Italiens grösstes Problem

Vor der EM sprachen alle von Xavi oder Iniesta, wenn es darum ging, Spaniens wertvollsten Spieler zu benennen. Der entscheidende Mann steht beim Welt- und Europameister aber ganz hinten.

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Ohne die beiden Penalty-Paraden von Iker Casillas im EM-Viertelfinal gegen Italien vor vier Jahren wäre Spanien vielleicht noch immer die Nation, die stets als Geheimfavorit in grosse Turniere startete, am Ende aber doch leer ausging. Casillas parierte an diesem Sommerabend in Wien aber die Schüsse von Daniele De Rossi und Antonio Di Natale – was folgte, ist bekannt. Inzwischen darf sich Casillas amtierender Welt- und Europameister nennen. In Spielen der Knockout-Runde ist er seit sage und schreibe 900 Minuten ohne Gegentreffer. Und wer weiss, was aus seiner Mannschaft geworden wäre, wenn er im kapitalen letzten Gruppenspiel gegen Kroatien nicht die Grosschance des früheren FCB-Spielers Ivan Rakitic mirakulös vereitelt hätte.

Casillas ist Lebensversicherung und Schutzpatron der Furia Roja in Personalunion, für Italien ist wohl nicht Andrés Iniesta oder Xavi das grösste Problem, sondern der mit 1,85 Metern eher klein geratene Torhüter von Real Madrid – wie bereits an der Euro 2008. «Er macht die wichtigen Paraden im richtigen Moment», sagt Casillas' Teamkollege Xabi Alonso. Eine Aussage, die von der Statistik untermauert wird. Casillas blieb auch am Mittwoch im Viertelfinal gegen die unglücklichen Portugiesen zweimal Sieger im Duell mit dem Schützen, zudem entschärfte er an der WM 2010 im Viertelfinal gegen Paraguay und im Final gegen Holland jeweils einen Elfmeter. In den Vordergrund will er sich dennoch nicht stellen. Er habe einfach das Glück, in einer hervorragenden Mannschaft zu spielen, sagt der Mann, der heute als erster Fussballer die Marke von 100 Länderspiel-Siegen erreichen kann. Zu viel Lob sei schlecht für die Leistung.

Eine historische Chance – und Trost für die Heimat

Gerade jetzt, wo die Gegner offenbar ein Rezept gefunden haben, um das verwirrende Kurzpass-Spiel der Spanier auf ein für sie erträgliches Mass zu reduzieren, kommt dem Keeper entscheidende Bedeutung zu. Obwohl der spanische Trainer Vicente del Bosque nach dem Penalty-Krimi gegen Portugal grummelte, seine Equipe habe das Weiterkommen vor allen Dingen grossem Glück zu verdanken, war der Faktor Casillas wohl der entscheidende. Spanien gegen Italien wird also auch ein Duell Casillas gegen Balotelli. Die Ankündigung des italienischen Enfant terrible, im Endspiel vier Tore zu schiessen, wird dem spanischen Schlussmann zwar nicht entgangen sein, zusätzliche Motivation zieht er aber wohl eher daraus, dass sich ihm und seinen Kollegen die Gelegenheit bietet, als erstes Team der Geschichte drei grosse Turniere in Folge zu gewinnen. Und daraus, seinen von der Wirtschaftskrise gebeutelten Landsleuten ein wenig Freude zu schenken. Der Fussball sei für Spanien in dieser schwierigen Zeit so etwas wie eine Insel der Glückseligkeit, erklärte Casillas.

Del Bosque setzt weiter auf die berüchtigten Kurzpässe

Von den Italienern spricht der Keeper, der seinen letzten Gegentreffer in einem Knockout-Spiel in den Viertelfinals der WM 2006 vom grossen Franzosen Zinédine Zidane eingeschenkt bekam, voller Hochachtung: «Mich hat Italiens Sieg gegen Deutschland nicht überrascht. Balotelli und Cassano sind ein grossartiges Duo, Buffon ein Gradmesser für jeden Torhüter.» Wer sich auf einen offenen Schlagabtausch freut, der muss trotz Balotelli und Cassano wohl ein anderes Spiel anschauen. Spaniens Coach Del Bosque will nämlich nichts von einer risikofreudigeren Taktik für den Final wissen. «Wir werden weiter mit unseren Waffen kämpfen und nicht von unserem Stil abrücken», erklärte er gegenüber spanischen Radiosendern. Sein Team habe bislang vielleicht nicht besonders ästhetisch gespielt, dafür aber immer die Kontrolle gehabt. Vom Match gegen Kroatien und dem Penaltyschiessen gegen Portugal einmal abgesehen – aber da hatte Spanien ja Casillas.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Spanien: Casillas - Arbeloa, Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Busquets - Xavi, Xabi Alonso - Silva, Iniesta - Fabregas.

Italien: Buffon - Balzaretti, Barzagli, Bonucci, Chiellini - Pirlo, De Rossi - Marchisio, Montolivo - Balotelli, Cassano.

ak

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