Leiden als Spektakel – im Erfolg

Der SC Freiburg lebt in der Bundesliga traditionell in Abstiegsangst – jetzt ist er Dritter.

«Wir wissen jetzt, wo wir sind, wer wir sind und was es noch alles zu tun gibt»: Christian Streich, Trainer des SC Freiburg. Foto: EPA

«Wir wissen jetzt, wo wir sind, wer wir sind und was es noch alles zu tun gibt»: Christian Streich, Trainer des SC Freiburg. Foto: EPA

Am Dienstag musste er wieder einmal dringend weg. Hinunter vom Feld im Schwarzwald-Stadion, weg vom Publikum, hinein in die Kabine, zu die Tür. Christian Streich geht, nein er rennt diesen Weg oft blindlings. Bei Spielen, in denen er tausend Tode zu sterben scheint, braucht der Trainer des SC Freiburg nach dem Schlusspfiff etwas Zeit für sich.

Meist geht es für ihn und seinen kleinen Bundesliga-Verein dabei um heldenhaft errungene Remis, um knappe Niederlagen. Der SC Freiburg bäckt so viel kleinere Brötchen als die Schwergewichte der Liga, dass ein fünfter Rang von 2012/13 schon als unwiederholbare Sensation gilt. Und jetzt? Ja jetzt ist dieser SC Freiburg Dritter und spielt seit Wochen unter den Topteams.

Das Übervorsichtige ist ein unverkennbarer Wesenszug des Fussballtrainers Streich.

Am Dienstag also ging Streich vom Feld, erschöpft und – diesmal geschlagen. Mit Union Berlin war im Cup ein Verein zu Gast, der noch kleiner ist als der SCF und vielleicht noch heroischer kämpfen muss. Freiburg machte das Spiel, Union schoss die Tore, 1:3 stand es am Ende. Urs Fischer, der Zürcher Trainer von Union, freute sich und resümierte, was seinen Fussball eben so oft ausmacht: «Es hat über weite Strecken sehr gut geklappt, den Gegner am Spiel zu hindern.»

Und Streich? Der nahm das Aus zum Anlass, um seiner Rolle als notorischer Warner gerecht zu werden. «Wir wissen jetzt, wo wir sind, wer wir sind und was es noch alles zu tun gibt», sagte er. Das Übervorsichtige ist ein unverkennbarer Wesenszug des Fussballtrainers Streich. Jeder Gegner ist immer «brutal schwierig» zu bespielen, jede Tabellensituation stets «wahnsinnig gefährlich». Auch auf dem aktuellen Höhenflug scheint es dem hartnäckigen Mahner fast schon Vergnügen zu bereiten, stets daran zu erinnern, dass die 17 Punkte, die Freiburg in neun Spielen bereits gesammelt hat, dereinst «Gold wert sein könnten im Abstiegskampf».

Spieler werden in Freiburg keine vergoldet. Niels Petersen hat über 100 Spiele für die Badener in der Bundesliga gemacht, doch nur etwa 60 davon in der Startformation. Vielleicht würde er anderswo mehr spielen, dennoch sagte dieser fast 70 Bundesliga-Tore schwere Petersen, nachdem er jüngst gegen Leipzig (2:1) wieder einmal als Joker zum Sieg getroffen hatte: «Als Fussballer sehnst du dich nach einem Heimatgefühl. Und wenn es da ist, willst du es festhalten.»

295 Spiele, die nahegingen

Trainer Streich blüht in diesem Umfeld richtig auf, wobei man in seinem Fall nicht ganz sicher sein kann, wer denn hier wovon geprägt ist: Streich vom Umfeld oder umgekehrt. Denn in seinen 24 Jahren beim Verein hat der 54-Jährige viel zu dieser familiären Atmosphäre beigetragen, lange Zeit als Nachwuchs-, seit acht Jahren als Cheftrainer. «Das bin nicht ich», wehrt er sich immer wieder, «es ist der Verein. Er ist grösser als alle hier.»

Dass Freiburg in dieser Saison so erfolgreich ist, liegt tatsächlich nicht nur am Trainer. Taktisch und läuferisch sind Streichs Teams eigentlich immer gut eingestellt, aber individuell und punkto Selbstvertrauen hat in dieser Saison jeder von seinen Spielern zugelegt. Dominique Heintz hat sich vom durchschnittlichen Kölner Bundesliga-Spieler zum herausragenden Verteidiger entwickelt Abwehrtalent Robin Koch ist seit ein paar Wochen A-Nationalspieler, ebenso U-21-EM-Finalist Luca Waldschmidt im Angriff. Captain Christian Günter oder Aufbauer Nicolas Höfler hat Streich noch selber im Nachwuchs trainiert.

Am Sonntag tritt er mit seinen Überfliegern in Bremen bei Werder an, es wird sein 296. Spiel als Freiburger Cheftrainer. Jedes einzelne davon geht ihm nah. Streich auf dem Platz, das ist Spektakel. Der Mann leidet, torkelt zuweilen mit gehetztem Blick an der Seitenlinie auf und ab, eine Art ganzkörperlicher Schluckauf scheint ihn zu steuern. Das braucht Substanz. Der dienstälteste Trainer der Liga hat einen Vertrag bis 2021, doch schon bei der Verlängerung sagte er: «Ich glaube nicht, dass ich noch einmal acht Jahre Bundesliga mitmachen kann.» Der Weg weg vom Feld, er wird ihn irgendwann zum letzten Mal gehen.

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