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Strittiger Platzverweis: Deutschland diskutiert über Anstand im Fussball

Auch Tage nachdem Gladbachs Pléa wegen Reklamierens zweimal Gelb sah, debattiert Deutschland über die neue Regelauslegung.

Etienne Sticher
Alassane Pléa reklamiert und wird deshalb innerhalb weniger Sekunden zweimal verwarnt. (Video: ZDF)

Der Schiedsrichter fällt eine Entscheidung und sofort stehen mehrere Spieler um ihn herum und versuchen, seine Meinung zu ändern, beschweren sich bei ihm oder beleidigen ihn sogar. Solche Szenen gehören im Jugend-, Amateur- und auch im Profifussball zur Normalität. Bei Amateurspielen kam es bereits mehrfach sogar zu tätlichen Angriffen auf Unparteiische. Darauf reagierte der Deutsche Fussball-Bund (DFB) und instruierte seine Schiedsrichter, in der Rückrunde Unsportlichkeiten konsequenter zu ahnden.

Diese strengere Regelauslegung bekam Bremens Verteidiger Niklas Moisander bereits am ersten Spieltag der Rückrunde zu spüren, als er nach lautstarkem Reklamieren die zweite Gelbe Karte sah und frühzeitig vom Platz musste. Diese Situation war bereits strittig, doch im Spitzenspiel zwischen Leipzig und Gladbach ereignete sich eine Szene, die für weitaus mehr Diskussionen sorgte.

Nach einem Zweikampf in der 60. Spielminute verlangte Gladbachs Alassane Pléa einen Freistoss, den er aber nicht bekam. Stattdessen zeigte ihm der Schiedsrichter Tobias Stieler die Gelbe Karte. Pléa machte daraufhin einige abschätzige Gesten in Richtung des Unparteiischen, woraufhin er gleich nochmals verwarnt wurde und das Feld verlassen musste. In Überzahl konnten die Leipziger noch den Ausgleich erzielen und sich damit einen Punkt sichern.

Kritik von Urs Meier

Für diese Aktion wird Stieler von Medien, Spielern, Funktionären und Experten nun heftig kritisiert. «Sie haben das Spiel Mönchengladbach gegen Leipzig ruiniert», wirft ihm die «Bild»-Zeitung vor. Gladbachs Jonas Hofmann bezeichnet die Aktion als spielentscheidend. Dadurch gingen dem Fussball die Emotionen verloren, beklagt sich der deutsche Ex-Fussballer Lothar Matthäus. «Komplett überzogen» sei die Gelb-Rote Karte gewesen. «Ein bisschen Fingerspitzengefühl» fordert Gladbach-Goalie Yann Sommer. Borussias Vizepräsident Rainer Bonhof wittert gar eine Spielabsprache: «Hatte der (Schiedsrichter Stieler) den Auftrag, das Spiel 2:2 ausgehen zu lassen?»

Der Leipziger Trainer Julian Nagelsmann, dessen Team vom Platzverweis profitieren konnte, hat nicht viel Verständnis für Stielers Entscheidung. Die Situation sei «nicht so dramatisch» gewesen. Auch der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier ist mit der neuen Regelauslegung nicht zufrieden und kritisiert Stieler: «Er ist ganz klar über das Ziel hinausgeschossen.» Er bezeichnet die Partie als «grossartiges, schnelles und faires Spiel», in das der Platzverweis nicht rein passe. Meier appelliert dabei an den gesunden Menschenverstand und das Verständnis für die Spieler.

Rückendeckung vom DFB

Stieler selbst gibt zu, dass es schon schlimmere Situationen gegeben hat. Er verteidigt seine Entscheidung aber mit der konsequenteren Bestrafung von Unsportlichkeiten, die der DFB möchte und über die alle Vereine informiert worden sind. Darauf bezieht sich auch der DFB, der Stielers Entscheidung in einer Mitteilung ausdrücklich unterstützt und seine Schiedsrichter bestärkt, «konsequent gegen Unsportlichkeiten … vorzugehen».

Doch nicht nur der DFB gibt Stieler Rückendeckung. Der Mainz-Trainer Achim Beierlorzer beispielsweise findet «den Ansatz gut, das Verhalten der Spieler verändern zu wollen». Er betont die Wichtigkeit von sportlichem Verhalten und Fairness, auch gegenüber den Schiedsrichtern. Während er eine konsequentere Bestrafung von unsportlichem Verhalten gutheisst, bemängelt er, dass dies während der Saison angepasst wurde. Auch Florian Kohfeldt, Trainer von Bremen, findet die Regel «nachvollziehbar und richtig». Eine Stärkung der Rolle des Schiedsrichters, die die Regel beabsichtigt, begrüsst er.

Um Klarheit zu schaffen, veröffentlichte der DFB folgende Liste mit Verhaltensweisen, die als Unsportlichkeiten definiert werden und mit Gelb bestraft werden:

  • Fordern einer Gelben Karte für einen Gegenspieler sowie das Fordern des VAR (verbal oder mit Gesten)
  • Aussenwirksames Gestikulieren (zum Beispiel Abwinken) beziehungsweise Reklamieren
  • Höhnische beziehungsweise respektlose Gesten
  • Jede Form aggressiven Verhaltens gegenüber dem Schiedsrichter
  • Mobbing (zum Beispiel Umzingeln des Schiedsrichters)
  • Zeitspiel/Verhinderung einer schnellen Spielfortsetzung (zum Beispiel Ball wegtragen, wegschiessen oder wegwerfen)
  • Simulation (ohne klaren Kontakt des Gegenspielers)
  • Auslösen einer Massenkonfrontation (Rudelbildung)

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