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Eine Lokomotive, die alle einschüchtert

Christian Constantin ist Sion, und Sion ist Constantin. Er ist Präsident, Mäzen, Trainer — und gefürchtet, weil er kompromisslos um seinen Vorteil kämpft.

Immer vorneweg: Christian Constantin beim mehrstündigen Marsch mit den Spielern des FC Sion im Schnee von Saillon.
Immer vorneweg: Christian Constantin beim mehrstündigen Marsch mit den Spielern des FC Sion im Schnee von Saillon.
Keystone
Christian Constantin: Allein gegen die Kälte und seine zahlreichen Kritiker.
Christian Constantin: Allein gegen die Kälte und seine zahlreichen Kritiker.
Keystone
Trainer Constantin bei seinem ersten Training mit einem seiner zahlreichen Assistenten Jean-Claude Richard.
Trainer Constantin bei seinem ersten Training mit einem seiner zahlreichen Assistenten Jean-Claude Richard.
Keystone
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Im Wallis scheint die Sonne. In Martigny wartet der Sonnenkönig. Oder doch nur der Verrückte vom FC Sion?

Christian Constantin lässt auf sich warten. Über zwei Stunden hat er am Vormittag mit seinen Spielern trainiert, genauer: Er ist mit ihnen in den Hügeln von Saillon durch den Schnee marschiert, er in Strassenschuhen und immer vorneweg. Mit einstündiger Verspätung taucht er auf, nicht im Ferrari, im BMW-Jeep.

«Ja, ja immer voll drauf los, die Deutschschweizer»

Zur Begrüssung gibt es einen Händedruck, aber kein Wort, kein «allô». In der Ecke des Büros wacht der ausgestopfte kanadische Wolf, für 3000 Franken erstanden. Auf dem Sofa hört Constantin die Frage: «Sind Sie der Sonnenkönig oder einfach nur der Verrückte vom Wallis?», drückt sich in seine Ecke, lacht und lacht und entgegnet dann: «Ja, ja immer voll drauf los, die Deutschschweizer.»

Constantin: Inhaber eines Architekturbüros, 80 bis 90 Mitarbeiter, Vater von drei Kindern, 23, 14 und 10 Jahre alt, der Frau dankbar, dass sie die Kinder erzieht. Innert eines Jahres hat er in seinem Büro 11'800 Mails und Schreiben von Leuten erhalten, die ihm ihre Meinung mitteilten. Die Journalisten haben ihr Bild von ihm, die Verbandsfunktionäre in Bern ebenso. Er ist der Diktator, der macht, was er will, der alle einschüchtert, die ihm und seinen Plänen im Weg stehen. Er sagt: «Ich bin kein Politiker, der auf die Stimmen seiner Wähler angewiesen ist. Nur die Resultate auf dem Platz sagen mir, ob ich richtig oder falsch liege. Was in den Zeitungen über mich steht, ist mir egal. Ich lese nie etwas.» Das hindert seinen Anwalt nicht daran, schon mal einen Beschwerdebrief zu schreiben, wenn angebliche Fehlinformationen über Constantin in den Zeitungen stehen.

«Lieber kriminalisiert man mich»

Zwischen 1992 und 1997 war Constantin erstmals Präsident von Sion. Hinterliess, so die Geschichtsschreibung, 13,4 Millionen Franken Schulden. Kehrte er 2003 ins Amt zurück, als der Klub keine Zukunft mehr zu haben schien. Verhinderte als Erstes gerichtlich den Zwangsabstieg in die 1. Liga. Stand im Verdacht, Ende 2004 nach einem Spiel in Kriens einen Schieds- und Linienrichter (Von Känel und Gonzalez) tätlich angegriffen zu haben. Und drohte den zehn Mitgliedern der Kontroll- und Strafkommission des Fussballverbandes mit einer Schadenersatzklage von jeweils einer Million Franken, sollte er wirklich während 30 Monaten für alle Funktionen in seinem Klub gesperrt werden.

Vor zwei Monaten wurde er quasi begnadigt und seine Strafe auf eine viermonatige Platzsperre reduziert. Heute sagt er: Nie hörte ihn jemand von dieser Verbandskommission an, nie wollte jemand seine Version wissen. Und wenn man ihm das Gegenteil beweisen kann, dass er also doch vor dem Verband seine Version abgeben konnte, will er 5000 Franken für einen wohltätigen Zweck spenden.

Er erhebt sich von seinem Sofa und holt einen Ordner. Er findet nicht, was er sucht, erst im zweiten ist das Papier, das ihm so wichtig ist. «Hier», sagt er, «hier steht, dass ich den Klub 1997 nicht mit 13 Millionen Schulden übergab.» Die Treuhänder von STG-Coopers & Lybrand ermittelten bloss einen Verlust von 2'495'372.93 Franken, dem sie 23'330'000 Franken für den Transferwert der Spieler gegenüberstellten. «Ich bin reingewaschen», folgert Constantin. «Aber das ist ja nicht interessant für die Öffentlichkeit. Lieber kriminalisiert man mich.»

«Ist es mein Fehler, wenn ich Recht bekomme?»

Das ist Constantin pur: bis zum Letzten um das kämpfen, was er als sein Recht ansieht, den Gegnern mit Anwälten und Konsequenzen drohen. So wie er ist keiner im Schweizer Fussball: so dynamisch, so kompromisslos, so furchtlos vor den Instanzen, so ausdauernd im Kampf um seinen Vorteil. «Die Ausdauer nützt nur, wenn du gewinnst», sagt er. «Ist es mein Fehler, wenn ich Recht bekomme?»

Er bestellt bei seiner Sekretärin den nächsten Espresso, freundlich, mit sanfter Stimme. Er duzt alle, auch die, die er das erste Mal sieht. Es hindert ihn nicht daran, die Trainer in einer Kadenz zu verschleissen, die im kleinen Land einmalig ist. Er reckt sich in seinem Sofa und behauptet: «Es sind nur 12.» An den Fingern beginnt er abzuzählen: von Brigger über Bigon und Richard (beide mehrmals im Amt) bis Stielike. «Macht 15», findet er heraus, «mit mir 16.» Er lacht, als hätte er den Scherz des Jahres gemacht. Dass Smajic («mit der Ambulanz vom Trainingsplatz geholt»), Bigon («Operation am Herz»), Chapuisat («eine Nacht im Spital verbracht») oder zuletzt Stielike bei ihrer Arbeit im Wallis krank geworden sind, erwähnt er ohne Hemmungen. Im Übrigen hat seine Aufzählung einen Fehler. Die Namen von Tholot, Roessli und Jacobacci fehlen darin.

Constantin spielt das Spiel, wie das Entscheidungsträger gerne tun. Sie erzählen Details unter dem Vorbehalt, nicht zitiert zu werden. So macht er das im Fall von Uli Stielike. Auch die Version, zu der er steht, ist deutlich genug: Stielike sei zu lieb mit den Spielern gewesen, die Gruppe sei auseinandergefallen. Constantin erklärte ihm am frühen Morgen des 3. November, dem Montag vier Tage nach dem 0:3 in Basel: «Ich kann nicht mehr glauben, was du über die Qualität der Mannschaft sagst. Ich begleite dich bis Ende des Jahres, um die Situation genau zu beobachten.» Stielike entgegnete: «Ich nehme mir einen Anwalt.» Und Constantin: «Mach, was du willst.» Nach zwei Minuten war das Gespräch beendet.

«Uli, geh heim»

Am nächsten Tag kehrte Stielike trotzdem auf das Trainingsgelände zurück, noch bevor die Spieler eintrafen. Constantin riet ihm: «Uli, geh heim, ich will nicht, dass die Mannschaft dich so sieht.» An anderer Stelle hat er dazu schon gesagt: Stielike sei «verwahrlost» gewesen. Inzwischen ist Stielike krankgeschrieben. Die ärztliche Diagnose soll heissen: psychologische Probleme, verbunden mit Stress. Stielike ist in Constantins Augen nicht mehr der deutsche Kämpfer, der selbstbewusst in den Krieg zieht, sondern jener, der ausgezehrt, vernichtet heimkehrt. Constantin sagt über ihn trotzdem: «Er ist ein guter Typ.»

Seit jenem Novembermorgen ist er nicht nur der Präsident, dem 100 Prozent am FC Sion gehören, nicht nur der Mäzen, der jährlich um die zwei Millionen Franken aufwendet, um das Defizit zu decken, seither ist er eben auch der Trainer. «Ich habe es satt», sagt er zu seinem intensiven Rollenspiel. Und lacht wieder. Nein, satt hat er seine Arbeit nicht. Dafür ist er zu feuriger, zu leidenschaftlicher Fussballer. Aber er sieht die Probleme vor sich auftürmen: einen Trainer, der krank ist, eine Mannschaft, die nicht gewinnt, am Samstag einen Gegner, der FCZ heisst.

Constantin fehlt die nötige Uefa-Pro-Lizenz, um Profis zu trainieren. Keiner seiner Adlaten hat sie bislang. Aber weil Stielike nur krankgeschrieben und nicht entlassen ist, hat der Verband keine Handhabe, um Constantins Treiben zu beenden. Die eigentlich Arbeit auf dem Trainingsplatz überlässt der Präsident den fünf Mitarbeitern Zermatten, Richard, Pascolo, Sinval und Armua. Er behält die Oberaufsicht und alle Entscheidungsgewalt. Ende der Vorrunde entscheidet er, wie es weitergeht. Stielike könnte zurückkehren - aber nicht mehr als Trainer mit den Befugnissen, wie er sie fünf Monate hatte, «nein, nur noch als einfacher Mitarbeiter», stellt Constantin klar.

500'000 Quadratmeter für einen Traum

«Ich bin die Lokomotive für den ganzen Verein», sagt er. Die Lokomotive kommt in Fahrt und braust durch die multifunktionale Porte d’Octodure. Hier ist alles untergebracht: Constantins Architekturbüro, ein Hotel, die Geschäftsstelle für den Klub, alle Einrichtungen für Pflege und Verpflegung der Spieler, ein TV-Studio, das Nachwuchszentrum. Constantin öffnet Zimmer um Zimmer der 16-, 17-jährigen Junioren und schüttelt nur den Kopf: «Das ist ja das totale Chaos.» Sportchef Fredy Chassot fasst den Auftrag, den Jungen zu erklären, wie sie ihre Zimmer aufzuräumen haben.

Es geht weiter auf den Spuren Constantins. Er zeigt den Trainingsplatz gleich neben dem Hotel, mit Rasenheizung. «Und jetzt nach Riddes», ordnet er an, man werde beeindruckt sein. 500'000 Quadratmeter Land hat er hier gekauft, um sich seinen Traum vom neuen Stadion und Trainingszentrum zu erfüllen. Gegen das Stadion opponiert das katholisch-konservative Priesterseminar von Ecône. Constantin hofft trotzdem, 2012 vom Tourbillon in eine moderne Arena mit rund 20'000 Plätzen gleich an der Bahnlinie Sion-Martigny umziehen zu können.

Investitionen im Wert von 20 Millionen

Den Bau finanziert er, indem er einen Teil seines Landes mit Gewinn an Grossunternehmen verkauft, die sich in Riddes niederlassen wollen. Die Arbeiten am Trainingszentrum, in einer früheren Biskuitfabrik untergebracht, stehen dagegen wenige Tage vor dem Abschluss. Auf vier Ebenen und 4000 Quadratmetern gibt es alles: Ruheräume, Sprintbahn, grosszügigen Fitnessraum, Sandplatz («um wie die Brasilianer am Strand arbeiten zu können»), einen 55 m langen Kunstrasenplatz. Eine zusätzliche Halle mit einem 60 mal 40 m grossen Platz ist geplant. Constantin ist davon selbst begeistert. Seine Investitionen in Martigny und Riddes entsprechen einem Wert von 20 Millionen Franken. Schon alles bezahlt? «Bien sûr!», sagt er. Nur von ihm? «Nur von mir.»

Zurück im Auto, beginnt er von den Logen im Stadion zu schwärmen, die so gross wie halbe Wohnungen werden sollen. Er will die Pläne dafür ein anderes Mal zeigen: «Sonst sagt man nur: Er ist noch verrückter, als alle denken.»

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