Ein Hauch von Abstiegskampf

Das 2:2 zwischen Thun und Xamax hilft keiner der beiden Mannschaften wirklich weiter. Wie wichtig ein Sieg gewesen wäre, zeigt sich in den Emotionen, die bei Spielende aufkommen.

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Simon Scheidegger@theSimon_S

Es ist empfindlich kühl am Samstagabend in der Stockhorn Arena, Und doch wird es kurz vor 21 Uhr hitzig. Schiedsrichter Alessandro Dudic hat die Partie zwischen dem FC Thun und Xamax beendet, doch Thun-Trainer Marc Schneider und Xamax-Stürmer Raphaël Nuzzolo stehen am Spielfeldrand und diskutieren heftig.

Vor der Saison war das Duell zwischen Thunern und Neuenburgern als Affiche zweier Abstiegskandidaten ausgemacht worden. Und in diesem Moment schwebt ein Hauch von Abstiegskampf über der Stockhorn Arena. Dass die Oberländer mit 18 Punkten aus 12 Partien in die Spielzeit gestartet sind, auf Rang 3 liegen und alles andere als wie ein Abstiegskandidat agieren, spielt in diesem Moment keine Rolle. 2:2 steht am Ende auf der Anzeigetafel – an sich ein ­versöhnliches Ergebnis.

Aber richtig glücklich ist damit niemand. Die Xamaxiens nicht, weil sie in der 93. Minute nach einem Volleyschuss von Marvin Spielmann den späten Ausgleich hinnehmen mussten. Die Thuner nicht, weil sie es verpasst hatten, aus ihrer spielerischen Überlegenheit in der ersten Halbzeit Kapital zu schlagen und mit einem deutlichen Polster in die Pause zu gehen. «In unserer ­Situation können wir nicht zwei Punkte verschenken», sagt Nuzzolo, und Schneider meint, dass sie aufgrund des Spielverlaufs mit dem einen Punkt wohl ­zufrieden sein müssen.

Gerbers mulmiges Gefühl

Vor und nach dem Tor von Dejan Sorgic vor der Pause verpassten es die Thuner mehrfach nachzulegen. Und so kam der Aufsteiger nach dem Seitenwechsel besser in die Partie – und wendete das Geschehen bis zur 81. Minute. Die Führung hatte Bestand bis zu Spielmanns Kunstschuss in der Nachspielzeit.

«Ich bin sehr froh, haben wir nicht verloren», sagt Andres Gerber. «Vor allem mit Blick auf die Tabelle.» Der Sportchef betont zwar immer wieder, dass die einzige für ihn relevante Tabelle diejenige sei am Saisonende, und doch ist dem 45-Jährigen sehr wohl bewusst, dass der Vorsprung auf die vor diesem Spieltag letztplatzierten Neuenburger bei einer Niederlage auf fünf Punkte geschrumpft wäre, dass die Thuner trotz bisher überzeugenden Leistungen in dieser Saison mit schwungvollem, attraktivem Angriffsfussball, der sie zwischenzeitlich bis auf Rang 2 geführt hat, plötzlich wieder näher an der Zone gewesen wären, in die sie in diesem Jahr auf keinen Fall geraten wollen: die Abstiegskampfzone.

Gerber spricht von einem mulmigen Gefühl, dass ihn in der zweiten Halbzeit überkommen habe. Er merkte, dass die Thuner im Zentrum ­Probleme hatten und zunehmend den Zugriff auf die Partie verloren. «Aber wir hätten dieses Spiel auch 5:1 gewinnen können», meint Gerber, wie das erste Aufeinandertreffen der beiden Teams in dieser Saison auf der Maladière also.

Nuzzolos «Sorry»

Wäre dieses Szenario eingetroffen – die Thuner wären sich im Kabinengang freudig in den Armen gelegen, hätten von ihrem unglaublichen Potenzial in der Offensive geschwärmt und vielleicht endgültig gemerkt, dass sie in dieser Saison näher an den Spitzenteams als an den Abstiegskandidaten liegen. So aber herrscht mehr Zurückhaltung, und sie sind zumindest bemüht, das Positive hervorzuheben. Schneider lobt seine Mannschaft explizit für die erste Halbzeit. Und Marvin Spielmann sagt, es spreche fürs Team, dass es zum wiederholten Mal auf einen Rückstand habe reagieren können. «Ein Punkt ist nie ein Rückschlag, aber es muss unser Anspruch sein, zu Hause zu gewinnen.»

Als Spielmann das sagt, läuft Raphaël Nuzzolo mit suchendem Blick durch die Mixed Zone. Er erkundigt sich bei Gerber, ob er wisse, wo Marc Schneider sei. Als dieser wenig später zum TV-Interview schreitet, fängt ihn Nuzzolo ab. Von den Emotionen bei Spielschluss ist nichts mehr zu spüren. Der Neuenburger entschuldigt sich, er habe in der Situation überreagiert, als sich Schneider seinerseits über ­Xamax-Goalie Laurent Walthert aufregte, weil dieser sich in der Nachspielzeit bei einem Abschlag viel Zeit liess. «Sorry», sagt Nuzzolo, und Schneider entgegnet, es sei doch alles gar kein Problem. Die beiden umarmen sich, und Schneider sagt: «Wir sind beide emotionale Typen. Das gehört dazu.»

Berner Zeitung

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