Die Bayern spielen wie ein Kleiner und werden gross belohnt

Der FC Liverpool scheitert an Bayerns Defensivtaktik. Darum verdient er sich nicht mehr als ein torloses Remis.

Die Highlights der Partie zwischen Liverpool und Bayern München. (Video: Teleclub)
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Es sollte ein Spektakel werden, ein Ereignis. Es sollte zeigen, zu welch mitreissender Kraft Liverpool unter Jürgen Klopp geworden ist. Und dann? Dann ist Anfield so leise wie kaum einmal, und am Ende hat dieses Spiel, dieses Hinspiel im Achtelfinal der Champions League zwischen Liverpool und Bayern München das einzige Ergebnis, das ihm zusteht. Das 0:0 drückt aus, wie dröge die Unterhaltung gewesen ist.

Zwei Stunden vorher, Anfield, sagenumwoben, verklärt, laut. Das ist der Ruf dieses wunderbaren Stadions von Liverpool, und wer «You’ll never walk alone» noch nie hier gehört hat, gerade an einem Europacup-Abend, hat etwas verpasst. Für den Match an diesem Dienstag würde auch Jürgen Klopp alles tun, um ein Ticket zu erstehen, wenn er denn neutraler Beobachter wäre und das nötig hätte.

Doch der Kop schweigt, und Anfield lebt nicht. Liverpool gegen Bayern, dieser Achtelfinal zwischen zwei Grössen des europäischen Fussballs, hält zu keinem Moment, was er versprochen hat, weder vor noch nach der Pause. Dass die beiden Respekt voreinander haben, ist jeden Moment spürbar, kaum hat das Spiel begonnen. Die Bayern haben Angst vor der Wucht und Kraft, die Liverpool dank Salah, Firmino und Mané entwickeln kann. Die Gastgeber fürchten einen Gegner, der bei allem Krisengerede eben noch immer Bayern heisst und noch immer sehr viel Erfahrung besitzt. Wenn die Bayern über Probleme klagen würden, hat Liverpools Trainer Klopp am Vortag gesagt, dann würden sie das auf hohem Niveau tun.

Zweimal Mané, mehr nicht

Die Münchner bestimmen das Spiel nicht, aber sie prägen es mit ihrer Taktik, jegliches Tempo zu drosseln und dem Liverpooler Explosivtrio keine Möglichkeit zur Entfaltung zu bieten. Dass sie den Ball vornehmlich in der Defensive halten, macht die Sache nicht attraktiv, aber sie ist effektiv, zumindest aus Sicht der Gäste.

Was der Leader der Premier League und der Zweite der Bundesliga an Unterhaltung bieten, ist sehr mau. Die grossen Momente sind schnell nacherzählt. Salah, der Hochgelobte, hat nicht einen und Firmino auch keinen. Der Auffälligste in der vordersten Reihe ist noch Sadio Mané, der Senegalese. Einmal verzieht er aus 15 Metern, einmal vergibt er aus wenigen Metern, es ist die beste Möglichkeit überhaupt für seine Mannschaft.

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Doch es gibt oft auch die anderen Szenen wie jene von Robertson. Als der stürmische Linksverteidiger endlich einmal Platz hat, schlägt er die Flanke so, dass sie auf der anderen Seite ins Aus fliegt. Es ist einer dieser Momente, der typisch ist für die fehlende Präzision in der Liverpooler Offensive.

Die Bayern treten nach der Pause nichts anderes auf als vorher. Sie tun alles, um nichts zu riskieren, und wenn sie das doch einmal tun, dann nicht aus Absicht, sondern aus Schludrigkeit in ihrem Passspiel in der eigenen Platzhälfte. Klopp versucht, von der Seitenlinie aus, seine Mannschaft anzutreiben, sie kann ihren Chef aber nicht zufrieden stellen. Sie ist nicht im Ansatz fähig, die Dynamik zu entwickeln, die sie unter dem deutschen Trainer zumindest in ihrem eigenen Stadion zu einer Attraktion gemacht hat.

Ernsthafte Torschüsse nach der Pause? Null. Chancen? Null.

Bayerns grosser Lohn

Alexander-Arnold und Robertson sind nicht die offensiv wirkungsvollen Aussenverteidiger, die sie so oft sind. Aus dem Mittelfeld heraus entwickelt Wijnaldum keine Gefahr. Und die drei vorne, die werden ihrem Ruf auch nicht gerecht. 91 Tore erzielten sie letzte Saison zusammen, 44 in 99 Einsätzen sind es auch jetzt schon wieder, die Zahlen stehen im krassen Widerspruch zu ihrer Leistung an diesem zunehmend verregneten Abend.

Die Bayern sind zufrieden, wie das läuft. Ein 1:1 hat sich ihr Präsident Uli Hoeness als Basis fürs Rückspiel gewünscht. Das Unentschieden wird es. Mehr steht ihnen auch nicht zu, weil sie in der ersten Halbzeit zu wenig tun und nur eine Chance haben, als Matip seinen eigenen Torhüter Alisson aus fünf Metern anschiesst. Und weil sie in der zweiten gar nichts mehr tun. Sie treten auf wie eine kleine Mannschaft und werden gross belohnt.

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