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«Ich hatte keine Energie mehr»

Nach glanzvollem Start geriet die Karriere Johan Vonlanthens ins Stottern. Er selber schlitterte in die Krise und flüchtete nach Kolumbien. Nun ist er zurück in Zürich – und schaut mit Redaktion Tamedia auf eine bewegte Zeit zurück.

«Ich wurde in Europa von einem Club zum anderen herumgereicht. Holland, Italien, Österreich. Und als ich etwas älter wurde, habe ich immer mehr gespürt, dass ich lange überfordert war»: Johan Vonlanthen.
«Ich wurde in Europa von einem Club zum anderen herumgereicht. Holland, Italien, Österreich. Und als ich etwas älter wurde, habe ich immer mehr gespürt, dass ich lange überfordert war»: Johan Vonlanthen.
Boris Müller
Kehrt bei den Grasshoppers in den Schweizer Profifussball zurück: Johann Vonlanthen im GC-Dress.
Kehrt bei den Grasshoppers in den Schweizer Profifussball zurück: Johann Vonlanthen im GC-Dress.
Keystone
Der volksnahe Profifussballer: Johan Vonlanthen bei einem Pedalo-Plausch mit einem GC-Fan auf dem Zürichsee.
Der volksnahe Profifussballer: Johan Vonlanthen bei einem Pedalo-Plausch mit einem GC-Fan auf dem Zürichsee.
Keystone
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Johan Vonlanthen, Sie strahlen Lebensfreude aus und wirken mental stark. Oder täuscht dieser erste Eindruck?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin hier in Zürich wirklich sehr glücklich. Mir geht es blendend, ich wurde bei den Grasshoppers hervorragend aufgenommen.

Und wie ist es, wenn Sie sich auf der Strasse bewegen?

Am Anfang hatte ich manchmal das merkwürdige Gefühl, dass sich der eine oder andere denkt: «Was will denn der arrogante Fussballer schon wieder hier?» Aber das hat sich mittlerweile gelegt. Auch die Menschen auf der Strasse begegnen mir sehr freundlich und wünschen mir Glück für die Zukunft.

Es fehlt Ihnen also an nichts?

Das Einzige, was mir wirklich fehlt, ist meine Familie, die noch in Kolumbien lebt. Ich habe wahnsinnige Sehnsucht nach meiner Frau und meinem dreijährigen Sohn. Ich vermisse sie sehr. Ich hoffe, dass ich sie Ende Juli endlich in die Arme schliessen kann.

Weshalb brachen Sie Ihre Zelte in der Schweiz ab und lebten in Kolumbien?

Ich war in Zürich nicht mehr glücklich. Das hatte überhaupt nichts mit dem FCZ zu tun, sondern einzig mit meiner persönlichen Situation. Ich musste einfach für mich gewisse Dinge im Leben klären, die ich schon lange im Kopf hatte. Sachen, die mich permanent beschäftigten.

Was für Sachen?

Ich habe meine Karriere in jungen Jahren in der Schweiz lanciert. Aber es ging für mich dann alles viel, viel zu schnell. Ich wurde in Europa von einem Club zum anderen herumgereicht. Holland, Italien, Österreich. Und als ich etwas älter wurde, habe ich immer mehr gespürt, dass ich lange überfordert war. Dafür musste ich Tribut zollen. Ich hatte einfach keine Energie mehr. In dieser Phase wurde mir klar, dass ich zwingend etwas in meinem Leben ändern muss. Als schweizerisch-kolumbianischer Doppelbürger hatte ich auch immer Kolumbien im Kopf. Ich war überzeugt, dass ich meine Probleme nur in diesem Land und nicht in der Schweiz lösen könne.

Und offenbar konnten Sie diese dort lösen.

Das konnte ich, ja. Ich habe dort auch gemerkt, dass ich nicht unbedingt ein typischer Kolumbianer bin. Ich konnte in Kolumbien auch einige Dinge mit meinem leiblichen Vater klären und ausdiskutieren. Ich hatte meinen Vater erstmals kennengelernt, als ich noch beim PSV Eindhoven spielte. Bei einem Spiel der Champions League hat er mich in Holland besucht und mir in einem belanglosen Gespräch gesagt, er sei mein Vater. Ich wollte ihn in Kolumbien besser kennenlernen und auch erfahren, wer eigentlich meine Halbbrüder und Halbschwerstern sind, wer meine Cousinen und Cousins. Ich habe mich während meiner Auszeit auch selber besser kennengelernt. Ich bin jetzt mit mir im Reinen. Und das gibt mir die Kraft, mich wieder voll und ganz auf meine grosse Leidenschaft zu fokussieren. Und das ist der Fussball. Fussball ist mein Leben. Ich habe im Übrigen nie meinen definitiven Rücktritt vom Spitzensport gegeben, wie das in gewissen Medien fälschlicherweise verbreitet wurde.

Sie haben lange gesagt: «Mein Leben ist und gehört Jesus.» Jetzt sagen Sie, Ihr Leben sei der Fussball.

Ich werde nicht mehr über meinen Glauben und Religion sprechen. Das ist Privatsache. Darüber wurde so viel spekuliert und geschrieben, vieles wurde vermischt. Und vieles wurde völlig falsch dargestellt. Zum Beispiel war ich nie Mitglied bei den Siebenten-Tags-Aventisten. Ich möchte deshalb einfach nicht mehr über die Vergangenheit reden, sondern nur noch nach vorne schauen. Bitte, verstehen Sie das.

Das akzeptieren wir. Aber Sie sind sich schon bewusst, dass Ihr Image zuletzt nicht sonderlich gut war. Offenbar wollten Sie aus Glaubensgründen an Samstagen nicht Fussball spielen.

Mein Image war zwischenzeitlich tatsächlich beschädigt. Am schlechten Image bin aber nur ich selber schuld.

Weshalb?

Ich habe einfach zu lange zugemacht und habe mich mit meinen Problemen eingeschlossen. Ich hätte besser kommunizieren und transparenter sein müssen. Ich hätte sagen sollen, weshalb ich eine Auszeit benötige. Ich hätte erklären sollen, weshalb ich ausgerechnet in Kolumbien gewisse Dinge für mein Leben regeln muss. Aber das habe ich nicht gemacht. Das war ein Fehler, denn dadurch entstanden viele Irritationen und wie gesagt die wildesten Spekulationen, wie es um mich steht.

Es gab Clubs wie beispielsweise den FC Basel, für die Sie wegen Ihres schlechten Image von vornherein nicht infrage kamen. Können Sie das verstehen?

Ich kann es bedingt verstehen.

Weshalb?

Ich denke, dass man einen Menschen eigentlich nur nach einem persönlichen Gespräch schlüssig beurteilen kann. Nach einem solchen Dialog könnte man mir dann ins Gesicht sagen, weshalb ich nicht infrage komme. Damit hätte ich überhaupt kein Problem.

Für GC kamen Sie aber infrage. Am Sonntag geben Sie in St. Gallen Ihr Comeback in der Schweiz. Sind Sie schon nervös?

Nein, noch nicht. Aber das wird sich bis am Sonntag bestimmt ändern.

Sie wirken nicht nur mental stark, sondern auch physisch. Sie wirken austrainiert.

Sie meinen mein kleines Sixpack am Bauch. Ja, ich bin topfit. Aber das ist auch das Verdienst von vielen anderen Menschen. Ich bin dem ganzen FC Wohlen und Trainer David Sesa dankbar, dass ich dort trainieren durfte. Der Club hat für mich sogar Testspiele organisiert, weil ich für die Meisterschaft nicht spielberechtigt war. Andy Ladner von der Spielerberatungsagentur Footuro hat mich fast rund um die Uhr betreut und begleitet. Er hat mit mir auch an Sonntagen trainiert und Sonderschichten geschoben, auch wenn er eigentlich bei seiner Familie hätte sein müssen. Ohne diese Hilfe hätte ich die Rückkehr in den Fussball niemals geschafft.

Was trauen Sie GC in dieser Saison zu?

Wir hatten mit Steven Zuber nur einen Abgang. Die Mannschaft hat sehr viel Qualität. Und wenn wir diese auf den Platz bringen, dann können wir wie in der letzten Saison vorne mitspielen.

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