YB 365 Tage nach dem Bickel-Rauswurf

Vor einem Jahr lagen die Young Boys nach dem Rauswurf von Sportchef Fredy Bickel am Boden. Eine Analyse der wundersamen Auferstehung nach dem tiefen Fall.

Auf dem Weg nach oben: Bei YB gibt es derzeit viel Grund zur Freude.

Auf dem Weg nach oben: Bei YB gibt es derzeit viel Grund zur Freude. Bild: Christian Pfander

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Es war ein schöner Traum. Und es hätte ja sein können. YB gegen Real Madrid, am Mittwochabend im ­Stade de Suisse, erster Spieltag der Champions League. Sternenliga, Hymnensound, Cristiano in Bern.

Die Young Boys verpassten die Königsklasse vor drei Wochen gegen ZSKA, sie treten morgen zu Hause gegen Partizan Belgrad zum Start der Europa League an. Diesen Wettbewerb kennen sie, es ist die fünfte Teilnahme seit 2010, was zweierlei beweist. ­Erstens sind die Young Boys re­lativ erfolgreich, weil es für einen Schweizer Verein keine Selbstverständlichkeit darstellt, im Herbst noch im Europacup en­gagiert zu sein.

Zweitens aber scheitern sie immer noch in richtig grossen Begegnungen – die sie sich erspielt haben durch Erfolge in einigermassen grossen Be­gegnungen. In der Europa League sind die Berner Stammgäste, nur neun Teams qualifizierten sich öfter für die Gruppenphase. Enttäuscht haben sie noch nie.

Pannen und Peinlichkeiten

Nicht viel Neues also bei YB? Schliesslich stehen sie in der Eu­ropa League. Wie vor einem Jahr. Schliesslich haben sie einen Achterbahn-Saisonstart hinter sich mit Euphorie und Rückschlägen. Wie vor einem Jahr. Schliesslich haben sie nach sieben Runden in der Super League viermal gewonnen. Wie vor einem Jahr.

Damals allerdings lagen die Young Boys mit 12 Punkten auf Rang 2, 9 Zähler hinter makel­losen Baslern – diesmal sind sie Leader mit 14 Punkten, 3 Zähler vor kriselnden Baslern.

Und vor allem: Am Mittwoch vor genau einem Jahr lag YB schwer ge­troffen am Boden. Mies die Stimmung, führungslos die Abteilung, hollywoodreif die Selbstzerfleischung. Am 13. September 2016 wurde Fredy Bickel als Sportchef entlassen. Es war der Höhepunkt eines gewaltigen Umbruchs im Klub, dem weiss-nicht-wievielten in den letzten Jahren, im Zuge von dessen peinlicher Moderation auch der konfuse Verwaltungsrat Urs Siegenthaler gehen musste.

Kaum diskutable Entscheide

Wenn man sich daran erinnert, wie kaputt die Young Boys vor zwölf Monaten waren, ist es beinahe ein Wunder, wie toll sie sich entwickelt haben. Baumeister des Aufschwungs ist, natürlich, Christoph Spycher. Berner, Identifikationsfigur, Teamplayer, fachkundig und sozialkompetent und beliebt. Es waren nach der Entlassung Bickels intensive Tage für Spycher. Und wenn sich der Talentmanager nicht dazu entschieden hätte, die Verantwortung im Sportbereich zu übernehmen, wäre es für die Young Boys äusserst ungemütlich geworden.

Ursprünglich vorgesehen als Sportchef in den chaotischen Planungen des Verwaltungsrates war übrigens ein gewisser Paul Meier gewesen. Man vergisst und verdrängt schnell. Spycher war die einzige Möglichkeit für den Klub, so rasch wie möglich aus dem Schlamassel herauszufinden. Seit seiner Installierung herrscht Ruhe, die Stimmung ist viel besser, es wird vernünftiger, zielorientierter, günstiger gearbeitet. Und: Es gibt kaum einen Entscheid unter Spycher, der diskutabel erscheint. Er dreht an den richtigen, wichtigen Schrauben, installierte den vernetzten, tüchtigen Gérard Castella als Ausbildungschef, verkaufte die sehr kostenintensive Mittelklasse, engagierte Toptalente.

Und setzte den Auftrag, massiv weniger Ausgaben zu verursachen, konsequent um. Vielleicht war die (kostspielige) Vertragsverlängerung mit dem einflussreichen, aber verletzungsanfälligen Guillaume Hoarau gleich bis 2020 voreilig. Doch da stand der Sportchef unter Druck, weil dem 33-jährigen Hoarau reizvolle Angebote aus Frankreich vorlagen.

Fit für die Zukunft trimmen

Ansonsten aber drückten Spycher und sein Stab dezidiert auf die Kostenbremse. Und die Einnahmen aus Spielerverkäufen im Jahr 2017 übersteigen die 25-Millionen-Franken-Marke, was selbstverständlich auch ein Verdienst von Spychers Vorgänger Bickel ist, unter dessen Führung einige der teuer verkauften Fussballer verpflichtet worden waren.

Wenn man sich das Auf und Ab der Young Boys in der Vergangenheit vergegenwärtigt, darf man ausgesprochen gespannt sein, wo der Klub in zwölf Monaten stehen wird. Der Wind dreht rasant in diesem Business. Vor einem Jahr startete YB unmittelbar nach dem Rausschmiss von Bickel in tiefer Tristesse mit einem 0:1 gegen Piräus in die Europa League. Diese Heimniederlage war entscheidend für das knappe Scheitern in der Gruppenphase.

Die Aussichten nach dem gelungenen Beginn dieser Spielzeit sind in allen drei Wettbewerben reizvoll. Vielleicht kann Basel in Bedrängnis gebracht und sogar die Titelsehnsucht endlich, endlich gestillt werden. Noch viel bedeutender für die langfristige ­Zukunft des Betriebs ist die beharrliche Umsetzung der Philosophie. Nach massiven Verlusten von 2010 bis 2016 geht es darum, den Verein auf wirtschaftlich stabilere Beine zu stellen – und fit für die Zukunft zu trimmen.

Als hübsche Braut, sportlich wie finanziell, wäre es einfacher, einen Käufer für das Konstrukt YB/­Stade de Suisse zu finden. Die Brüder Rihs als zuweilen sprunghafte, aber jederzeit spendable Besitzer haben die Existenz garantiert, sind aber schon länger daran interessiert, eine sinnvolle Nachfolgeregelung zu finden. Im Idealfall eine mit Berner Bezug. Russische, arabische oder chinesische Spekulanten als Eigentümer wird es kaum geben.

Ein Titelgewinn würde dem gelungenen Turnaround die Krone aufsetzen. Dann wäre auch eine Teilnahme an der Champions League realistischer. Inklusive des Traums eines Besuchs von Real Madrid in Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2017, 10:12 Uhr

Verletzungssorgen

Grosses Pech für YB: Gleich drei Stammkräfte sind verletzt. Sie mussten am Sonntag gegen Lugano (3:0) ausgewechselt werden. Loris Benito fällt mit einer Oberschenkelverletzung vier bis sechs Wochen aus. Leonardo Bertone pausiert mit Schmerzen am rechten Fussgelenk ebenfalls wochenlang. Offen ist, ob Bertone sogar noch operiert werden muss. Guillaume Hoarau schliesslich fehlt zwei bis vier Wochen. Den regelmässig ­verletzten Torjäger plagt eine starke Oberschenkelprellung.fdr

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