. Das war auch jene Zeit, als sie vom Deutschen Fussball-Bund ein Aufgebot für einen U-18-Lehrgang bekam. Dabei blieb es jedoch, Rinast spielte nie im DFB-Trikot.

Dafür holte sie in Köln alle technischen Versäumnisse aus der Vergangenheit nach, machte kurz einen Abstecher zum SC Bad Neuenahr in die 1.Bundesliga und kehrte 2012 zurück, als Neuenahr Konkurs gegangen war. Köln bezeichnet sie als «die beste Stadt der Welt» – dort wird sie im Herbst auch das Masterstudium aufnehmen.

Und ab nächster Saison spielt Rinast auch wieder in der höchsten deutschen Frauenliga: Mit ihrem Verein schaffte sie in der vergangenen Spielzeit den Aufstieg in die 1.Bundesliga. Eigentlich ist es ihr zweiter in kurzer Zeit. Denn auch ihr neues Dasein als Schweizer Nationalspielerin kann getrost als solchen bezeichnet werden.

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