Heimatland noch mal

Die Debatte über die Pfiffe gegen Haris Seferovic überlagert die Freude über die WM-Qualifikation. Im Grunde geht es aber um das Identifikationspotenzial der Schweizer Auswahl.

Tränen der Nation: Der Schweizer Trainer Vladimir Petkovic tröstet Haris Seferovic am Sonntagabend nach den Pfiffen gegen den Stürmer im Basler St.-Jakob-Park.

Tränen der Nation: Der Schweizer Trainer Vladimir Petkovic tröstet Haris Seferovic am Sonntagabend nach den Pfiffen gegen den Stürmer im Basler St.-Jakob-Park. Bild: Freshfocus

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Die Schweiz qualifiziert sich für die Fussball-WM 2018 – und das ganze Land diskutiert über die Pfiffe gegen Haris Seferovic. Der glücklose Stürmer flog bereits am frühen Montagmorgen nach kurzer Nacht zurück nach Lissabon und zu Arbeitgeber Benfica. Zu Hause tobt die überdrehte Diskussion, wie schlimm das Pfeifkonzert gegen Seferovic im St.-Jakob-Park am Sonntag gegen Nordirland war.

«Die Tränen von Haris sind menschlich», sagt Nationaltrainer Vladimir Petkovic. «Kritik ist kein Problem, aber während eines Spiels sind Pfiffe unpassend.» Deutlich schärfer artikuliert sich Verbandspräsident Peter Gilliéron: «Ich bin ­vieles gewohnt, die Schweizer sind nicht gerade begeisterungsfähig. Und einige Zuschauer brauchen ein wenig Erziehung.»

Man kann zu den Pfiffen stehen, wie man möchte, selten sind solche Unmutsbekundungen nicht. Fussball ist ein emotionales Geschäft. In Deutschland etwa wurde der wegen mehrerer Schwalben und seines Klubs RB Leipzig umstrittene Angreifer Timo Werner erst kürzlich an Länderspielen von deutschen Fans ausgepfiffen und beschimpft.

Reales im Virtuellen

Ohnehin ist der Fussball mal wieder nur das Spiegelbild einer Gesellschaft, in der sich Wutbürger im Internet niveaulos austoben dürfen. Und letztlich ist die hitzige Pfiffdebatte eine Stellvertreterdiskussion. Es geht in den Kommentaren oft um Vaterlands­ehre und Spieler, welche die Nationalhymne nicht singen, um die vielen Secondos und darum, wie stark man sich mit der Auswahl identifizieren kann, darf, will.

Es ist eine Debatte, die der Fussballverband nicht führen möchte – und die in diesen globalisierten Zeiten in aufgeklärten Kreisen nicht ernst genommen werden kann. Es tut sich mal wieder ein Graben in der Bevölkerung auf, Stadt und Land, die da oben und die da unten, alles vermischt sich in den Emotionen.

Der angebliche Balkangraben im Schweizer Team wurde von den Verantwortlichen 2015 souverän wegmoderiert, der ganze Rauch im Fall Seferovic wird sich auch bald verzogen haben. Die unschöne Debatte um den starken Migrationshintergrund in der Auswahl aber bleibt. Man mag das unverständlich finden, verleugnen kann man es nicht. Man muss sich nur mal durch die Wortmeldungen scrollen in der virtuellen Welt. Dann erkennt man die reale Welt.

Verzettelte Fanszene

Es sind ja vor allem Menschen aus ländlichen Kantonen, die an Länderspiele gehen, Menschen also, die mehr Mühe damit haben als die urbane Bevölkerung, wie sich das Nationalteam zusammensetzt. Von richtigen und anderen Schweizern sprach einst sogar der Schweizer Captain Stephan Lichtsteiner. Es ist eine Wortwahl, die den Zeitgeist voll trifft.

Und man fragt sich: Kann sich die Schweiz – Heimatland noch mal – nicht mal mehr richtig über eine WM-Teilnahme freuen?

Andererseits: Den bedingungslosen, leidenschaftlichen Support fürs Nationalteam gibt es im Prinzip nur in sehr patriotischen Ländern und in Nationen mit einer schwachen Liga. Wie in Nordirland. Vielerorts aber sind die Fanszenen verzettelt, aus sportlichen wie politischen Gründen. Der Konflikt um Katalonien und die ständigen Streitereien im spanischen Nationalteam um die Akteure von Real Madrid und Barcelona sind nur ein prominentes Beispiel.

Im Übrigen ist das Nationalteam ein Opfer des eigenen Erfolges, die WM-Teilnahme wird von vielen als Selbstverständlichkeit betrachtet. Und neu ist die fehlende Euphorie sowieso nicht. Vor acht Jahren sicherte sich die Schweiz ebenfalls in Basel ebenfalls mit einem 0:0 das Ticket für die WM 2010. Nach der Nullnummer gegen Israel dauerten die Feierlichkeiten im Stadion vielleicht fünf Minuten, die Spieler drehten eine kurze Ehrenrunde, die Leute gingen nach Hause.

Coup mit Sternchen fehlt

Dabei haben es ausser der Schweiz nur ganz grosse Fussballländer Europas geschafft, sich viermal in Serie für die WM zu qualifizieren. Es ist eine starke Leistung, doch womöglich fehlt der Coup mit Sternchen in all den schönen Jahren.

Es gab Coups, der Startsieg an der WM 2010 gegen den späteren Weltmeister Spanien, das 2:0 letztes Jahr gegen den frischen Europameister Portugal, das fette Ausrufezeichen aber setzte diese talentierte Generation noch nicht. Die nächste Gelegenheit bietet sich im Sommer in Russland. Schiesst Haris Seferovic dort ein entscheidendes Tor, vielleicht im WM-Achtel­final, ist er ein Nationalheld.

Man muss die riesige Bedeutung des Fussballs nicht ver­stehen. Aber man muss sie begreifen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 06:38 Uhr

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