So absurd ist die neue Penalty-Regel für Goalies

Die WM der Frauen zeigt: Im Extremfall fliegen Torhüter künftig im Elfmeterschiessen vom Platz.

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Florian Raz@razinger

Es war der Moment für eine Heldentat. 3:0 hatten die Schottinnen gegen Argentinien geführt, sie schienen bereits für die Achtelfinals der Weltmeisterschaft qualifiziert. Aber dann dieses Aufbäumen der Argentinierinnen! 74. Minute, Milagros Menendez, 1:3. 79., Florencia Bonsegundos Schuss geht via Latte an den Rücken von Schottlands Goalie Lee Alexander und ins Tor – 2:3. Und schliesslich: Elfmeter für Argentinien in der 92. Minute!

Wieder stehen sich Bonsegundo und Alexander gegenüber. Die Argentinierin läuft an, Alexander spekuliert auf einen flachen Schuss, springt nach rechts. Sie hält den Elfmeter, sie hält den Nachschuss aus kürzester Distanz. Sie hält Schottland in den Achtelfinals.

1. Penalty bei Argentinien - Schottland

Quelle: Fifa

Oder doch nicht? Nein. Die neuen Regeln des Weltfussballverbandes Fifa machen den Schottinnen einen Strich durch die Rechnung. Der Video-Assistent (VAR) muss sich den Elfmeter noch einmal anschauen. Und er stellt fest: Alexander hatte die Torlinie knapp vor der Schussabgabe mit beiden Füssen verlassen.

Jetzt bleibt Schiedsrichterin Hyang-Ok Ri keine andere Wahl: Sie muss den Penalty wiederholen lassen. Und sie ist gezwungen, Alexander die gelbe Karte zeigen.

Die zweite Gelegenheit lässt sich Bonsegundo nicht mehr nehmen. Sie trifft zum 3:3. Argentinien hat noch Chancen auf die Achtelfinals. Die Schottinnen sind nur noch ein Häufchen weinendes Elend.

Eigentlich wollten die Regelhüter des Internationalen Boards (Ifab) den Goalies ja mit einer Reform helfen. Bislang mussten die Torhüter mit beiden Füssen auf der Torlinie stehen. Neu dürfen sie einen Fuss nach vorne bewegen, bevor der Elfmeterschütze den Ball gespielt hat.

2. Penalty bei Italien - Jamaika

Quelle: Fifa

Doch was eine Erleichterung sein sollte, wird mit der neuen Regelauslegung zu einer absurden Bestrafung der Goalies. Bislang wurde die Regel sehr liberal ausgelegt. Es wurde nur dann ein Elfmeter wiederholt, wenn sich ein Keeper extrem früh von der Linie bewegt hatte.

Jetzt aber hat die Fifa ganz offensichtlich die Praxis geändert. Bereits drei Elfmeter wurden an der laufenden WM wiederholt, weil sich die Torhüterinnen bei Schussabgabe ein paar Zentimeter vor der Linie befunden haben.

Passt die Fifa ihre Haltung nach der WM nicht an, dürften ab diesem Sommer auch bei den Männern sehr viele Elfmeter wiederholt werden. Auch in der Schweiz, wo der Video-Assistent in der bevorstehenden Saison der Super League seine Premiere erleben wird. Schliesslich gelten die neuen Regeln und ihre Auslegung weltweit.

Trotzdem gibt es bereits erste Abweichler. So hat sich die englische Schiedsrichter-Kommission entschieden, in der kommenden Saison den Video-Assistenten nicht einzusetzen, um die Fussstellung der Goalies bei Elfmetern zu prüfen. Das berichtet die «Times».

Der Schweizerische Fussballverband seinerseits erklärt, er habe «grundsätzlich in der Auslegung der Spielregeln nicht freie Hand». Derzeit werde ein Lehrgang für die Schweizer Spitzenschiedsrichter vorbereitet. Erst Ende Juni wird bekannt gegeben, wie die neuen Vorgaben der Fifa in der Schweiz umgesetzt werden.

3. Penalty bei Frankreich - Nigeria

Quelle: Fifa

An der WM war die krasseste Entscheidung jene bei der Partie Frankreich gegen Nigeria. Da durfte Wendie Renard ihren Elfmeter wiederholen, obwohl sie sogar neben das Tor geschossen hatte – und nur auf dem Standbild zu erkennen war, dass Chiamaka Nnadozie beide Füsse vor der Linie hatte.

Gänzlich absurd wird die Regelauslegung dadurch, dass Goalies zwingend verwarnt werden müssen, wenn die Schiedsrichter den Penalty wiederholen lassen. Im Extremfall könnten Torhüter so demnächst in einem laufenden Elfmeterschiessen mit Gelb-Rot vom Platz fliegen. Vielleicht sogar schon an dieser WM.

Goalies, die keine Verwarnung oder gar einen Platzverweis riskieren wollen, werden künftig viel passiver agieren. Die sowieso schon geringen Chancen auf eine Parade werden weiter minimiert. Was kaum im Sinn der Erfinder der Regeln gewesen sein dürfte.

Und nein, Goalies können sich auch nicht dadurch behelfen, dass sie ihre Parade von hinter der Torlinie starten. In den Regeln steht nämlich explizit, dass sie beim Anlauf des Schützen AUF der Linie stehen müssen. Nicht davor – und auch nicht dahinter.

Eines ist jedenfalls sicher: Mit der verschärften Beobachtung der Goalies sind Heldentaten wie jene von Jerzy Dudek im Final der Champions League 2005 nicht mehr möglich.

Jerzy Dudek gegen die AC Milan

Quelle: Youtube

An der laufenden WM der Frauen wären alle Elfmeter wiederholt worden, die die AC Milan 2005 verschoss. Und Liverpools Held Dudek wäre nach seiner Parade gegen Andrea Pirlos Penalty mit Gelb-Rot vom Platz geflogen.

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