Mit dreckigem 0:0-Sieg an die WM

Misstöne vor dem Jubel: Die Schweizer leiden im Playoff-Rückspiel auf schwierigem Terrain gegen Nordirland, der glücklose Haris Seferovic wird sogar ausgepfiffen. Die Nullnummer genügt aber zur WM-Qualifikation.

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Fabian Ruch

Vor den kurz bevorstehenden Feierlichkeiten folgt erst mal das brutale Pfeifkonzert. Haris Seferovic wird wenige Minuten vor Spielende durch Publikumsliebling Breel Embolo ersetzt. Für einen Grossteil der Zuschauer folgt dieser Wechsel keine Sekunde zu spät, das Publikum senkt den Daumen über den mal wieder unglücklich kämpfenden Seferovic. Draussen an der Linie reagiert Nationaltrainer Vladimir Petkovic verärgert; er fordert die Supporter zur Unterstützung in der hektischen Schlussphase auf.

Die Schweizer leiden im Rückspiel der WM-Playoffs zu Hause gegen Nordirland, sie agieren in der zweiten Halbzeit auf miserablem Terrain ungenügend, nervös, fehlerhaft. Und so steht es auch zu Beginn der Nachspielzeit 0:0. Die tapferen Nordiren greifen in der längst zum aussergewöhnlichen Kampfspiel verwandelten Veranstaltung verzweifelt an. Ein letzter langer Ball, ein letzter Schuss, ein letzter Eckball.

Matchwinner: Rodriguez

Und, es passt zur Dramaturgie dieses nervenaufreibenden Wildwestfussballs, die kräftigen Nordiren erhalten tatsächlich ihren letzten Kopfball. Der Schweizer Goalie Yann Sommer fliegt am Ball vorbei, Jonny Evans setzt sich durch, köpfelt energisch aufs Tor – und jubelt vermutlich innerlich schon. Auf der Linie aber rettet Ricardo Rodriguez akrobatisch; es sind wenige Zentimeter, die Nordirland zur Verlängerung fehlen. Aus Schweizer Sicht hätte man die Überzeit und ein Elfmeterschiessen nicht anschauen wollen.

Am Ende feiern die Schweizer den erzitterten 0:0-Sieg. Und wieder ist Rodriguez der Matchwinner. Im Hinspiel verwandelte der Linksverteidiger den geschenkten Penalty zum Minisieg, am Sonntag rettet er die WM-Teilnahme mit seinem Last-Minute-Befreiungsschlag. Die Schlüsselszenen offenbaren, wie wenig stilsicher die Schweizer die Playoffs für sich entschieden haben.

Stürmer der traurigen Gestalt

Es war nicht zu erwarten gewesen, dass die Nordiren in Basel wie im Hinspiel 90 Minuten plus Nachspielzeiten ihren Bus vor dem eigenen Strafraum parkieren würden, wie man in Grossbritannien eine sehr defensive Spielweise beschreibt. Ihr forsches Auftreten in der Startphase überraschte gleichwohl. Yann Sommer musste bereits in den ersten Minuten zwei Schüsse entschärfen, wobei vor allem seine Parade nach einem Weitschuss Chris Brunts zu einer spektakulären Flugeinlage geriet.

Die Schweizer benötigten eine kurze Zeit, um sich auf die bedeutend mutigeren Nordiren einzustellen. Dann aber dominierten sie das Geschehen vor der Pause erneut, gefielen mit hübschen Angriffen, liessen im Abschluss aber wieder Entschlossenheit, Präzision und halt auch Klasse vermissen. Haris Seferovic rackerte beharrlich an seinem über Jahre erarbeiteten Ruf des Stürmers von der fleissigen, aber traurigen Gestalt. Einen Kopfball aus wenigen Metern nach scharfer Flanke Xherdan Shaqiris setzte er neben das Tor, auch später agierte er zögerlich, glücklos, schwach.

Und die äusseren Einflüsse begünstigten zunehmend die wetterfesten Nordiren. Es regnete am Sonntagabend in Basel mal stärker und mal schwächer, aber beständig, der ohnehin nicht gut bespielbare Rasen im St.-Jakob-Park verwandelte sich in eine seifige, dreckige Unterlage, an der möglicherweise Gaelic Footballer ihre Freude gehabt hätten.

Oder die besten Fussballer aus Nordirland. Erst auf tiefem Terrain fanden sie die Muse, um lustvoll zu dribbeln und – für ihre Verhältnisse – teilweise zu zaubern. Jedenfalls sorgte das 0:0 zur Pause beim helvetischen Anhang im ausverkauften Stadion eher für mulmige Gefühle, obwohl die Endrunde in Russland 45 Minuten näher gekommen war. Und die Schweizer bauten ungewöhnlich stark ab. Sie waren in der zweiten Halbzeit nicht mehr stilsicher und dominant, die kecken, stabilen Gäste witterten ihre Chance. Sie setzten Nadelstiche, riskierten aber vorerst nicht mehr als unbedingt notwendig. Das 0:0 gefiel ihnen auch Mitte der zweiten Halbzeit als Basis für den Coup in Basel. Zumal die Schweizer in der Offensive weiter ausgesprochen umständlich und harmlos agierten.

Derart umständlich und harmlos, dass die rot-weissen Partygäste im St.-Jakob-Park vor der grossen Feier erst einmal Frustpfiffe loswerden mussten.

Berner Zeitung

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