Faivres vergebliche Heldentat

Der FC Thun verliert bei Xamax 2:3 – Raphaël Nuzzolo schiesst die Neuenburger in der letzten Minute zum Sieg.

Guillaume Faivre pariert den Penalty von Raphaël Nuzzolo.

Guillaume Faivre pariert den Penalty von Raphaël Nuzzolo.

(Bild: Pascal Muller/Freshfocus)

Simon Scheidegger@theSimon_S

Die 56. Minute, sie hätte zu dem Moment werden können, den die Spieler des FC Thun in ihrer Analyse der Partie gegen Neuenburg Xamax als Schlüsselmoment identifizieren. 1:0 führen die Oberländer zu diesem Zeitpunkt. Dejan Sorgic verwertete die erste Möglichkeit der Thuner kurz vor der Pause.

Und sie tun dies eben immer noch, nachdem Raphaël Nuzzolo seinen Elfmeter in die rechte Torecke platziert, ihn aber von FCT-Torhüter Guillaume Faivre pariert sieht. Er habe den Sieg festgehalten, hätten die Teamkollegen wahrscheinlich nach dem Schlusspfiff gesagt. Doch die Parade des Neuenburgers in Thuner Diensten sollte nur zum Vorboten dessen werden, was die Equipe von Marc Schneider in den folgenden gut 37. Minuten erleben würde.

Aufsteiger Xamax liess sich nämlich ob des Fehlschusses des Topskorers nicht aus der Ruhe bringen, sondern suchte weiter mutig die Offensive. Pietro Di Nardo nutzte wenig später die Freiheiten, die ihm die Thuner Hintermannschaft gewährte, und als sich bei einem Eckball niemand für Marcis Oss zuständig fühlte und dieser wuchtig einköpfte, hatte Xamax innert sieben Minuten die Führung übernommen.

Die Passivität, die sich in der Pause ins Spiel der Thuner eingeschlichen zu haben schien, rächte sich innert kürzester Zeit. «In der zweiten Halbzeit hat uns die Geduld gefehlt», konstatiert Schneider. Nachdem seine Mannschaft das Spiel in der ersten Hälfte weitgehend kontrolliert hatte, ging diese Kontrolle nach dem Seitenwechsel verloren, was Schneider einerseits auf die aggressivere Spielweise des Gegners zurückführt, aber auch darauf, dass seinen Spielern der Mut gefehlt habe, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Es sind Mängel, die der 38-Jährige schon mehrmals festgestellt hat. Und wahrscheinlich hätten sie ihn weniger gestört, wenn die Thuner immerhin einen Punkt aus der Maladière mitgenommen hätten. Nach Basil Stillharts Kopfballtor eine Viertelstunde vor dem Ende sah es für die Oberländer nämlich lange nach der dritten Punkteteilung in Folge aus. Der vierte Treffer in den letzten fünf Spielen des St. Gallers sollte jedoch nicht der letzte bleiben.

Die gerissene Serie

Als Raphaël Nuzzolo durch die Katakomben schreitet, hat er seinen Sohn an der Hand. Er winkt den wartenden Journalisten zu und sagt mit einem breiten Grinsen, dass er gleich bei ihnen sein werde. Der 35-Jährige ist gut gelaunt, und das hängt primär damit zusammen, dass sie ihn nicht zur 56. Minute befragen wollen, nicht wissen wollen, weshalb am Sonntagabend die eindrückliche Serie von 19 verwandelten Elfmetern ein Ende fand und er erstmals in seiner Profikarriere vom Punkt scheiterte.

Was die Neuenburger Journalisten in diesem Moment viel mehr interessiert, ist, was in der 93. Minute passierte, als Nuzzolo sich den Ball vor dem Strafraum setzte, seinen Blick Richtung Tor richtete und wuchtig gegen den Ball drosch. «Ich wollte ihn einfach aufs Tor bringen», sagt Nuzzolo.

Da der Bieler den Ball genau zwischen den Köpfen von Grégory Karlen und Nicola Sutter hindurchzirkelte, die in der Mauer aufsprangen, wurde Faivre – der gute Freund Nuzzolos – derart irritiert, dass er sich in die falsche Richtung bewegte und nicht mehr reagieren konnte.

Es wäre der zweite Moment gewesen, in dem sich der Torhüter mit einer letzten Parade zum Helden hätte machen können, doch stattdessen blieb ihm nur das Hadern. Die Mauer habe sich nicht optimal verhalten, der Ball dürfe nicht obendrüber aufs Tor kommen. «Dadurch war ich irritiert», sagt Faivre.

Der Goalie schaut rüber zu Nuzzolo, der wenige Meter daneben doch noch über seinen verschossenen Elfmeter und die gerissene Serie spricht, und sagt: «Natürlich ist das für mich eine kleine Freude, aber mir wäre lieber gewesen, wenn wir gewonnen hätten.»

Berner Zeitung

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