«Purer Sexismus»

Bibiana Steinhaus schreibt Geschichte und dringt vollends in die Männerdomäne Fussball ein. Sie wird die erste Schiedsrichterin der ersten Bundesliga. Die Reaktionen sind gewaltig.

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Bisher durfte die 38-jährige Polizistin Bibiana Steinhaus aus Hannover nur Spiele in der zweiten Liga arbitrieren. Im Oberhaus war sie bisher nur als vierte Offizielle zugelassen, musste sich dort unter anderem mit dem damaligen Startrainer der Bayern, Pep Guardiola, herumschlagen, dem sie einst sogar dessen Hände von ihrer Schulter mit einer energischen Handbewegung wegputzen musste.

Auf der Homepage des deutschen Fussballbundes erklärte Steinhaus, sie habe Ungläubigkeit, Freude, Glück, Erleichterung und Neugier verspürt, als sie von ihrer Beförderung erfahren habe. Sie wolle an ihren Leistungen gemessen werden und nicht als Frau im Blickpunkt stehen.

«Respekt, Frau Steinhaus»

In der kommenden Saison tanzen die Profis in der Bundesliga, notabene der Weltmeisterliga, also nach der Pfeife der blonden Polizistin. Kann das gut gehen? Ilkay Gündogan, der deutsche Nationalspieler und Superstar bei Manchester City, gibt ihr schon mal Rückendeckung. Seine Botschaft auf Twitter: «Ein neues Kapitel braucht immer jemanden, der den Mut aufbringt, es zu schreiben. Meinen Respekt haben Sie, Frau Steinhaus.» Und den Kritikern lässt Gündogan ausrichten. «Es haben also alle Angst, dass eine Frau ihre Sache nicht so gut macht wie die Männer, über die sie sich jede Woche aufregen?»

Patrick Owomoyela, ein ehemaliger deutscher Nationalspieler, zeigt sich auf Twitter ebenfalls begeistert und macht Steinhaus ein grosses Kompliment: «Kenne Bibiana #Steinhaus schon aus meinen 2.Liga-Zeiten. Immer sympathisch und absolut kompetent. ÜBERFÄLLIG!»

Fudder-Autorin Tamara Keller ist entsetzt über gewisse Facebook-Einträge, von denen sie einige auflistet. Ein Blick in die Kommentarspalten genüge, um wieder alles zu hinterfragen. «Befinden wir uns wirklich im Jahr 2017 oder ein Jahrhundert davor?» Ganze sechs Minuten habe es gedauert, um unter dem Beitrag der Sportschau folgende Sätze zu lesen: «Das heisst neuerdings: Gibt es Küchen auf dem Fussballplatz?», «Die ist ja schon in der 2. Liga völlig überfordert!», «Davon wird die Küche auch nicht sauber ...», «Frauen haben im Männer-Fussball nichts zu suchen!», «Das ist doch nicht wahr, Frauen als Schiedsrichter beim Fussball ist der letzte Dreck». Kurz zusammengefasst sei das purer Sexismus.

Eine Schlagzeile zu einem Kommentar von Oskar Beck in der «Welt» lautet: «Mit Bibi Steinhaus kommt grosses Kino in die Bundesliga.» Ab der kommenden Saison pfeife mit Steinhaus die erste Frau in der Fussball-Bundesliga. «Das wurde auch Zeit. Denn wir Männer haben den Fussballkrieg der Geschlechter verloren», meint der Autor ironisch weiter und endet mit der Feststellung: «Frauen fahren inzwischen den Mannschaftsbus, Frauen machen die TV-Interviews auf dem Platz, und jetzt droht uns vollends der K.o. in Form der Frage: ‹Pfeifen Blondinen besser?› Viele glauben, dass Bibiana Steinhaus ihren Mann steht.»

Der deutsche Minister für Justiz und Verbraucherschutz, Heiko Maas, liess nach der Ernennung von Bibiana Steinhaus am letzten Freitag umgehend per Twitter ausrichten: «Schön, dass die Gleichberechtigung auch in der ersten #Bundesliga ankommt. Viel Erfolg Bibiana #Steinhaus»

tn

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