Hodgsons ungestillte Leidenschaft

Im August wird Roy Hodgson 72, und trotzdem kann er nicht vom Fussball lassen. Mit Crystal Palace ist er wegen des Uhrencups zurück in der Schweiz.

Hodgson übernahm Crystal Palace am Tabellenende, seither beendete der Club die Meisterschaft zweimal im Mittelfeld. Foto: M. Meienberger (Freshfocus)

Hodgson übernahm Crystal Palace am Tabellenende, seither beendete der Club die Meisterschaft zweimal im Mittelfeld. Foto: M. Meienberger (Freshfocus)

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Als er 28 war und am Anfang ­seiner Karriere, dachte Roy Hodgson: «Ich bin nicht länger Trainer als bis 40.»

Als er 44 war und neuer Chef der Schweizer Nationalmannschaft, sagte er: «Wenn ich einmal zurückgetreten bin, soll es von mir heissen, ich sei ein guter Trainer gewesen.» Das war Anfang 1992.

Und jetzt? Ist aus ihm kein (Früh-)Rentner geworden, dafür ein Coach, der vom Fussball nicht lassen kann. Im August wird er 72, und trotzdem scheut er sich nicht, noch immer in der Premier League zu arbeiten.

Das ist ja nicht irgendeine Liga, sondern vielleicht die schwierigste überhaupt, um zu bestehen. Hodgson würde sie nicht über eine andere Liga stellen, so ist er nicht gestrickt. Wer jedoch als Trainer in Englands Topliga unterkommt, darf das als grosses Privileg sehen.

Hodgson sagt: «Die Leute denken, der Fussball sei eine Frage von Geheimnissen. Es ist eine Frage der Arbeit.»

Crystal Palace heisst Hodgsons Arbeitgeber. Das ist nicht die aufregendste Adresse in England, aber es ist einer dieser Clubs, die das Leben in der Premier League auch für die ganz Grossen so zäh machen. Palace schaffte es letzte Saison als einzige Mannschaft, bei Manchester City zu gewinnen. Nach dem Spiel, einem 3:2, traf Hodgson auf Fabian Delph. Ihn kannte er aus seiner Zeit als Nationalcoach Englands, und von Delph hörte er, dass Pep Guardiola vor diesem Spiel die längste Teamsitzung abgehalten habe.

Hodgson sitzt auf der Tribüne des kleinen Stade Municipal von Yverdon, als er Anfang Woche davon erzählt. Er würde sich das nicht anmerken lassen, aber wenn er so etwas hört wie von Delph, geht das bei ihm runter wie Öl. Denn für ihn heisst das eines: Seine Teams sind perfekt organisiert, sie tragen die Handschrift eines Mannes, der zwischen Mittellinie und eigenem Sechzehner die entscheidende Zone sieht.

Einst ein Wunderkind

Er ist für den Uhrencup und die Spiele am letzten Mittwoch gegen Luzern und heute gegen YB in die Schweiz zurückgekommen, in das Land, das er mag und in dem er tiefe Spuren hinterlassen hat. Natürlich war er vorher in Schweden so etwas wie ein Wunderkind der Szene gewesen, weil er das kleine Halmstad 1976 aus dem Nichts heraus zum Meistertitel führte, 29 war er damals. Aber die Schweiz hat er geprägt, weil er sie 1994 erstmals nach 28 Jahren an die WM führte und die Ausbildungsarbeit des Verbandes nachhaltig beeinflusst hat.

«Die Schweiz hat mich zu dem Trainer gemacht, der ich heute bin», sagt Hodgson. Er sieht fit aus, gut, die Fingernägel sind angeknabbert wie seit jeher, aber die Tränensäcke aus seinen dunklen letzten Tagen als Nationaltrainer Englands, als er an der EM 2016 den Achtelfinal gegen Island verlor, sind verschwunden. Ein Jahr hatte er nach jener schmachvollen Nacht in Nizza nicht mehr gearbeitet. Gelangweilt hat er sich in dieser Zeit nicht, er wusste sich schon zu beschäftigen zusammen mit seiner Frau, «aber mir hat etwas gefehlt», sagt er. Dann kam, es war im September vor zwei Jahren, das Angebot von Crystal Palace.

Guardiola wäre da nicht zusammengezuckt, für Hodgson dagegen war das etwas anderes. Palace ist der Club seiner Kindheit, auf den Terrassen des Selhurst Park stand er, als das grosse Real Madrid mit Di Stefano und Puskas für ein Freundschaftsspiel vorbeischaute. Hier versuchte er später selbst, sich als Spieler durchzusetzen. Er scheiterte, weil ihm das Talent dafür fehlte.

Crystal Palace ist chancenlos gegen die Grossen der Premier League. Hodgson aber muss nicht darben.

Hodgson war in Croydon als Sohn eines Busfahrers aufgewachsen, nur ein paar Kilometer vom Selhurst Park entfernt, diesem alten, aber so stimmungsvollen Stadion. Croydon liegt im Süden Londons, es mag nach nichts tönen, «aber es ist eine Stadt, grösser als Lausanne», sagt Hodgson. Als Palace rief, war es nach vier Spielen mit null Punkten und null Toren Tabellenletzter. Hodgson tat, was er immer getan hat: Er hat mit seinen Spielern zielgerichtet gearbeitet.

Was ist das Geheimnis seines Erfolges?, wird er in Yverdon gefragt. «Kein Geheimnis», sagt er, «die Leute denken, der Fussball sei eine Frage von Geheimnissen. Es ist eine Frage der Arbeit. Es geht darum, mit den Spielern zu kommunizieren, sie davon zu überzeugen, dass sie das Beste für die Mannschaft geben. Es geht um simples Man-Management, um eine klare Philosophie, um die Persönlichkeit eines Trainers. Ich weiss nicht, ob die Trainer von Manchester City und Liverpool mehr wissen als der Rest von uns. Aber sie haben eine enorme Persönlichkeit. Und sie wissen, wie sie die einsetzen müssen, um das Beste aus den Spielern herauszuholen.»

Es ist ein Monolog, schnell vorgetragen. Er ist in seinem Element, weil er über seine Leidenschaft reden kann. Dank ihr hat er die Welt gesehen und an vielen Orten gearbeitet, auch in Dänemark, Norwegen, Italien, den Arabischen Emiraten, in Australien, Finnland. Nicht alles lief immer gut. Er war bei Inter Mailand und verlor 1997 den Uefa-Cup-Final gegen Schalke, er wurde bei Blackburn nach etwas mehr als einem Jahr entlassen, er hatte keine gute Zeit bei GC, er konnte sich in Liverpool nicht durchsetzen und schien laut «Times» Gefahr zu laufen, «der vergessene Mann des englischen Fussballs zu werden».

Seine Ehefrau hat ihm geholfen, all die Prüfungen zu überstehen, die der Fussball bereithält.

Als sie das schrieb, war er 60 und übernahm Fulham in grösster Abstiegsgefahr. Zweieinhalb Jahre später, 2010, stand er mit dem kleinen Londoner Club im Final der Europa League. Über die Jahrzehnte hat er gelernt, nicht in der Vergangenheit zu leben. «Erfahrung ist wichtig, aber sie kann gefährlich sein», sagt er, «man darf nicht sagen, was vor 20 Jahren funktionierte, tut es auch heute noch. Man darf nicht in der Vergangenheit stehen bleiben. Die Schwierigkeit ist, sich mit der Zeit zu bewegen.»

Ihm ist das gelungen, wohl auch dank seiner Frau. Sie hat ihm geholfen, all die Prüfungen zu überstehen, die der Fussball bereithält, all die Kritik zu ertragen wie gerade nach dem Scheitern gegen Island, als ihm ehemalige Nationalspieler wie Alan Shearer oder Ian Wright vorhielten, er habe keine Ahnung, und seine Mannschaft sei Müll.

«Eine gute Zeit gehabt»

Zweimal führte Hodgson Palace sicher ins breite Mittelfeld der Premier League. Das ist schon ein Erfolg für einen Club, der zwar 190 Millionen Franken umsetzt und trotzdem finanziell nicht annähernd die Mittel hat, um mit den Citys und Liverpools mitzuhalten. Hodgson selbst braucht nicht zu darben. Sein Jahresgehalt wird auf 3,5 Millionen Franken geschätzt.

Bis nächsten Sommer läuft sein Vertrag mit Palace. Auf dem Trainingsplatz wird er sich weiter um die taktische Arbeit kümmern und die Spieler in unverkennbar deutlichem Ton korrigieren, wie er das auch in Yverdon tut. Den ganzen Rest überlässt er seinen vielen Mitarbeitern.

Er sagt: «Vielleicht habe ich ein weiteres gutes Jahr. Und wenn es eines Tages nicht mehr weitergeht, bin ich auch nicht untröstlich.» Wieso nicht? «Weil ich eine gute Zeit gehabt habe.»

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