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«Liebe Grüsse Gerry»

Letzten Herbst hiess der Ligagegner Münsingen, jetzt soll Trainer Gerardo Seoane Meister YB in die Champions League führen. Die Geschichte eines rasanten Aufstiegs.

Dominic Wuillemin
Gerardo Seoane ist neuer YB-Trainer. Er übernimmt das Team von Meistertrainer Adi Hüter. Seoane erhält in Bern einen Vertrag bis 2021.
Gerardo Seoane ist neuer YB-Trainer. Er übernimmt das Team von Meistertrainer Adi Hüter. Seoane erhält in Bern einen Vertrag bis 2021.
Urs Flueeler, Keystone
Seine Spielerkarriere startete er 1995 beim FC Luzern. Er kehrte 2007 nach mehreren Stationen in der Super League und im Ausland zurück zu seinem Jugendverein, ehe er 2010 seine Karriere beendete.
Seine Spielerkarriere startete er 1995 beim FC Luzern. Er kehrte 2007 nach mehreren Stationen in der Super League und im Ausland zurück zu seinem Jugendverein, ehe er 2010 seine Karriere beendete.
Walter Bieri, Keystone
Von 2004 bis 2007 spielte der spanisch-schweizerische Doppelbürger drei Saisons bei GC.
Von 2004 bis 2007 spielte der spanisch-schweizerische Doppelbürger drei Saisons bei GC.
Steffen Schmidt, Keystone
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Trainer Markus Babbel pflegt seine Arbeitgeber mit einem Tattoo auf der Haut zu verewigen. Je eines von Stuttgart, Hertha Berlin, Hoffenheim und dem FC Luzern hat er schon, bald dürfte jenes der Western Sydney Wanderers dazukommen – seit kurzem coacht der Deutsche in Down ­Under. Und irgendwann mal wird der 45-Jährige dann vielleicht keine freie Stelle auf der Haut mehr zur Verfügung haben.

Das Trainergeschäft ist ein schnelllebiges, davon weiss auch Gerardo Seoane zu berichten. Aus dem Nachfolger Babbels ist innert fünf Monaten der Nachfolger von Adi Hütter geworden. Der 39-jährige schweizerisch-spanische Doppelbürger hat gestern bei den Young Boys einen Vertrag bis zum Sommer 2021 unterschreiben. «YB verfügt über ausgezeichnete Perspektiven. Ich freue mich sehr, für diesen Club zu arbeiten», lässt er sich in der Medienmitteilung des Vereins ­zitieren.

Er arbeitet jetzt beim Meister, mit Aussicht auf Teilnahme an der Champions League, sein Aufstieg ist äusserst rasant: Noch letzten September hatte er mit der Luzerner U-21 in der 1. Liga bei Münsingen gastiert. Dessen Trainer Kurt Feuz, einst Förderer von YB-Sportchef Christoph Spycher, gratulierte den Berner Clubverantwortlichen gestern übrigens begeistert zur Wahl Seoanes. Die Trainer­legende zeigt sich angetan vom Jungtrainer.

Vergleich mit Guardiola

Die geringe Berufserfahrung auf höchster Stufe ausgenommen, konnte Seoane eine vorzügliche Bewerbung einreichen. Neben Deutsch und Spanisch – die Eltern stammen aus Galicien – spricht er auch Englisch, Italienisch und Französisch, die zweite Amtssprache bei YB. Vor allem lässt sich sein Leistungsausweis sehen: Mit 34 Punkten aus 17 Partien führte er den FC Luzern in der Rückrunde vom 9. auf den 3. Rang.

Er tat dies, indem er die Defensive stabilisierte und auf Nachwuchskräfte setzte, die er schon in Luzerns U-21 betreut hatte. Zudem veredelte Seoane das bestehende Spielermaterial: Der 28-jährige Flügel Pascal Schürpf etwa verelffachte unter ihm seine Torausbeute. Seoane bewies Mut und Flexibilität, er liess auch mal Torjäger Tomi Juric auf der Bank, weil er fand, dieser sei für das Spiel auf Kunstrasen nicht geeignet. Die Spieler schwärmten, sie seien stets hervorragend auf den Gegner eingestellt, einer verglich ihn gar mit dem spanischen Branchen­primus Pep Guardiola.

«YB verfügt über ausgezeichnete Perspektiven. Ich freue mich sehr, für diesen Club zu arbeiten»

Gerardo Seoane

Zweifel an der Sozialkompetenz, die Seoane begleiteten, seit er am Ende seiner Spielerkarriere von Rolf Fringer auf die Tribüne verbannt worden war, konnte er ausräumen. Er arbeitete so überzeugend, dass er in den Tagen nach dem Bekanntwerden von Hütters Abgang bei einer Medienkonferenz auf ein mögliches Engagement bei YB angesprochen wurde. Seoane reagierte geschmeichelt, meinte aber, er sei ja noch nicht lange als Trainer auf höchster Stufe tätig.

Nichts dem Zufall überlassen

Insgeheim wird er sich den Job aber schon da zugetraut haben. Seoane gilt als enorm selbstbewusst, als 19-jähriges Talent hatte er den Wechsel aus der Heimat Luzern zum Meister FC Sion forciert, 1998 ging er in die spanische Primera Division zu La Coruña, wo ihn der Präsident als neuen Guardiola anpries.

Doch Seoane konnte sein grossen Potenzial nie wirklich erfüllen, vielleicht auch deshalb verfolgt er die Trainerkarriere nun mit grosser Akribie. Schon zu Spielerzeiten hatte er in der U-13 Luzern assistiert, 2011 übernahm er die U-15, dann die U-18 und U-21. Daneben machte er mehr, als es die jeweiligen Lizenzprüfungen abverlangten. Er liess bei Partien eine Kamera auf sich richten, um zu sehen, wie er sich an der Seitenlinie verhält.

Er analysierte mit Spezialisten seine Körpersprache, arbeitete an ­seiner Ausdrucksweise, studierte stundenlang Pressekonferenzen von José Mourinho und Guardiola. Luzerns Sportchef Meyer meinte kürzlich, Seoanes Weg in den Profifussball sei vorgezeichnet gewesen. «Lange hätten wir ihn im Nachwuchs nicht mehr an der Leine halten können.» Nun ist Seoane schon wieder weg. Und Meyer, seit einem Jahr im Amt, befindet sich zum zweiten Mal auf Trainersuche.

Gestern Nachmittag informierte Seoane Mitarbeiter des FCL in einer Whatsapp-Nachricht über seinen Abschied. Er schrieb, es sei ihm wichtig, ihnen den Schritt persönlich mitzuteilen. Ein paar Zeilen, dann war er weg. Am Ende stand: «Liebe Grüsse Gerry».

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