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«Eine bizarre Parallelwelt»

So reagieren Politik und Medien in Deutschland auf die Behauptung, bei der Vergabe der Fussball-WM 2006 sei mit Schmiergeld nachgeholfen worden.

Ein Sünder und eine Lichtfigur – oder doch nicht? Fifa-Chef Blatter (l.), Fussball-Kaiser Beckenbauer.
Ein Sünder und eine Lichtfigur – oder doch nicht? Fifa-Chef Blatter (l.), Fussball-Kaiser Beckenbauer.
Keystone

Die «Spiegel»-Meldung, dass bei der Vergabe der Fussball-WM 2006 an Deutschland nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei, beschäftigt natürlich auch die Vorsitzende des Sportausschusses im deutschen Bundestag. Dagmar Freitag erwartet, dass sich schon bald die Staatsanwaltschaft einschalten wird, um zu überprüfen, ob es tatsächlich schwarze Kassen und gekaufte Stimmen gegeben hat. «Persönlich bin ich eben auch der Meinung, dass interne Untersuchungen beim DFB jetzt nicht mehr das Mass der Dinge sind», sagte Freitag dem Radiosender RBB. Sie zweifle schon lange an den Selbstreinigungskräften des Sports, so die SPD-Politikerin weiter.

Freitag glaubt, dass es sich bei der für den Deutschen Fussball-Bund und die WM-Organisatoren von 2006 so unangenehmen Vorwürfen um einen konzertierten Racheakt handeln könnte. Möglicherweise gebe es unter den Funktionären mittlerweile einige, die noch alte Rechnungen begleichen wollten, sagte die 62-Jährige. Uefa-Präsident Michel Platini und sein Fifa-Amtskollege Sepp Blatter seien ja durchaus nicht die einzigen, die Probleme haben: «Der Generalsekretär der Fifa ist suspendiert worden. Einige sind lebenslang gesperrt worden. Da sind ja ganz viele Leute, die ganz viel aus der Vergangenheit wissen, und die sicherlich nicht besonders amüsiert sind über das, was ihnen mittlerweile widerfahren ist.»

«Dann müsste Beckenbauers Biografie umgeschrieben werden»

Für den Journalisten und langjährigen Fifa-Kritiker Thomas Kistner wäre es keine Überraschung, sollten seine Landsleute geschummelt haben, um die WM 2006 zu bekommen. Es läge nur in der Logik des Fussballgeschäfts, konstatiert Kistner in der «Süddeutschen Zeitung». «Dieses findet ja in einer Parallelwelt statt: Der Sport, der grösste Zweig der globalen Unterhaltungsindustrie, darf seine Milliardengeschäfte ohne Kontrolle durch externe Instanzen abwickeln – aufgrund einer bizarren, von allen Staaten garantierten Autonomie. In deren Schutz tätigt seit Dekaden eine kleine Kameradschaft von Funktionären ihre Deals.»

Sollte sich die «Spiegel»-Story als wahr erweisen, müsste laut Kistner die Biografie der nationalen Lichtgestalt Franz Beckenbauer, damals Chef des WM-OK, umgeschrieben und der DFB gereinigt und neu organisiert werden.

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schreibt derweil von «unentrinnbaren Schmutz-Kräften» im Fussball-Business, Man brauche «eine Mega-Portion Naivität nötig, um zu glauben, der Deutsche Fussball-Bund könnte so etwas sein wie eine moralische Instanz inmitten all des korrupten Unrats in den Funktionärsbüros dieses Sports».

Tognonis Glaube an das Gute

Komplett anders klingt es beim ehemaligen Fifa-Sprecher Guido Tognoni. «Ich bin überrascht, dass der DFB in so eine Sache hineingezogen wird. Ich kann es fast nicht glauben – der Deutsche Fussball-Bund war für mich eigentlich immer ein Vorbild», so Tognoni gegenüber dem TV-Sender Sky Sport News. Er wittert auch aufgrund des Zeitpunkts der Veröffentlichung eine Verschwörung und fragt:« Ist es Zufall oder gibt es eine Person, die Wolfgang Niersbach beschädigen will?» DFB-Präsident Niersbach, einst als Medienchef in die Organisation der WM 2006 involviert, gilt oder galt zumindest als Anwärter auf die Chefsessel bei Fifa und Uefa.

Der Sportjournalist Andreas Rüttenauer, 2012 Protestkandidat für das DFB-Präsidium, sagte in einem Interview mit der linken Zeitung «taz», deren Chefredaktor er war, dass der DFB auf nationaler Ebene nicht anders agiere als die Fifa im Weltmassstab. Sollte Niersbach, der den sofortigen Rücktritt von Blatter forderte, konsequent handeln, müsste er nun umgehend abtreten.

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