Härte, Hitze und Spektakelfussball

Der am Freitag startende Africa Cup of Nations findet erstmals im Juni statt. Ein Insider erzählt von seinen Erfahrungen – und ärgert sich über den Austragungsort.

Am Freitag beginnt in Ägypten der Afrika Cup. Stars wie Salah, Mané und Mharez sollen fürs Spektakel sorgen.

Am Freitag beginnt in Ägypten der Afrika Cup. Stars wie Salah, Mané und Mharez sollen fürs Spektakel sorgen.

(Bild: Keystone Hassan Ammar)

Blutgrätsche von hinten, der Schiedsrichter pfeift. Mit schmerzverzerrtem Gesicht wälzt sich der Spieler am Boden. Anstatt den Übeltäter zu bestrafen, läuft der Unparteiische zum Gefoulten und sagt ihm, er solle aufstehen.

Der Leidtragende ist Yassin Mikari, ein ehemaliger Super-League-Spieler (GC und Luzern). Die Szene ereignete sich in seinem ersten Spiel an einem Africa Cup of Nations am 23. Januar 2008 beim 2:2 gegen Senegal. In Afrika werde härter gespielt, erzählt der mittlerweile zurückgetretene 40-fache tunesische Nationalspieler: «Daran musst du dich schnell gewöhnen.»

In der Hitze Ägyptens

Erstmals in der Geschichte wird der Afrika-Cup im Juni ausgetragen. Dafür hat Mikari wenig Verständnis: «In Ägypten, bei 40 Grad im Schatten spielen zu müssen, das ist unmenschlich.» Der neue Austragungstermin hat aber einen grossen Vorteil: So können endlich alle Spieler teilnehmen, ohne dabei um ihren Stammplatz im Club fürchten zu müssen. Bis anhin fehlten die in Europa engagierten Spieler ihren Vereinen alle zwei Jahre im Januar während der Meisterschaft.

«In Ägypten, bei 40 Grad im Schatten spielen zu müssen, das ist unmenschlich», sagt Yassin Mikari. (Bild: Anesh Debiky/Gallo Images/Getty Images)

Eigentlich hätte die Endrunde im etwas milderen Kamerun gespielt werden sollen, doch aufgrund von Verzögerungen bei Infrastrukturvorhaben an den Spielorten sowie politischer Spannungen zwischen Regierung und dem englischsprachigen Teil des Landes hat der Fussballverband CAF im Januar Kamerun das Turnier entzogen. Durch die Neuvergabe ist Ägypten zum fünften Mal Gastgeber des Afrika-Cups. Das Heimteam gilt als einer der Topfavoriten. Wie sich einige Nationen den Heimvorteil zunutze machen, weiss Mikari aus eigener Erfahrung.

In Afrika komme es oft vor, dass die gegnerische Mannschaft vor den Spielen schikaniert werde. Er erklärt: «Du fährst im Teambus zum Spiel. Plötzlich wird der Bus gestoppt. Dann sitzt du bis zu einer Stunde im Bus fest – ohne Klimaanlage.» Auch die frenetischen Fans werden alles daran setzen, dass der Titel zum achten Mal und erstmals seit 2010 wieder an Ägypten geht.

«Makellos über 85 Minuten, dann ein Bock»

Auf den Schultern von Mohamed Salah ruht die ganze Hoffnung der Bevölkerung. Der ehemalige Basel-Stürmer ist der beste Spieler des Kontinents und der erste Ägypter, dem es gelang, die Champions League zu gewinnen. Neben dem Liverpool-Star stehen mit Mohamed Elneny (Arsenal), Ahmed Elmohamady (Aston Villa) und Ahmed Hegazy (West Bromwich Albion) drei weitere Premier-League-erfahrene Spieler im Kader.

«Die Disziplin ist das grösste Manko im afrikanischen Fussball.»Yassin Mikari

Die Nordafrikaner seien eine der wenigen Mannschaften, die auch defensiv gut organisiert und diszipliniert spielen, findet Mikari. «Die Disziplin ist überhaupt das grösste Manko im afrikanischen Fussball», sagt der frühere Profi, der auch in der Ligue 1 bei Sochaux spielte. «Es fängt bei einfachen Dingen wie der Pünktlichkeit an und zieht sich weiter bis ins Spiel. Da kann eine Mannschaft über 85 Minuten fast makellos auftreten, bis dann der letzte Mann ein unnötiges Dribbling versucht, den Ball verliert und dem Gegner somit ein Tor ermöglicht.»

Das Niveau sei aber allgemein sehr gut, technisch und physisch gar besser als in Europa, weiss der heutige Juniorentrainer von GC. Dass neu 24 statt wie zuvor 16 Mannschaften am Turnier teilnehmen, dürfte der Qualität der Spiele keinen Abbruch tun. Einige Schwergewichte des afrikanischen Fussballs sind bereits in der Qualifikation an vermeintlich schwächeren Teams gescheitert. Darunter auch Sambia, der Afrika-Cup-Sieger 2012. Arsenals Pierre-Emerick Aubameyang schaffte es mit Gabun ebenfalls nicht an die Endrunde. Auch Togo, der WM-Teilnehmer von 2006, konnte sich nicht qualifizieren. Dafür sind mit Burundi, Madagaskar und Mauretanien gleich drei Nationen erstmals dabei.

Die Topfavoriten

Dass die Neulinge für grosse Überraschungen sorgen könnten, bezweifelt Mikari zwar, er sagt aber, dass jedes Land über einige erstklassige Spieler verfüge. Deshalb dürften sich auch die grossen Nationen nie zu sicher fühlen. Er spricht neben dem Gastgeber unter anderem auch sein Heimatland an. Die Tunesier haben vor zehn Tagen WM-Finalist Kroatien geschlagen.

Einer der grossen Stars am Afrika Cup: Sadio Mané von Champions-League-Sieger FC Liverpool. (Bild: Keystone/François Mori)

Mit vielen vorzüglichen Spielern besetzt, gehört Senegal ebenfalls zu den Titelanwärtern. Angeführt wird das Team von Flügelstürmer Sadio Mané (Liverpool) und Innenverteidiger Kalidou Koulibaly (Napoli). Auch die Elfenbeinküste mit Roger Assalé (YB) und Geoffroy Serey Die (FC Basel) zählt Mikari zu den besten Mannschaften des Kontinents. Hinzu kommen Marokko um Shooting-Star Hakim Ziyech, der mit Ajax in der Champions League für Furore sorgte, sowie Nigeria und Titelverteidiger Kamerun.

Für Spannung im Kampf um die begehrteste Trophäe Afrikas dürfte auf jeden Fall gesorgt sein. Mikari freut sich auf die Spielweise der vielen talentierten Fussballer: «Sie dribbeln, suchen den Abschluss, bleiben hängen und versuchen es kurz darauf wieder aufs Neue. Diese Unbekümmertheit fehlt heutzutage im europäischen Fussball.»

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