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Klinsmann wollte mehr Power, jetzt schleicht er sich davon

Jürgen Klinsmann ist nach nicht einmal drei Monaten nicht mehr Trainer – und Hertha Berlin hat Theater wie die Grossen.

Das war es bereits mit Jürgen Klinsmann als Trainer von Hertha BSC.
Das war es bereits mit Jürgen Klinsmann als Trainer von Hertha BSC.
Andreas Gora/dpa, Keystone
Der 55-Jährige verkündete via Facebook seinen Rücktritt.
Der 55-Jährige verkündete via Facebook seinen Rücktritt.
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Nach einem kurzen Intermezzo in Kanada bei Toronto als Berater des Managements unterschrieb Klinsmann bei der amerikanischen Nationalmannschaft. Diese trainierte er von 2011 bis 2016.
Nach einem kurzen Intermezzo in Kanada bei Toronto als Berater des Managements unterschrieb Klinsmann bei der amerikanischen Nationalmannschaft. Diese trainierte er von 2011 bis 2016.
Katia Christodoulou
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Im Fanshop, den Hertha BSC auf dem Vereinsgelände im Berliner Westend betreibt, steht eine Art Skulptur, die man gut zum Denkmal für Jürgen Klinsmann umfunktionieren könnte. Weiss auf blau steht dort zu lesen, dass Hertha anno 2028 erstmals seit 1931 wieder deutscher Meister sein wird, 2040 die Champions League gewinnt, 2044 die Club-WM, 2083 den imaginären Mondcup und später, in den Jahren 2132 sowie 2175, eine ebenfalls fiktive Königsklasse.

Egal, welche realistischen oder hochtrabenden Ziele die in der Gegenwart abstiegsbedrohte Hertha anstrebt – seit gestern steht fest: Man muss sie ohne Klinsmann erreichen. «Ich bin nach langer Überlegung zum Schluss gekommen, mein Amt als Cheftrainer zur Verfügung zu stellen und mich wieder auf meine ursprüngliche, langfristig angelegte Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückzuziehen», teilte er mit. Er überrumpelte damit Mitarbeiter, Spieler und nicht zuletzt die Gremien des Clubs.

Noch am Montagabend repräsentierte er die Hertha bei einer Tagung von Chefredaktoren deutscher Medien. Auf einem Podium bot er diverse Einschätzungen zur Lage des Vereins, sie gipfelten in der Prognose, Hertha werde die Saison mindestens als Tabellen-15. abschliessen, also nicht absteigen. Indizien dafür, dass Klinsmann am nächsten Morgen hinwerfen würde, gab es dem Vernehmen nach nicht mal ansatzweise.

«Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden», erklärte Manager Michael Preetz, «insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen.» Die Mannschaft erfuhr die Nachricht im Medienraum. Dort stand ursprünglich die Videoanalyse der Niederlage gegen Mainz auf dem Programm. In einer zehnminütigen Ansprache teilte Klinsmann seine Entscheidung mit.

«Viele waren geschockt», sagte Mittelfeldspieler Per Skjelbred nach dem Vormittagstraining, das Klinsmanns bisheriger Assistent leitete. Die Spieler machten heitere Mienen – wohl weil die Gesamtsituation so beispiellos absurd anmutete.

Investor plötzlich wortkarg

Klinsmann war erst vor zehn Wochen als Trainer angetreten, zwanzig Tage zuvor hatte ihn Herthas neuer Grossinvestor Lars Windhorst zum Aufsichtsrat des Bundesligisten bestellt. Windhorst hat über seine Investmentgruppe für 224 Millionen Euro knapp die Hälfte der Anteile an Herthas Profiabteilung gekauft, war quasi über Nacht zu einem bestimmenden Faktor im Club geworden. Hertha könne ein «Big City»-Club werden, hatte er vollmundig angekündigt.

Am Dienstag hielt sich Windhorst mit öffentlichen Äusserungen zurück, dieser Zeitung richtete er aus, dass er Klinsmanns Entscheidung bedauere - und von dieser auch erst am Vormittag erfahren hatte. Diese Präzisierung ist nicht unerheblich: Zuvor hatte ihn die «Bild» mit den Worten zitiert, schon am Montagabend unterrichtet worden zu sein – also weit vor allen handelnden Personen im Club.

Denen hielt Klinsmann in seiner Mitteilung, die lange vor dem Gespräch mit Preetz verfasst worden sein muss, nun vor, ihm nicht genug Vertrauen und Zusammenhaltsgefühl gegeben und Konzentration auf das Wesentliche ermöglicht zu haben. Daher «kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden», hiess es im Wortlaut.

«Himmelfahrtskommando»

Was das konkret heissen soll, blieb zunächst offen. Klinsmann stand nicht für eine Pressekonferenz zur Verfügung. Er schlich sich davon – und meldete sich dann ausgerechnet via «Bild», die Zeitung, die ihn einst diffamiert hatte und in Berlin zu seiner grossen Alliierten wurde. In dem Interview behauptete Klinsmann, «ein Himmelfahrtskommando» übernommen zu haben – und bestätigte, was zuvor aus verlässlichen Quellen gesprudelt war: dass es unter anderem Diskrepanzen im Hinblick auf die Dauer und Ausgestaltung der Tätigkeit Klinsmanns gab. «Nach meinem Verständnis sollte ein Trainer – nach dem englischen Modell – die gesamte sportliche Verantwortung tragen. Also auch für die Transfers. Das gibt der Position wesentlich mehr Power», sagte Klinsmann. Dazu kamen weitere Faktoren. Schon bei der tagelangen Posse im Januar um Klinsmanns zunächst ungültige Trainerlizenz soll er die Unterstützung der Hertha-Bosse vermisst haben.

Klinsmann hatte im November Ante Covic abgelöst; sein Nachfolger ist der bisherige Assistent Nouri, der einst Chefcoach bei Werder Bremen war. Der Wunschtrainer der Fans, Niko Kovac, steht weiter nicht zur Verfügung. Nouri, hiess es, soll «vorerst» bleiben, am Samstag in Paderborn auf der Bank sitzen und die Qualität betreuen, für die Klinsmann und die Windhorst-Millionen sorgten: Hertha kaufte im Winter Santiago Ascacíbar (Stuttgart/10 Millionen), Krzysztof Piatek (AC Milan/27) und Cunha (Leipzig/18), sowie den vorerst ausgeliehenen Lucas Tousart (Lyon/25). Die nach oben strebende Hertha ist damit in den Top 10 Europas in Sachen Transferdefizit. Im Hier und Jetzt der laufenden Saison, und nicht in fernen Sphären.

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