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Die zwei glücklichen Ex-Thuner

Jeff Saibene ist mit Bielefeld so gut in die 2. Bundesliga gestartet wie Urs Fischer mit Union Berlin: 2 Spiele, 4 Punkte. Die früheren Trainer des FCT schwärmen von ihren Arbeitsplätzen.

Haben ihr Glück in der zweithöchsten Deutschen Spielklasse gefunden: Urs Fischer und Jeff Saibene. Bilder: Getty, Imago
Haben ihr Glück in der zweithöchsten Deutschen Spielklasse gefunden: Urs Fischer und Jeff Saibene. Bilder: Getty, Imago

Der eine war Trainer beim FC Thun von Oktober 2015 bis März 2017, der andere von Anfang 2013 bis Juni 2015; der eine heisst Jeff Saibene, der andere Urs Fischer. Jetzt sind beide in der 2. Bundesliga daheim: Saibene hat in Bielefeld seit eineinhalb Jahren für einen Aufschwung gesorgt, Fischer ist im Juni in Berlin angetreten, um mit Union zu einem Höhenflug anzusetzen.

Jeff Saibene: Der Stolz nach dem Zweifel

Jeff Saibene: Seit Frühling 2017 bei Arminia Bielefeld. Foto: Keystone
Jeff Saibene: Seit Frühling 2017 bei Arminia Bielefeld. Foto: Keystone

Jeff Saibene spaziert durch die Fussgängerzone der Altstadt von Bielefeld und gibt bei dieser Gelegenheit gleich auch den Fremdenführer. Er empfiehlt Restaurants, erzählt von den Sehenswürdigkeiten in der Gegend, beschreibt die Menschen als zuvorkommend und sagt: «Hier fühle ich mich richtig wohl.»

Ihn hat es beruflich nach Ostwest­falen gezogen, als die Arminia rief, der traditionsreiche Verein aus der 2. Bundesliga. Es war im Frühjahr 2017, und Saibene sollte der Retter sein. Die Mannschaft stand im Ruf, schwer führbar zu sein, ihr drohte vor allem der ­tiefe Fall in die Drittklassigkeit. Und ­allein in jener Saison waren drei Trainer gescheitert. Saibene hatte sich mit Thun darauf geeinigt, die Zusammenarbeit per Sommer zu beenden – nun kam die Trennung noch früher.

Aus dem Berner Oberland verabschiedete er sich damals mit einem 2:2 gegen St. Gallen und flog am gleichen Abend nach Deutschland, weil für Montag seine Präsentation geplant war. Aber in der Nacht befielen ihn auf einmal Zweifel, ihn quälten auf einmal Fragen: Kann ich das überhaupt? Und: Was denken die Leute wohl von mir? Ihm trieben diese Gedanken Schweiss auf die Stirn. Er rief seine Frau an und sagte: «Ich weiss nicht, ob ich das durchziehe.» Sie aber ermutigte ihn dazu, nicht umzukehren. Und am Morgen, als er sich auf den Weg zur Pressekonferenz machte, dachte er: «Ich probiere es.»

Vertrag bis 2021 verlängert

Heute kann er schmunzeln, wenn er von den Stunden damals berichtet, weil: Heute geht es ihm blendend. Und in Bielefeld hat keiner Bedenken, ob Saibene die Qualität hat, nein, in Bielefeld sind sie ihm dankbar für die geleistete Arbeit. Der luxemburgisch-schweizerische Doppelbürger, der am 13. September ­seinen 50. Geburtstag feiert, verhalf der Arminia zuerst zum Ligaerhalt.

Dafür wurde sein Vertrag, der zunächst nur für drei Monate gültig war, um zwei Jahre verlängert. Es folgte eine starke Saison mit Platz 4. Und nun ist das Team mit einem 1:1 in Heidenheim und einem 2:1 gegen Dynamo Dresden in die nächste Meisterschaft gestartet. Der Verein ist mit seinem leitenden Angestellten so glücklich, dass er sich mit ihm auf eine Ausdehnung der Zusammenarbeit bis 2021 einigte.

Saibene sitzt mittlerweile vor einem Teller Spaghetti. Und schwärmt. Bald zieht er in eine Dachwohnung mitten in der Altstadt, und wenn er auf den Fussball zu reden kommt, zeigt er Emotionen. Er war immer schon ein Fan der Bundesliga, und jetzt erlebt er mittendrin, wie auch eine Stufe tiefer die Begeisterung für diesen Sport enorm ist.

In der vergangenen Saison kamen durchschnittlich 18'000 Zuschauer ins Stadion, das für die Einheimischen die «Alm» ist – so viele wie noch nie in der 2.-Bundesliga-Geschichte der Arminia. «Es gibt zig Trainer, die gerne in Bielefeld arbeiten würden», sagt er, «ich darf es. Das macht mich glücklich und stolz.»

Als Saibene in Luxemburg aufwuchs, gab es für ihn nur eine Mannschaft: den HSV. Und nun, am 27. August, fährt er mit der Arminia nach Hamburg, um gegen eben diesen HSV zu spielen, und über 50'000 Zuschauer werden dabei sein. Beim Gedanken daran leuchten Saibenes Augen: «Wahnsinn, was da los sein wird!»

Urs Fischer: Der Schweizer und der Totomat

Urs Fischer: Seit Sommer 2018 bei Union Berlin. Foto: Marco Leipold (Getty Images)
Urs Fischer: Seit Sommer 2018 bei Union Berlin. Foto: Marco Leipold (Getty Images)

Ein Jahr hat Urs Fischer pausiert nach zwei Saisons, in denen er mit dem FC Basel drei Pokale gewonnen hat. Er gönnt sich eine Auszeit, geniesst sie auch, aber im Winter beginnt es wieder ­zu kribbeln. Der 52-jährige Trainer wäre bereit – aber er muss sich gedulden. Er vernimmt von Interessenten aus Deutschland, aber es konkretisiert sich lange nichts. Bis im Mai. Bis sich Union Berlin meldet.

Er trifft sich mit Präsident Dirk Zingler und Sportdirektor Oliver Ruhnert, ist beeindruckt von der Infrastruktur («ganz hohes Niveau») und kommt zum Schluss: «Das passt, wir ticken auf der gleichen Wellenlänge.» Der Zürcher verlegt seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin, auch wenn er und seine Familie den Wohnsitz in Zürich behalten.

Fischer erhält einen Vertrag bis 2020 und hat ­weder zittrige Knie noch eine brüchige Stimme, als er sich im Juni erstmals nach über zwölf Monaten wieder vor eine Mannschaft stellt. Das ist vor allem den Erfahrungen und Erfolgen in Basel zu verdanken: «Beim FCB habe ich meinen Rucksack gefüllt. Das hilft.» Er verliert keine böse Silbe über Basel, über die Trennung: «Ich hatte meine Zeit da, und es war eine gute Zeit.»

Mit 1500 Fans nach London

Angefangen hat ein neues Kapitel. Und sein neuer Arbeitgeber ist nicht irgendeiner, sondern einer mit reicher Tradition und imposantem Rückhalt. Das zeigt sich nicht nur während der Meisterschaft. Als der Zweitligist in der ­Vorbereitung zu einem Testspiel zu den Queens Park Rangers nach London reist, begleiten 1500 Supporter das Team. «Unglaublich!», sagt Fischer. Er ist von der Verbundenheit zutiefst beeindruckt.

Er lernt eine neue Liga kennen, er muss sich aber auch sprachlich anpassen. Als er vor dem Saisonstart seine Spieler an der Teamsitzung auf Gegner Aue einstimmt, sagt er ihnen: «Entscheidend ist, was am Schluss auf dem Totomaten steht.» Grosse Augen, fragende Blicke, Fischer realisiert: Er wird nicht verstanden. Totomat? Was ist das denn? Der Schweizer wird vom Sport­direktor aufgeklärt, dass dieser Begriff in Deutschland unbekannt ist. Fischer lacht und prägt sich ein, dass «Anzeigetafel» passend ist. «Ich muss schon noch an meinem Hochdeutsch feilen», sagt er.

Immerhin gelingt den «Eisernen», wie die Unioner genannt werden, an jenem Sonntag ein 1:0 gegen Aue. Eine Woche später geht es nach Köln, zum Absteiger mit grossen Ambitionen. «Wir müssen bei dieser Kulisse sehr mutig sein», fordert der Trainer. Union hält vor 50'000 Zuschauern dagegen, holt ein 1:1 und ist – wie Saibenes Bielefeld – nach zwei Spieltagen bestens unterwegs. Fischer zeigt mit dem Daumen nach oben. Er ist glücklich.

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