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Hertha gegen Klinsmann: «Widerlich, perfide und ungehörig»

Jürgen Klinsmann hat Hertha BSC einer Analyse unterzogen. Das gefällt Manager Michael Preetz gar nicht, der Verein behält sich rechtliche Schritte vor.

Hält die Angriffe aus: Michael Preetz. (Bild: Getty Images)
Hält die Angriffe aus: Michael Preetz. (Bild: Getty Images)

Mit einem tagebuchähnlichen «Protokoll» seiner knapp dreimonatigen Zeit bei Hertha BSC, das in einer Putschaufforderung gegen die Clubführung gipfelt und die abgedroschene Floskel von der sprichwörtlichen Bombe verdient, hat Jürgen Klinsmann die Statik beim Berliner Fussball-Bundesligisten einer massiven Prüfung unterzogen. Das 22-seitige Dokument sei authentisch und war, wie aus Klinsmanns Umfeld verlautete, als Analyse seiner Zeit bei Hertha gedacht. Adressat: Die «Tennor»-Gruppe von Herthas Grossinvestor Lars Windhorst, die für 224 Millionen Euro die Hälfte der Profiabteilung von Hertha BSC gekauft hat.

Windhorst hatte das Hertha-Ehrenmitglied Klinsmann Anfang November 2019 als Aufsichtsrat installiert, wenige Wochen später übernahm der frühere Bundestrainer überraschend den Berliner Trainerposten von Ante Covic. Nun zog Klinsmann öffentlich Bilanz, seine Analyse erschien am Mittwoch in der Sport-Bild. Herthas Manager Michael Preetz erklärte, der Club behalte sich rechtliche Schritte vor. Es stehe ausser Frage, «dass mit einer solchen Aktion der Verein Schaden nimmt».

In seiner Betrachtung lässt Klinsmann zwei Wochen nach seinem Rücktritt bei Hertha im Grunde keinen Stein auf dem anderen. Vor allem Preetz wird massiv angegriffen. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, eine «Lügenkultur» etabliert zu haben. Zudem habe er «katastrophale Versäumnisse» in allen Bereichen zu verantworten, die mit Leistungssport zu tun haben. Im Spiel gegen den FC Bayern (0:4) habe Preetz den Schiedsrichter mit «niveaulosen Beleidigungen» traktiert. «Was muss passieren, um diesen Club wirklich nach oben zu bringen: Die Geschäftsleitung muss sofort komplett ausgetauscht werden», schreibt Klinsmann. Eine Forderung, die auch in Kreisen der Hertha-Fans wegen der Stagnation des Clubs diskutiert wird.

Ein einziges Missverständnis mit wüstem Nachspiel: Jürgen Klinsmann als Trainer von Hertha Berlin. (Bild: Getty Images)
Ein einziges Missverständnis mit wüstem Nachspiel: Jürgen Klinsmann als Trainer von Hertha Berlin. (Bild: Getty Images)

Manager Preetz erklärt, die Angriffe seien «widerlich, unverschämt, perfide, ungehörig»

Aus Klinsmanns Schilderungen wird deutlich, dass er sich nie, auch nicht als Aufsichtsrat, willkommen gefühlt und später bei öffentlichen Konfliktthemen (wie seiner anfangs ungültigen Trainerlizenz) allein gelassen und sogar hintergangen gefühlt habe. Einen Anflug von Selbstkritik sucht man in der Schrift vergeblich. Dafür klagt Klinsmann über Trägheiten und – nachvollziehbar – über eine zu grosse Nähe von Preetz oder Paul Keuter, Mitglied der Geschäftsleitung, zur Mannschaft. Beide hätten sogar Spinde im Heiligsten einer Fussballmannschaft, in der Kabine.

Preetz sagte am Mittwoch, Klinsmann habe seine Vorwürfe intern niemals gegenüber irgendeiner Person geäussert. Dem steht das Wort Klinsmanns entgegen, der sagte, er habe bereits Anfang Januar wegen stockender Vertragsgespräche mit Rücktritt gedroht. Dem Papier zufolge sei das nach einem Telefonat zwischen Investor Windhorst und Präsident Gegenbauer wieder vom Tisch gewesen. Aus der Feder von Klinsmann liest es sich, als habe Windhorst in diesem angeblichen Telefonat in herrischem Ton «Klartext» mit dem Präsidenten geredet. Dabei habe er unmissverständlich deutlich gemacht, dass es nur mit Klinsmann einen Börsengang, eine Aufstockung des Investments um 150 Millionen Euro sowie Werbeverträge mit Konzernen wie Tesla oder Amazon gebe werde. Daher solle der Vertrag mit Klinsmann endlich geschlossen werden.

Gegenbauer wehrt sich gegen «schäbige Angriffe»

Ein Windhorst-Sprecher erklärte, dass man das Klinsmann-Dossier als «internen Vorgang» betrachte, den man «nicht öffentlich kommentieren» werde. Hertha BSC wiederum erklärte, dass «nahezu sämtliche (...) Vorwürfe und Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen». Auf Details wolle man nicht eingehen.

Gleichwohl: Mit ihrer Empörung hielten die Hertha-Verantwortlichen nicht hinterm Berg. Vereinspräsident Gegenbauer erklärte, man werde nun Zeuge, wie Klinsmann «abermals versucht, mit absurden Behauptungen seinen Rücktritt zu rechtfertigen». Gegenbauer verwahrte sich vor allem gegen «die schäbigen Anschuldigungen gegen die Mitarbeiter der Abteilungen Medizin und Medien». Ihnen hatte Klinsmann im Grunde jede Art von Kompetenz und Dynamik abgesprochen.

Preetz sagte, er selbst halte die Angriffe aus. Klinsmanns Angriffe gegen das Bodenpersonal der Hertha seien jedoch «widerlich, unverschämt, perfide und ungehörig»: Er attackiere Menschen, die sich 24 Stunden am Tag für den Verein zerreissen. Zu den wenigen Figuren, die Klinsmann nicht kritisierte, zählte der von ihm selbst als «Performance Manager» installierte Ex-Profi Arne Friedrich. Er schule die Profis «holistisch». Der sogenannte Holismus, auch Ganzheitslehre genannt, gilt als die Vorstellung, dass natürliche Systeme und ihre Eigenschaften als Ganzes und nicht nur als Zusammensetzung ihrer Teile zu betrachten sind.

Woran Hertha als Tabellen-14. im Abstiegskampf konkret zu knabbern haben wird: Klinsmann kanzelte einen Grossteil der Mannschaft ab, sie sei zu satt und zu alt. Klinsmann klassifiziert jeden einzelnen Profi – selten nach fussballerischen Fähigkeiten, mitunter nach Teamfähigkeit, stets aber nach dem potenziellen Verkaufswert. Captain Vedad Ibisevic sei zwar ein «super Typ», aber: «leider zu alt, kein Mehrwert». Der teure Sommereinkauf Dodi Lukebakio habe «grosses Talent», sei aber «nicht leidensfähig» und gehöre «eher» unter die «Rubrik Fehleinkauf von Preetz».

Einer ein alter super Typ. Der andere ein grosses und nicht leidensfähiges Talent: Klinsmanns Fazit zu Vedad Ibisevic (rechts) und Dodi Lukebakio. (Bild: Getty Images)
Einer ein alter super Typ. Der andere ein grosses und nicht leidensfähiges Talent: Klinsmanns Fazit zu Vedad Ibisevic (rechts) und Dodi Lukebakio. (Bild: Getty Images)

Interessant wird zu sehen sein, inwiefern die Mannschaft diese Urteile dem jetzigen Trainer Alexander Nouri und seinem Assistenten Markus Feldhoff anlastet. Auf die Frage, ob er die Klinsmann-Urteile teile, wand sich Nouri. Er habe «keine Zeit gehabt, das alles zu lesen», sagte der Coach. Er war zusammen mit Klinsmann Ende November nach Berlin gekommen und hatte zuletzt zwei Spiele hauptverantwortlich die Mannschaft geleitet. Am vorigen Samstag kassierte er ein 0:5 gegen Köln, am Freitag muss er mit Hertha zum Abstiegsrivalen Fortuna Düsseldorf reisen. Man darf wohl bezweifeln, dass der turbulent geschiedene Klinsmann ihm einen Gefallen getan hat, als er eine «dringende Empfehlung» niederschrieb: «Lasst Alex Nouri und das Trainerteam die Saison auf jeden Fall zu Ende bringen. Die Mannschaft weiss, dass er nach wie vor eng mit dem alten Trainerstab kommuniziert.»

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