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Shaqiris Bühne

Am Samstag gegen Ungarn und am Dienstag in Portugal bestreitet das Schweizer Nationalteam bedeutende Begegnungen in der WM-Qualifikation. Xherdan Shaqiri ist bereit. Der kleine Mann mag grosse Spiele.

Technisch starkes Kraftpaket: Xherdan Shaqiri Ende August im Heimspiel gegen Andorra.
Technisch starkes Kraftpaket: Xherdan Shaqiri Ende August im Heimspiel gegen Andorra.
Keystone

Vielleicht steht Xherdan Shaqiri wie kein zweiter Fussballer für die erstaunliche Entwicklung dieser Schweizer Nationalmannschaft. Locker und flockig ist er immer noch, das zeigt sein rund 30-minütiger Auftritt in einer Medienrunde diese Woche im Teamhotel in Feusisberg.

Und doch erhält man den Eindruck, der kleine Mann mit den mächtigen Waden sei reifer geworden. Und reflektierter. 25 Jahre alt ist er schliesslich mittlerweile und bereits seit 2010 Mitglied der nationalen Auswahl. Erlebt hat er als Fussballer genug, um mehrere Karriereratgeber zu schreiben. Einer könnte den Lebenshilfe-Titel tragen: «Aufstehen nach dem tiefen Fall».

Der Lohn

Von Basel wechselte Shaqiri 2012 als grosses Talent zu Bayern München, der Abstieg über Inter Mailand führte ihn vor bald zweieinhalb Jahren in die englische Provinz nach Stoke. Und wenn es nach Shaqiri geht, soll die Reise bald wieder in die andere Richtung gehen, nach oben, zu den Topklubs Europas.

In seinen Statements betätigt er sich in Feusisberg gleich mehrfach als prächtiger Schlagzeilenlieferant. Zum Beispiel so: «Mein Ziel ist es, noch einmal die Champions League zu gewinnen.» Mit Stoke? Shaqiri umschifft die ungemütliche Lage mit einem Lächeln und fragt zurück: «Warum nicht?»

«Mein Ziel ist es, noch einmal die Champions League zu gewinnen.»

Xherdan Shaqiri

2013 triumphierte Xherdan Shaqiri in der Königsklasse, mit den Bayern, als Ergänzungsspieler zwar, aber dennoch auf dem besten Weg, sein Versprechen einzulösen und den Status der Weltklasse zu erreichen.

Titel hat er viele gewonnen, mit Basel und den Bayern, und doch ist er heute keineswegs dort, wo ihn viele und zuallererst er selber sich erwartet hatten. Aber hoch dotiert ist der Vertrag in der Premier League, von 45 Millionen Franken Bruttolohn in fünf Jahren hat man gehört, vielleicht sagt er auch deshalb, es gefalle ihm sehr bei Stoke.

Das Geraune

Shaqiri ist Stammspieler im Klub, die Leistungen sind ordentlich, er war in dieser Saison nie länger verletzt. Man muss das erwähnen, weil Blessuren und Muskelbeschwerden seine ständigen Begleiter sind. Geraunt wird dann von fehlender Professionalität, vielleicht auch vom nicht idealen Lebenswandel und von falscher Ernährung. Davon ist im Herbst 2017 nicht mehr die Rede.

Shaqiri wirkt zufrieden, mit sich im Reinen, gelöst auch und bereit für die Zukunft. In der «Mitte seiner Karriere» sei er, sagt er einmal, «ganz sicher noch nicht am Ende». Und weil es im Gespräch vor allem um das Nationalteam geht und dessen Erfolgsgeheimnis, sagt Shaqiri einmal: «Wir haben eine ideale Mischung aus älteren und jüngeren Spielern.»

Zu welchen gehört denn er, Shaq, der kleine Mann, der die Fantasien wie kein anderer Schweizer Fussballer befeuern kann, mit Traumtoren, Dribblings, Kunststücken?

Shaqiri überlegt, schmunzelt, legt sich eine Antwort zurecht, dann sagt er: «Eigentlich bin ich ja noch jung. Aber ich gehöre zu den erfahrenen Spielern, klar, ich bin schon so lange dabei.»

Das Selbstverständnis

64 Länderspiele hat Shaqiri mit 25 bestritten, 20 Tore erzielt, er ist in beiden Disziplinen schnurstracks unterwegs zu helvetischen Bestmarken (Heinz Hermann 118 Länderspiele, Alex Frei 42 Treffer). Doch das interessiert ihn kaum, er denkt in grösseren Dimensionen. «Wir haben uns fantastisch entwickelt», sagt er, nennt die Einstellung, die Disziplin auch und das taktische Verständnis, welches die Nationalmannschaft auszeichnen würden. «Und wir sind alles gute Fussballer, die in grossen Ligen spielen. Als Team können wir viel erreichen.»

«Wir sind alles gute Fussballer, die in grossen Ligen spielen. Als Team können wir viel erreichen.»

Xherdan Shaqiri

Dieses Selbstverständnis prägt die Schweizer, und Shaqiri ist das Sinnbild dafür, weil er daran glaubt, irgendwann wieder bei einem Verein der Kategorie Bayern zu spielen. Vielleicht nach einer starken WM 2018. «Die beste Zeit hat man als Fussballer doch zwischen 27 und 30 Jahren», sagt er. «Ich habe also noch ein wenig Zeit.»

Der Ausnahmespieler

Xherdan Shaqiri hat eine Menge geschafft in seinem Leben, aber man hat das Gefühl, da müsse noch mehr kommen. Der frühere Nationalspieler Stéphane Henchoz meinte in einem Interview mit der «SonntagsZeitung»: «Barcelona hat Messi, Real Ronaldo und die Schweiz eben Shaqiri.» Dieser könne mit nur einer Aktion etwas auslösen, was sonst keiner im Team schaffe.

Andererseits stutzt die wohlmeinende Aussage automatisch auch Shaqiri aufs korrekte Mass, denn ein Messi oder Ronaldo ist er lange nicht, wird er nie sein, trotz sporadischen Glanzpunkten. Und sowieso: Weltklasse besitzt keiner im Schweizer Team, Shaqiri nicht, Ricardo Rodriguez hat stagniert, Stephan Lichtsteiner ist älter geworden, Yann Sommer ist ein guter Torhüter, aber noch ein Stück von den ganz Grossen der Branche entfernt.

Vielleicht ist Granit Xhaka, Eckpfeiler bei Arsenal, am nahesten bei der Feinkostabteilung des Fussballs. Shaqiri mag sich mit dieser Thematik nicht lange beschäftigen, er sagt shaq-mässig salopp: «Bei uns im Nationalteam sind alle Weltklasse. Wir spielen in guten Klubs und sind seit langer Zeit ungeschlagen.»

Die Ansage

Und während man die Schweiz trotz der Siegesserie und dem Festsetzen in der Weltrangliste zwischen Rang 4 und 7 immer noch eine Stufe unterhalb der Szenegiganten verortet, zeichnet Shaqiri in seinen Aussagen das Bild einer Mannschaft, die an sich glaubt und daran, Historisches fabrizieren zu können. «Aber wir müssen ruhig weitergehen.

Nun kommt Ungarn, erst danach Portugal.» Er ist ein Spieler für die hell erleuchtete Bühne, am Dienstag in Lissabon ist mal wieder so ein besonderer Abend. Shaqiri weiss das. Er freut sich. Und sagt: «Portugal hat Ronaldo, aber wir sind eine starke Einheit. Gegen uns ist es nicht einfach.»

«Für uns ist eine Pflicht, die WM-Qualifikation in dieser Gruppe zu schaffen.»

Xherdan Shaqiri

Der Grat ist schmal zwischen selbstbewusst und überheblich. Und doch klingt es nicht arrogant oder anmassend, wenn Xherdan Shaqiri bemerkt: «Für uns ist es eine Pflicht, die WM-Qualifikation in dieser Gruppe zu schaffen.» Es wäre eine Enttäuschung, nicht Erster zu werden, sagt er, und dass zufälligerweise der Europameister mit dem Weltbesten in der gleichen Gruppe mitspielt, interessiert Shaqiri nicht.

Er beschäftigt sich auch nicht mit der Frage, ob es nicht vielleicht einfacher wäre, die Playoffs zu überstehen als Portugal und Cristiano hinter sich zu lassen. «Ich weiss ja nicht mal, wer in den Playoffs dabei sein wird.»

Der Geburtstag

Xherdan Shaqiri ist ein Kerl, den man einfach mögen muss. Wenn man Fussballliebhaber ist. Oder Freund forscher Töne. Selbst wenn er immer noch polarisiert. Das tun Personen mit seinem Auftreten automatisch, gerade in der Schweiz, wo Menschen, die übers Mittelmass ragen, argwöhnisch betrachtet werden.

Am Dienstag feiert Shaqiri seinen 26. Geburtstag, das schönste Geschenk wäre für ihn die WM-Qualifikation in Lissabon. «Wenn ich schon nie bei der Familie sein kann am Geburtstag, sondern ­immer mit dem Nationalteam unterwegs bin.» Dann würde er auch eine Runde bezahlen später in der Nacht. Oder zwei oder auch drei. Ein bisschen Spass muss immer noch sein.

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