Ronaldo, das 100-Millionen-Schnäppchen

Cristiano Ronaldo steht anscheinend vor einem Wechsel zu Juventus Turin. Das Erstaunlichste am Transfer wäre der Preis.

Geht dieses Spiel in Zukunft anders aus? Ronaldos Traumtor beim 0:3 der Turiner gegen Real.

Geht dieses Spiel in Zukunft anders aus? Ronaldos Traumtor beim 0:3 der Turiner gegen Real.

(Bild: Keystone Andrea Di Marco)

Mit einem derart warmen Empfang hatte Armando Izzo nun wirklich nicht gerechnet. Als der 26-Jährige, bis dato ein Spieler des CFC Genua, am Donnerstag auf dem Turiner Flughafen landete, wartete schon ein stattliches Komitee von Tifosi auf ihn - verblüffend viele Leute für den sicherlich talentierten, aber ganz bestimmt nicht weltberühmten neuen Verteidiger des FC Turin. Merkwürdig auch, dass die Fans schwarz-weisse Schals trugen, also die Farben der Lokalrivalin Juventus.

Und dann jubelten sie Izzo zu. Die Tifosi riefen: «Cristiano!» und «Ronaldo!» Izzo war verwechselt worden - mit jenem Mann, von dem seit ein paar Tagen 13 Millionen Juventini träumen.

Man muss sich das vorstellen: Italien ist erstmals seit 60 Jahren nicht bei einer WM dabei, die Tifosi sind gezwungen, anderen bei ihren Höhenflügen in Richtung Titel zuzusehen. Sogar die Schweden, gegen die Italien im Playoff unterlag, haben es ins Viertelfinale geschafft. Und dann platzt mitten in einen Sommer ohne Fussball die Nachricht, Ronaldo, kurz: CR7, der fünfmalige Weltfussballer, ziehe mitsamt seinen fünf goldenen Bällen aus Madrid nach Turin. Der vielleicht grösste Weltstar, bislang unerreichbarer und unzugänglicher als die tiefste Tiefsee, liebäugelt mit einem Angebot ausgerechnet aus Italien.

«Ein schöner Traum», wiegelte das Juve-Management zunächst ab. Geschäftsführer Giuseppe Marotta sagt: «Ich sage gar nichts.» Hinter diesem vielsagenden Schweigen laufen jedoch hektische Verhandlungen. In Madrid traf sich am Donnerstag Ronaldos Manager Jorge Mendes mit Real-Patron Florentino Perez.

Wer muss für Ronaldo Platz machen?

Es gehe, so behaupten italienische Medien, um die Ausstiegsklausel des Portugiesen. Vormals hatte Perez seinen Star als unverkäuflich erklärt, heute sei er bereit, ihn für 100 Millionen Euro abzugeben. Das wären nur zehn Millionen mehr als jene Summe, die Juventus vor zwei Jahren für den Argentinier Gonzalo Higuain ausgab - vergleichsweise ein Schnäppchen.

Ronaldos Tor zum 3:3 im WM-Gruppenspiel gegen Spanien. Video: SRF.

Etwa zeitgleich zum Gipfel in Madrid traf Juve-Trainer Massimiliano Allegri in Turin ein, aus dem Urlaub angefordert von seinem Chef Andrea Agnelli. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich das Thema des Gesprächs zwischen Clubpräsident und Coach vorzustellen: Wen können und müssen wir verkaufen, um uns Ronaldo leisten zu können? Neben Higuain müsste womöglich auch Miralem Pjanic gehen, der angeblich vom FC Barcelona und von Manchester City umworben wird.

Rund 60 Millionen Euro würde der Spieler im Jahr kosten. Ronaldo verlangt ein Nettogehalt von 30 Millionen, eine Riesensumme für einen Club, der früher penibel darauf achtete, seine Spieler nicht mit Gold zu überschütten, um die Arbeiter des Autokonzerns Fiat, der den Agnellis ja bis heute auch gehört, nicht zu verärgern.

Noch reicher, noch berühmter

Andererseits hat Juventus den Profifussball in Italien quasi erfunden. Andrea Agnellis Grossvater Edoardo heuerte schon in den 1930er-Jahren Stars aus Südamerika an. Und Gianni Agnelli, Onkel des amtierenden Präsidenten, hätschelte den Franzosen Michel Platini: «Wir haben ihn für ein Stück Brot gekauft, und er hat Foie Gras darauf gelegt», schwärmte Agnelli von seinem Lieblingsspieler. 100 Millionen Euro für Cristiano Ronaldo wären also quasi ein Stück Brot, und kaum jemand in Turin bezweifelt, dass der Portugiese es auch mit 33 Jahren noch sehr reichlich mit erlesenen Leckereien belegen würde.

Angeblich habe es Ronaldo sehr goutiert, dass das Turiner Publikum sein Fallrückziehertor im Champions-League-Viertelfinale enthusiastisch feierte. 

Ronaldo wäre für Andrea Agnelli das, was Platini für den Fiat-Patriarchen Gianni war: eine Trophäe, die zeigt, dass der 42-jährige Präsident seinen illustren Vorfahren in nichts nachstehen will. Sieben Meistertitel und vier Pokale in Serie hat Andrea Agnelli gewonnen, mehr als Grossvater, Onkel und Vater in den vergangenen 95 Jahren. Aber der Champions-League-Triumph, der steht nach den Endspielniederlagen 2015 und 2017 noch aus. Agnellis ganzes Streben gilt dem Königspokal. Noch eine Italienmeisterschaft mehr könnte seinen Ehrgeiz kaum stillen.

Wie alle Agnellis genoss er eine internationale Erziehung. Und er führt selbstverständlich ein internationales Unternehmen. Unter seiner Ägide wurde das Familienerbe Juventus wieder zu jener Weltmarke, die der Club einst war. Mit einem Jahresumsatz von einer halben Milliarde Euro spielt Agnelli zwar nicht auf Augenhöhe mit Scheichs und russischen Oligarchen, aber in der Liga der ersten Zehn Europas.

Ronaldo fehlt bei Real-Fotos

Zweifellos kann Ronaldo dem jungen Italiener mehr abgewinnen als seinem Noch-Arbeitgeber Florentino Perez. Agnelli verkörpert den europäischen Fussballadel, mit dem Glamour seiner Familie kann der Ingenieur Perez nicht annähernd konkurrieren. Es heisst, der Portugiese habe es sehr goutiert, dass das Turiner Publikum sein spektakuläres Fallrückziehertor im April im Champions-League-Viertelfinale enthusiastisch feierte. Der Applaus galt dem Künstler, obwohl Juve 0:3 verlor.

Von CR7 verspricht sich Juventus nicht nur sportliche Erfolge. Ronaldo würde neue Sponsoren bringen und höhere Preise für Tickets und Trikots rechtfertigen. Er würde Juventus noch reicher, noch berühmter machen - wenn Real denn grünes Licht gibt. Angeblich soll der Brasilianer Neymar das Idol aus Madeira ersetzen, aber der steht im Augenblick noch fest bei Paris Saint-Germain im Sold.

Auf den Fotos der Mannschaftsgrössen im neuen Real-Trikot war Ronaldo schon nicht mehr zu sehen, was in Italien prompt registriert wurde. Hingegen stiess ein gewisser Lothar Matthäus weniger auf Gehör mit seinem sicher gut gemeinten Ratschlag, der Portugiese solle lieber in Madrid bleiben: «Die Serie A ist nicht mehr so gut wie zu meiner Zeit.» Aber auch Lothar Matthäus ist ja irgendwie nicht mehr so gut wie zu seiner Zeit. Während Cristiano Ronaldo sich ganz offensichtlich noch mal eine richtig gute Zeit machen will.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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