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Im Wunderlin-Land

Die YB-Frauen ­stehen vor einer spannenden Rückrunde. Am Ruder sitzt mit Marisa Wunderlin eine erst 30-jährige Trainerin.

Engagiert, smart und voller Tatendrang: Marisa Wunderlin (links) gibt den YB-Frauen im Training Anweisungen.
Engagiert, smart und voller Tatendrang: Marisa Wunderlin (links) gibt den YB-Frauen im Training Anweisungen.
Christian Pfander

Marisa Wunderlin runzelt kurz die Stirn, ehe sie die Frage bejaht, ob sie womöglich einen Hauch perfektionistisch veranlagt sei.

Seit rund 20 Monaten amtet die 30-Jährige bei den YB-Frauen, hauchte dem Team als Cheftrainerin frische Energie ein. Sie schnitt alte Zöpfe ab, bestritt innovative Wege, brachte neue Einflüsse und Ideen ein.

«Ich empfinde den Trainerjob bei YB als grosse Verantwortung. Entsprechend lautet meine Devise: möglichst viel auf möglichst vielen Ebenen für den Erfolg machen.» Es passt zum Naturell der Powerfrau, dass sie dabei ein klares Konzept verfolgt.

Ob Taktik, System, mentale Aspekte oder Gruppenführung: Sie mag es nicht, Dinge dem Zufall zu überlassen, hasst Kontrollverlust, ist indes smart genug zu akzeptieren, dass Fussball anders funktioniert als Mathematik, wo gewisse Formeln stets zur Lösung führen.

Doch Wunderlin wäre nicht eine der talentiertesten weiblichen Coachs auf diesem Planeten, wenn sie nicht versuchen würde, der Unberechenbarkeit des Spiels Einhalt zu gebieten. «Meine Aufgabe ist es, absolut alles für den Erfolg zu unternehmen, die Dinge so zu steuern, dass ein Scheitern am Ende unwahrscheinlicher wird», sagt sie.

Eine wie Nagelsmann

Mit ihrem Enthusiasmus, den sie selbst «als eine Art Obsession» bezeichnet, und ihrem beinahe identischen Werdegang erinnert Wunderlin an das gleichaltrige deutsche Ausnahmetalent Julian Nagelsmann, der sich mit vorzüglicher Arbeit in Hoffenheim zu einem der gewieftesten und begehrtesten Übungsleiter in Europa gecoacht hat.

Wie Nagelsmann erweckt auch Wunderlin den Eindruck, dass sie ihre Fähigkeiten in jeder Übungseinheit, in jedem ­Videostudium verbessern will. Wie Nagelsmann legt Wunderlin Wert darauf, sich intensiv mit dem Betreuerstab auszutauschen – jedes Detail muss stimmen.

Im Training wird sie mitunter auch laut und forsch wie eines ihrer Vorbilder, Jürgen Klopp, dessen Art, Fussball zelebrieren zu lassen, ihr am meisten behagt. Sie trichtert den Akteurinnen Taktik oder Laufwege ein, kann, wenn es nötig ist, aber auch die Samthandschuhe anziehen, um empathisch auf die Spielerinnen einzuwirken.

Wunderlin verfügt trotz ihres jungen Alters über eine erstaunliche Werkzeugpalette, ist aber gleichzeitig immer noch eine Lernende, die gezielt an ihren Schwächen feilt. Dabei profitiert sie vom Erfahrungsschatz, mit dem sie einen ganzen Campingrucksack füllen kann.

Die aktive Karriere mit 23 Jahren bei YB beendet – «ich war zu ehrgeizig dafür, nicht das grösste Talent gewesen zu sein» –, hatte sie Lehrjahre als Trainerin oder Assistentin bei der U-18 von Thun, den Femina Kickers Worb, im Nachwuchs des europäischen Spitzenclubs Lyon und beim helvetischen Topteam Zürich absolviert, ehe sie 2016 zu YB zurückkehrte.

Verheissungsvolle Perspektive

In Bern übernahm Wunderlin, die zu 60 Prozent als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Baspo (Bundesamt für Sport) in Magglingen angestellt ist, eine blutjunge Equipe mit viel Potenzial. In ihrer ersten Saison führte sie YB auf Rang 5, scheiterte im Cup erst im Halbfinal in extremis am späteren Doublegewinner Neunkirch.

Schon in ihrer ersten Spielzeit schwärmte Wunderlin von den gut ausgebildeten Akteurinnen «und deren Lernfähigkeit». Und so erstaunt es nicht, dass sich YB mit einem sehr jungen Team vor dem Rückrundenstart am Samstag bei Leader Zürich in einer formidablen Ausgangslage befindet.

Mit einem Mix aus Pressing und dynamischem Umschaltspiel, der auf die schnellen Spielerinnen massgeschneidert ist, mauserte sich YB trotz schwachen Saisonstarts zur Überraschung der Vorrunde. Zwischenrang 3 mit nur 2 Punkten Rückstand auf den Zweiten Basel bedeutet Verheissungsvolles, zumal Rang 2 in dieser Saison erstmals zur Qualifikation zur Champions League berechtigt.

Wunderlins Augen leuchten, als das Wort Champions League fällt. Smart wie sie ist, gibt sie Rang 2 aber nicht explizit als Zielsetzung aus. «Unser Saisonmotto lautet: ‹auf dem Weg an die Spitze›», erklärt sie. Als Perfektionistin wird sie indes alles dafür tun, die Chance beim Schopf zu packen...

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