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Inter-Coach Conte, der Wahnsinnige an der Linie

Der leidenschaftliche Trainer Antonio Conte führt Inter Mailand zurück zu alter Stärke. Heute trifft Inter auf Dortmund.

Antreiben, kritisieren, dirigieren: Antonio Conte nutzt jeden Zentimeter seiner Coaching-Zone. (Bild: Keystone/Matteo Bazzi)
Antreiben, kritisieren, dirigieren: Antonio Conte nutzt jeden Zentimeter seiner Coaching-Zone. (Bild: Keystone/Matteo Bazzi)

Für ihn müsste man dringend eine Trainer-Spezialkamera einführen. Im Fokus: Antonio Conte, der Wahnsinnige an der Linie. Der 95 Minuten lang jeden Zentimeter der Coachingzone ausreizt. Seine Spieler antreibt, dirigiert, kritisiert. Die Zweikämpfe mitgeht wie früher als Dauerläufer im Mittelfeld. Bei Toren ausrastet, das Hemd nassgeschwitzt, die Augen weit und irr aufgerissen.

Conte ist im Sommer 50 geworden, altersmilde aber ist der Mann nicht, seine Liebe zum Fussball ist ungebrochen. «Sobald ein Spiel beginnt, bin ich in meiner Zone», sagt Inter Mailands Trainer. «Und dann gibt es für mich nur eines: den Sieg.»

Wenn Inter heute in der Champions League auf Borussia Dortmund trifft (ab 21 Uhr im Ticker), wird Contes Spektakel draussen am Spielfeldrand besonders auffallen, weil sein Gegenüber Lucien Favre das Geschehen oft stoisch verfolgt. Und Inter steht unter Druck nach dem enttäuschenden 1:1 gegen Slavia Prag sowie dem 1:2 beim FC Barcelona, eine Heimniederlage gegen Dortmund (4 Punkte) wäre wohl bereits das Ende aller Träume in der Königsklasse. «Wir haben immer Druck», sagt Conte, «und für solche Spiele trainieren wir doch jeden Tag hart.»

Spieler folgen bedingungslos

Erst seit ein paar Monaten arbeitet Conte bei Inter, dem Champions-League-Sieger 2010, der auf komplizierte Jahre voller Rückschläge, Trainerwechsel, Transferchaos zurückblickt. Verpflichtet wurde er als Heilsbringer, 11 Millionen Euro beträgt sein Jahreslohn, netto, versteht sich. Er ist der Königstransfer Inters, das im Sommer rund 180 Millionen Euro für neue Fussballer ausgab.

«Für Conte würde ich mich umbringen lassen.»

Romelu Lukaku

Innert kurzer Zeit ist es Conte gelungen, den Traditionsclub mit reichlich Euphorie zu versorgen. Trotz seiner langen Vergangenheit beim Rivalen Juventus ist er selbst beim Anhang akzeptiert, weil er mit seiner Energie alle mitreisst und vorlebt, was er erwartet: Leidenschaft. Wille. Teamgeist. «Für Conte würde ich alles machen», sagte Romelu Lukaku. Und Mitspieler Nicolò Barella meinte gar: «Für Conte würde ich mich umbringen lassen.»

Wie auf all seinen Stationen schafft Conte mit seinem Arbeitsethos ein Ambiente, in dem sich keiner zu schade ist, das Ego zu verstecken. Zur Sicherheit entsorgte der Coach mit Mauro Icardi, Radja Nainggolan und Ivan Perisic die drei besten Fussballer Inters, weil er das zuweilen kapriziöse Trio als ungeeignet für seine Philosophie betrachtete.

Wunschspieler Lukaku

Die ersten sechs Ligapartien gewann Inter, das 1:2 gegen Juventus im Gipfeltreffen war ein Rückschlag, am Wochenende aber folgte das 4:3 bei Sassuolo, der Rückstand auf Juventus beträgt nur einen Punkt. Der Zuschauerschnitt liegt bei knapp 65'000, das San Siro jedoch ist zu wenig modern, bald soll in Mailand ein neues Stadion für rund 800 Millionen Franken gebaut werden.

Das Projekt wird zusammen mit Milan vorangetrieben, wobei der Stadtrivale mal wieder in der Krise steckt, den Trainer nach drei Monaten erneut gewechselt hat, aber auch unter Marco Giampaolos Nachfolger Stefano Pioli beim 2:2 gegen Lecce enttäuschte – und in der oft unterschätzten Serie A nach acht Runden mit bloss zehn Punkten Zwölfter ist.

Bei Inter sind die Aussichten prächtig.

Bei Inter sind die Aussichten prächtig. Dank Conte. Und dank Besitzer Suning, einem der grössten chinesischen Unternehmen mit Milliardär Zhang Jindong als Gründer und Chef. Dessen Sohn Steven Zhang, erst 28, ist seit einem Jahr Clubpräsident. Er sagt, es sei Sunings Ziel, Inter wieder zu einer Weltmarke zu formen.

Und so hat Conte seine besondere Herausforderung. Er war erfolgreich bei Juventus, mit Italien und bei Chelsea. Und er steht für eine klaren Spielplan, die Dreierkette in der Abwehr ist ihm heilig. Bei Inter ist die Besetzung mit Milan Skriniar, Stefan de Vrij und Diego Godín, der ablösefrei von Atlético kam, ausgezeichnet. Und in der Offensive ist der 22-jährige Argentinier Lautaro Martínez ein torgefährlicher, spielstarker Hoffnungsträger. Selbst Landsmann Lionel Messi sagte bereits, es wäre schön, einmal mit Martínez spielen zu können. Er meinte nicht das Nationalteam.

Noch ist das Kader Inters aber nicht überall auf Topniveau. Im Angriff wollen Lukaku und Alexis Sánchez ihre bei Manchester United schwer ins Stocken geratenen Karrieren neu lancieren. So etwas reizt Conte. Lukaku kostet mit Boni bis zu 85 Millionen Franken, er ist der teuerste Zugang der Vereinsgeschichte. Nicht alle haben verstanden, wieso Inter derart viel Geld in den spielerisch zuweilen kläglichen Belgier investierte, doch der Torjäger ist seit Jahren Contes Wunschspieler. Und bei Leihgabe Sánchez übernimmt Manchester United immer noch mehr als zwei Drittel des monströsen Jahresgehalts von rund 25 Millionen.

Kader ist zu wenig breit

Sánchez verletzte sich kürzlich mit Chiles Nationalteam, er kann erst 2020 wieder eingesetzt werden. Und auch der brillante Gestalter Stefano Sensi, 24 und in der Heimat bereits mit Andrea Pirlo verglichen, fällt gegen Dortmund aus. «Diese Verletzungen tun uns richtig weh», sagt Conte.

«Diese Niederlagen haben gezeigt, woran wir arbeiten müssen.»

Antonio Conte

Auch er weiss: Seine Topformation mit Marcelo Brozovic als Stratege agiert überzeugend und kann die Giganten ärgern. Doch in der Breite ist Inter deutlich schwächer als etwa Juventus. Der Serienmeister wechselte im Direktduell den Siegtorschützen Gonzalo Higuaín ein. Und als Inter in Barcelona wenige Tage zuvor nach toller erster Hälfte und zu knapper 1:0-Führung abgebaut hatte, brachte der Gastgeber mit Ousmane Dembélé und Arturo Vidal starke Kräfte – und drehte das Spiel. «Diese Niederlagen haben gezeigt, woran wir arbeiten müssen», sagt Conte.

Der fordernde Italiener darf sich auf weitere Verstärkungen freuen. Denn auch wenn Inter Mailands Champions-League-Saison heute gegen Dortmund schon auf dem Spiel steht – das Projekt mit dem feurigen Conte ist auf mehrere Jahre angelegt.

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